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Neue Technik, etwa Augmented-Reality-Brillen, kann spielerisch Bewegung im Büro fördern.
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Neue Technik, etwa Augmented-Reality-Brillen, kann spielerisch Bewegung im Büro fördern.

Arbeiten

Büro-Designer Boris Bandyopadhyay: „Man kann eine Geruchsebene mit ins Büro bringen“

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Der Interior Designer Boris Bandyopadhyay über das Büro der Zukunft, die positive Wirkung bunter Wände und von Klettergriffen auf die Motivation von Beschäftigten.

Der Frankfurter Stadtteil Westend, hier lebt und arbeitet Boris Bandyopadhyay. Das Büro des Designers ist schlicht, an den Wänden hängen Skizzen und Fotos realisierter Projekte. Der Stuhl, den er dem Reporter anbietet, hat Bandyopadhyay selbst entwickelt: Die Lehne ist stabil, der Sitz aber beweglich. Auf diese Weise bleibe auch die Wirbelsäule aktiv, sagt Bandyopadhyay. Ein Hinweis auf das, worum es im folgenden Gespräch gehen wird: ein anderes, humaneres Arbeiten in den Büros der Zukunft.

Herr Bandyopadhyay, wie sieht das Büro der Zukunft aus?

Es ist ein Büro, das alle sinnlichen Ebenen anspricht, das mit Farben, mit Materialien und mit Oberflächen arbeitet und so nicht nur die kognitiven Fähigkeiten des Menschen anspricht, sondern auch die körperlichen. Für mich ist das Büro der Zukunft ein Ort, an dem ich im Stehen oder in Situationen arbeiten kann, die ich mir aussuchen kann. Ich finde es faszinierend, nicht mehr sitzen zu müssen und meine Arbeit mit sportlicher Bewegung im Raum zu machen – beinahe wie beim Tanz.

Bisher ist es ja oft ziemlich monoton: weißer Schreibtisch, weiße Wand, Bildschirm, Tastatur.

Farben, Materialien und Oberflächen sprechen unsere Gefühle an und bringen uns in besondere Stimmungen. Jeder kennt das. Mir geht es darum, Vielfalt zu schaffen. Natürlich kann man auch in einem weißen Raum mit den klassischen Büromöbeln arbeiten, aber Abwechslung ist das, was es spannend macht. Ich stelle mir Büros in der Zukunft so vor, dass wir von einem Raum in den anderen gehen und auch wirklich in ein anderes visuelles Umfeld kommen. Da spielen Farben eine große Rolle.

„Meines Erachtens ist das Homeoffice Teil der Unternehmenskultur. Das heißt, dass das Unternehmen sich darüber Gedanken machen muss, wie Mitarbeiter:innen ihre Wohnung als Homeoffice nutzen könnten.“

Boris Bandyopadhyay, Interior Designer

Büro der Zukunft: Viele Farben und ein bisschen Wald

Wie genau?

Farben, die an die Natur erinnern, also Erdfarben, Grün, aber auch Blau, Gelb, Orange und Rottöne, beeinflussen den Körper direkt. Wenn man in den Wald geht, sinkt der Pulsschlag um einige Schläge. Wenn man in einen Raum geht, der überwiegend rot ist, steigt der Pulsschlag. Das Spannende ist zu wissen, wie man die Farben einsetzt: Für einen Ruheraum arbeitet man also zum Beispiel mit entspannenden Farben. Auch Naturelemente spielen eine große Rolle: Durch die Urbanisierung verlieren wir den Kontakt zur Natur. Deshalb ist es wichtig, Naturbezüge in den Büroalltag zu integrieren. Natürliche Materialien und Einrichtungselemente, die an die Natur erinnern wie die genannten Farben, aber auch Wind- und Wassergeräusche, Tierstimmen und natürliche Düfte oder Naturbilder und ihre Abstraktionen stellen den Naturbezug her und tragen zur Erhöhung der Konzentrations- und Regenerationsfähigkeit in Stresssituationen bei, wirken motivierend inspirierend und unterstützen die Entspannungsfähigkeit der Menschen. Wichtig ist, dass diese Elemente nicht aufdringlich wirken, sondern individuell auf die jeweilige Arbeits- und Raumsituation abgestimmt eingesetzt werden.

Boris Bandyopadhyay arbeitet im Frankfurter Westend.

