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Bundesagentur Sprind: Auf der Jagd nach der umwälzenden Idee

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Von: Björn Hartmann

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Ein Sprind-Projekt: Roland Damann (Mitte) und sein Team wollen mit Wolken von Luftblasen Mikroplastik aus Gewässern entfernen. SPRIND
Ein Sprind-Projekt: Roland Damann (Mitte) und sein Team wollen mit Wolken von Luftblasen Mikroplastik aus Gewässern entfernen. © Sprind

Die Bundesagentur Sprind sucht nach Sprunginnovationen. Sie sollen die Welt besser machen und Deutschland wirtschaftlich vorn halten.

So richtig elektrisierend sieht die „Heimat für radikale Neudenker:innen“ in Leipzigs Nordosten nicht aus. Sie steht auf einem ehemaligen Güterbahngelände, einer Fläche mit sehr viel Potenzial, würde es bei Makler:innen heißen. Ein Tierbedarfsgeschäft, ein Baumarkt und um die Ecke der beste Leipziger Technoklub. Und doch: Hier sitzt seit 2019 eine deutsche Behörde, die Bundesagentur für Sprunginnovation. Sie soll die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands mitgestalten.

Warum braucht die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt so etwas? Und was ist überhaupt eine Sprunginnovation? „Eine Sprunginnovation verändert die Welt. Und um diese Innovation herum entstehen weitere Innovationen, neue Industrien“, sagt Rafael Laguna de la Vera. Der 56-jährige ist Chef der Agentur, ist Mehrfachgründer, Tech-Unternehmer, Risikokapitalgeber. Und treibender Kopf hinter Sprind, die im Auftrag von Bildungs- und Wirtschaftsministerium genau solche Innovationen finden soll.

US-Behörde ist Vorbild für Bundesagentur Sprind

„Wenn eine Idee nicht ein bisschen irre ist, ist sie nicht innovativ. Bei Sprunginnovationen gilt das noch ein bisschen mehr.“ Ihre volle Wucht ist dabei erst hinterher klar. Oder, wie es Laguna sagt: „Solche Ideen klingen von vornherein schon etwas verrückt. Wenn sie dann in die Welt kommen, wirken sie völlig normal.“ Ein Beispiel: „Wenn jemand vor 30 Jahren gesagt hätte: ,Wir haben das Weltwissen in einem Gerät in der Hand abrufbereit‘, wäre die Person auch schief angesehen worden.“ Heute sucht fast jeder schnell auf dem Smartphone, um die Höhe des Eiffelturms herauszufinden oder die des deutschen Bruttoinlandsprodukts.

Die Tücke der Sprunginnovation: „Wir können nur erkennen, ob eine Idee das Potenzial für eine Sprunginnovation hat“, sagt Laguna. Deshalb geben viele Staaten sehr viel Geld aus, um die richtigen Ideen zu entdecken. Vorbild, auch für Sprind, ist Darpa (Defense Advanced Research Projects Agency) des Verteidigungsministeriums der USA, das unter anderem entscheidend für die Entwicklung des Internets war. Außerdem finanzierte Darpa vor Jahren das Biotech-Unternehmen Moderna, das einen innovativen Impfstoff auf mRNA-Basis entwickeln wollte. Die Technik verhalf in der Covid-19-Pandemie sehr schnell zu einem Impfstoff.

Bundesagentur Sprind veranstaltet Innovationswettbewerbe

Ideen schwirren im Deutschland der Tüftler und Tüftlerinnen reichlich herum. Es müssen also nur die richtigen gefunden werden. Menschen mit innovativen Projekten können sich bewerben. Etwa 1000 Projekte haben sich die Sprind-Mitarbeiter:innen inzwischen genauer angesehen. Vierzig prüften sie gemeinsam mit Fachleuten darauf, ob sie für eine Sprunginnovation taugen. Sechs fördert die Behörde inzwischen mit vier bis 15 Millionen Euro pro Jahr.

Außerdem schreibt die Behörde Innovationswettbewerbe zu bestimmten Themen aus. Vier solcher Sprind-Challenges gab es bisher. Etwa dazu, wie sich CO2 aus der Luft entziehen und für Produkte nutzen lässt oder Energie bei gleichzeitig sehr geringen Kosten langfristig gespeichert werden kann. Von den jeweils rund 50 Vorschlägen wählt eine Jury von Expert:innen die vielversprechendsten aus. Sie werden dann ein Jahr lang mit einer halben bis einer Million Euro finanziert. Danach wird bewertet, gesiebt und gegebenenfalls weitergefördert.

Bundesagentur Sprind: „Wir sind keine Behörde, sondern ein Start-Up“

2022 hatte die Behörde etwa 80 Millionen Euro Etat, 2023 sollen es 175 Millionen sein. Bei der Gründung hatte sich der Bund auf eine Milliarde Euro für zehn Jahre festgelegt. Das Geld fließt nicht einfach so: „Wir müssen um jeden Haushalt kämpfen“, sagt Laguna. Was vielleicht auch am Konzept liegt. „Wir sind keine typische Behörde, sondern ein Start-up, das projektbezogen mit den klügsten Köpfen des Landes arbeiten kann.“ Auf etwa 300 Fachleute aus Politik und Forschung kann Sprind zurückgreifen.

Neuartige effiziente Computerarchitektur, kognitive Datenbank der Zukunft, Revolution des Gesundheitswesens mit Nanogami – klingt alles immer noch nicht verrückt genug? Vielleicht das hier: Eine Holodeck-Brille nach einem technischen Gimmick der Star-Trek-Serie. Durch sie werden in einem Raum virtuelle Welten simuliert, durch die man sich dann bewegen kann. „Die Holodeck-Brille soll einer normalen Brille ähneln, ins volle Sichtfeld sollen virtuelle Elemente eingeblendet werden“, sagt Sprind-Chef Laguna.

Die Brille ist für ihn ein gutes Beispiel wie die Behörde hilft, „sehr gute Forschung aus der Grundlagenforschung heraus auf die Straße zu bringen. Wir geben Geld und schieben an mit dem Ziel, dass neue Technologien im Rahmen einer profitabel arbeitenden Firma allein bestehen können.“ Die Idee zur Holodeck-Brille stamme von Forscher:innen des Fraunhofer-Instituts für optische Systeme in Karlsruhe, denen allerdings das Geld fehlte. „Hier müssen wir alles selbst entwickeln: Brille, Projektor, Mikrospiegel, leichter, effizienter Rechner mit viel Leistung.“

Laguna ist zwar experimentierfreudig, doch: „Nicht jede Idee, die wir finanzieren, wird ein Erfolg werden. Wir werden auch Projekte haben, die scheitern.“ Grundsätzlich ist er aber optimistisch. „Die Menschheit hat in den vergangenen 200 Jahren immer Probleme gelöst. Wir leben heute gesünder, länger, besser. Es gab immer Fortschritt dank Wissenschaft und Technik. Das wird auch weiter so sein.“ Und Deutschland will da in Zukunft noch stärker mitverdienen.

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