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„Der Tank ist bei vielen Menschen spätestens jetzt leer“, sagt Wirtschaftspsychologe Bertolt Meyer über die anhaltenden Belastungen für Beschäftigte. Foto: picture alliance/dpa
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„Der Tank ist bei vielen Menschen spätestens jetzt leer“, sagt Wirtschaftspsychologe Bertolt Meyer über die anhaltenden Belastungen für Beschäftigte.

Mentale Belastung

Burnout-Gefahr steigt

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Ein Jahr Homeoffice – die Belastungen bleiben hoch. Eine Studie zur Zufriedenheit von Beschäftigten zeigt jedoch: Unternehmen lernen in der Krise dazu .

Bei der pädagogischen Beraterin Julia Gakstatter meldete sich kürzlich eine Frau, die nicht mehr weiterwusste. Eine Frau sonst voller Energie, die mit beiden Beinen im Leben stehe, in einer gehobenen Position eines internationalen Unternehmens arbeite, berichtet Gakstatter. Die Frau erzählte ihr davon, wie sie in ein Loch gefallen war und mental wie körperlich zu leiden hatte: „Ihre Balance, die sie viele Jahre hatte, kam total ins Wanken.“

Gakstatter und ihre Kollegin beim Netzwerk Selbsthilfe und Ehrenamt im Kreis Steinfurt im Münsterland erreichen seit Monaten vermehrt Anfragen zu psychischen Erkrankungen und Themen wie Einsamkeit. Aus dem Anruf wurde im März eine Online-Gesprächsrunde mit dem Thema „Burn-out als Konsequenz von Corona“.

Fünf weitere reagierten auf den Aufruf – weniger als erwartet. Am Ende kam jedoch nur eine andere Person dazu. Gakstatter vermutet, dass digitale Treffen, derzeit die einzige Möglichkeit für Selbsthilfegruppen, eine Hemmschwelle für Ausgelaugte darstellten – nach dem Motto: „Nicht noch eine Videokonferenz!“

Beschäftigte fühlen sich in der Corona-Krise stärker belastet. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Beratungsunternehmens Gallup, die am Donnerstag veröffentlicht wurde: Demzufolge hatten in Deutschland im Herbst 35 Prozent der Befragten das Gefühl, aufgrund von Arbeitsstress ausgebrannt zu sein. 2018 und 2019 waren es lediglich 26 Prozent. „Die Burn-out-Gefahr ist sprunghaft angestiegen“, konstatiert Gallup-Experte Marco Nink.

Hohe Wechselbereitschaft

Gallup ermittelt seit 2001 hierzulande anhand von zwölf Fragen die Zufriedenheit von Beschäftigten. Dafür werden jeweils mehr als 1000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer telefonisch befragt.

Für das Frühjahr 2020 hatte die Untersuchung einen „massiven Vertrauensverlust“ festgestellt. Die Krise habe anfangs dazu geführt, dass der Mensch im Unternehmen vom Aufmerksamkeitsradar verschwunden sei, sagt Nink. Viele hätten sich ausgebrannt gefühlt, auch, „weil sie keine gute Führung erlebten“. In Bezug auf die Situation im März 2020 widersprach mehr als jede:r dritte Befragte der Aussage „Mein Unternehmen interessiert sich für mein allgemeines Wohlergehen“.

Die gute Nachricht: Die neuesten Daten für den Herbst zeigen laut Gallup eine Trendumkehr: Unternehmen haben demnach „ihre Hausaufgaben gemacht“. Die Werte liegen für diese Zeit auf Vorkrisenniveau. Gallup-Experte Pa Sinyan ruft dazu auf, „die Art, wie wir führen“, neu zu denken. Noch würden zu oft Defizite ins Zentrum gestellt. Gerade zu Beginn der Krise habe man „die Stärken der Mitarbeiter vergessen“. Die Gelegenheiten, positive Rückmeldung zu geben, seien aufgrund fehlender Nähe weniger geworden.

Dennoch stellt die Untersuchung insgesamt fest, dass die Beschäftigten sich im vergangenen Jahr ihrem Unternehmen so eng verbunden gefühlt haben wie nie zuvor – gleichzeitig ist jedoch auch die Wechselbereitschaft auf ein Rekordhoch gestiegen. „Besonders wechselwillig sind die Beschäftigten, die in den vergangenen Monaten in Kurzarbeit waren oder es noch sind“, heißt es. Arbeitgeber müssten „gezielt gegensteuern“ und wechselwillige Beschäftigte „emotional zurückgewinnen“, mahnt Nink. „Sonst verlieren sie nach dem Lockdown viele Beschäftigte.“

Die belastende Situation ist aber noch nicht ausgestanden. Zum einen fühle sich eine Mehrheit der Beschäftigten, die weiterhin vor Ort arbeiten, am Arbeitsplatz aufgrund der Infektionsgefahr unsicher, sagen Nink und Sinyan. Zum anderen hinterließen Kurzarbeitserfahrungen bei den Menschen Spuren. Wenn man das Gefühl habe, man werde nicht als „Kapital, sondern als Ballast“ wahrgenommen, „fühlt sich das für Beschäftigte nicht gut an“.

Auch Wirtschaftspsychologe Bertolt Meyer von der Universität Chemnitz beobachtet die mentalen Belastungen Angestellter in der Pandemie. Die Ergebnisse einer von ihm durchgeführten Befragung erschienen Ende Februar im „International Journal of Psychology“. Darin heben Meyer und seine Co-Autor:innen die prekäre Lage vieler Frauen hervor: „Unsere Daten legen den Schluss nahe, dass sich die Mehrfachbelastung insbesondere für berufstätige Frauen im Homeoffice in Haushalten mit Kindern während der Schul- und Kita-Schließungen besonders verschärft hat“, teilt er auf Anfrage der FR mit.

Mehr Hilfe für Frauen

Für Frauen wie Männer zeige sich zudem, dass die emotionale Erschöpfung, laut Meyer die „Kernfacette des Burn-out-Syndroms“, während der aktuellen Welle im Vergleich zur vorherigen noch einmal besorgniserregend zugenommen habe. „Der Tank ist bei vielen Menschen spätestens jetzt leer“, hält Meyer fest.

Arbeitgeber:innen sollten deswegen durch vertrauensvolle und flexible Arbeitsbedingungen helfen, Partner:innen sich solidarisch zeigen. Für berufstätige Frauen mit Kindern und deren Umfeld könnten Schnelltests priorisiert werden, schlägt Meyer vor. Kitas könnten noch mehr Notbetrieb für Kinder anbieten und Krankenkassen aus den Mitteln des Präventionsgesetzes spezifische Angebote schaffen – bis hin zum Babysitterservice für ausgebrannte berufstätige Frauen.

Julia Gakstatter von der Selbsthilfekontaktstelle will die Gesprächsrunde weiterführen – sobald möglich analog. Für viele Betroffene sei es schwer, nach außen zu erklären, was einen belaste. Beim ersten Treffen der beiden Teilnehmenden hieß es dagegen oft: „Ja, so kenne ich das auch!“

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