Aber gerade Sinneseindrücke und Gefühle sind doch sehr subjektiv. Was ich als entspannend empfinde, ist für die Kollegin vielleicht Stress pur.

Absolut.

Wie findet man da einen Ausgleich?

Ein Ansatz ist die Mitbestimmung, also die Möglichkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr darüber zu entscheiden, wann, wie und wo sie arbeiten wollen. Das Büro muss vom Menschen ausgehen. Im Moment ist es ja so, dass das Büro als Erfüllungsort von Arbeit verstanden wird. Vom Menschen ausgehen heißt aber, das zur Sprache zu bringen, was Menschen wirklich wollen und bewegt. Natürlich können wir die Beschäftigten nicht zu Büroplanern machen, aber wir können sie mit Ideen, Materialien und Oberflächen konfrontieren und darüber ganz konkret herausfinden, was sie anspricht, motiviert und inspiriert.

Noch im Sprechen steht Boris Bandyopadhyay auf. Aus einem Schrank auf der anderen Seite seines Arbeitszimmers zieht er eine kleine, grüne Matte und legt sie auf dem Tisch.

Was ist das?

Das ist Naturmoos, echtes Moos aus Island. Das wird ohne chemische Zusätze konserviert und wird in Büros oft auch als Wandelement eingesetzt. Es wirkt nicht nur beruhigend auf viele Menschen – gerade wenn man es anfasst –, sondern absorbiert sehr gut auch Schall. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wir binden die Arbeitenden von Anfang an in den Konzeptionsprozess ein, und zwar nicht nur mit Umfragen, sondern anhand konkret erlebbarer Originalmuster der Farben, Materialien und Oberflächen sowie anschaulich visualisierter Planungsvarianten. Und das müssen wir auch mehr und mehr machen, um die Ideen und Anforderungen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu verstehen und gleichzeitig die Akzeptanz neuer Arbeitsumgebungen zu erhöhen.

Für viele Chefinnen und Chefs ist das sicherlich eine Umstellung, wenn die Beschäftigten bei der Gestaltung des Büros mitbestimmen sollen.

Zur Person

Boris Bandyopadhyay entwirft Büros für Start-ups, Tech-Unternehmen und Innovationsnetzwerke. Der deutsch-indische Interior Designer studierte an der Köln International School of Design, bevor er mit Freunden das Designstudio Atlante aufbaute. 2011 gründete Bandyopadhyay ein eigenes Studio. Er lebt und arbeitet in Berlin und Frankfurt. FR

Absolut, aber die Frage ist ja: Warum müssen wir das machen? Der Grund ist, dass die Menschen in der Wissensgesellschaft einen größeren Beitrag zur Wertschöpfung des Unternehmens leisten als früher. Der Fokus verlagert sich von Technologien auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Unternehmen heben sich nicht mehr durch Technologien ab, sondern durch ihre Beschäftigten. Mit dem Mobiltelefon ist das Büro zunächst aus dem Büro herausgewandert, dann hat Corona die Situation verschärft, weil wir angefangen haben, auch unser Zuhause als Büro zu denken. Das sind große Herausforderungen für die Beschäftigten, deshalb muss das Büro jetzt auch den Fokus auf den Menschen legen.

Sie haben das Moos gezeigt. Gibt es andere Dinge, mit denen man das Büro menschenfreundlicher machen kann?

Zum Beispiel mit Bark Cloth, das ist Rinde von einem afrikanischen Baum. An der Wand angebracht hat diese Rinde nicht nur eine akustische Qualität, sondern hat auch einen leichten Zedernholzgeruch. Man kann also auch eine Geruchsebene mit ins Büro bringen, ohne natürlich den ganzen Raum zu überfluten. Es gibt Tapeten, die aus Naturmaterialien wie Heu bestehen. Auch diese Tapeten riechen nach Heu und sehen schick aus. Solche Materialien bringen direkt eine ganz andere Assoziationsebene in das Büro und schaffen Kommunikationsanlässe.

Homeoffice: Das Büro kommt nach Hause

Kommunikation ist mehr denn je ein Thema, Stichwort Videokonferenzen.

Stimmt. Kolleginnen und Kollegen, die mobil arbeiten, nehmen wir bislang oft nur als Briefmarke auf dem Bildschirm wahr. Um das zu ändern, kann man Räume schaffen, in die die mobil Arbeitenden über körpergroße Monitore in ein Setting gebracht werden, das zum Beispiel an ein Lagerfeuer erinnert. Das heißt: Die Beschäftigten im Büro sitzen im Kreis, und dort wo remote arbeitende Mitarbeiter:innen dazugeschaltet werden, stehen Bildschirme im Hochformat anstelle der Stühle, auf denen man die Kolleginnen und Kollegen lebensgroß sehen kann. Wenn Kamera und Akustik gut sind, schafft das ein Gefühl von Nähe. Dafür braucht man aber wirklich spezielle Kommunikationsräume, das kann man nicht am Schreibtisch machen.

Und im Homeoffice?

Im Grunde ist das Homeoffice wild gewachsen. Kaum jemand hat sich die Zeit genommen und in Ruhe überlegt: Wie richte ich mir das Homeoffice ein? Wie ist die Wohnung geschnitten? Welche Arbeit mache ich hier überhaupt? Aber genau das wäre jetzt wichtig. Ich habe immer die Vorstellung von einem Theater.

Was bedeutet das?

Dass man sich zu Hause verschiedene Szenerien schafft, die für die verschiedenen Tätigkeiten geeignet sind. Wenn ich telefoniere, ohne auf den Bildschirm zu schauen, dann suche ich einen Ort mit Blick in die Natur und gehe ans Fenster. Für ungestörtes Arbeiten eignet sich vielleicht eine Ecke im Flur besonders gut.

Mitbestimmung über Arbeiten im Büro

Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verwischt. Das ist doch auch ein Problem.

Das ist ein Problem. Deshalb können wir das Homeoffice auch nicht an die Beschäftigten delegieren. Meines Erachtens ist das Homeoffice Teil der Unternehmenskultur. Das heißt, dass das Unternehmen sich darüber Gedanken machen muss, wie Mitarbeiter:innen ihre Wohnung als Homeoffice nutzen könnten. Also das Know-how über flexible Möblierung oder Lichtgestaltung sollte im Unternehmen gebündelt sein, und Beschäftigte sollten die Möglichkeiten haben, sich dort beraten zu lassen. Das ist natürlich eine Grenzüberschreitung, wenn das Unternehmen über etwas spricht, das in der Privatsphäre liegt. Da muss man sehr vorsichtig sein – und es als Angebot an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen verstehen.

Zurück ins Büro. Dort geht es nicht nur um die Arbeitsplätze, sondern auch um die Wege dazwischen.

Bislang ist der Workflow häufig auch der Leitfaden für die Arbeitsplatzaufteilung und Büroplanung: Teams, die miteinander arbeiten, sitzen dicht zusammen. Dahinter steht der Effizienzgedanke, und das ist auch richtig. Aber wenn wir ein Bewegungselement in die Planung integrieren, dann ändert sich das: Wir möchten, dass Mitarbeiter:innen aktiv werden, aufstehen und sich bewegen. Es geht darum, neue Bewegungsräume zu schaffen – einerseits im normalen Arbeitsablauf, etwa indem Teams eben nicht zusammensitzen, und andererseits durch bewusste Bewegungsangebote, zum Beispiel zwei, drei Griffe an einer Wand, an der die Mitarbeiter:innen klettern können. Sie werden merken, sobald Sie an der Wand hängen, tritt der Geist ein bisschen zurück, und Sie haben ein ganz anderes Gefühl für Ihren Körper. Aber auch neue Technologien können spielerisch Bewegung im Büro fördern, etwa mit einer Augmented-Reality-Brille, mit der man sich im Stehen durch einen virtuellen Raum navigieren kann. Dabei geht der ganze Körper mit, und man merkt gar nicht, dass man sich bewegt.

Sie haben es angedeutet: Das widerspricht dem Effizienzgedanken der Arbeitgeberschaft.

Die Menschen sind im Büro der Zukunft der Schlüssel zum Erfolg. Es geht darum, wie sie sich im Arbeitsumfeld fühlen. Und je besser diese Erfahrung ist, desto besser arbeiten sie, desto loyaler sind sie. Aber es geht auch um harte Fakten: Wenn Mitarbeiter:innen weniger krank sind, dann sparen die Unternehmen Geld.

Interview: Steffen Herrmann

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