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Bündnis gegen Hunger

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Von: Tobias Schwab

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Zwei Frauen kochen auf Sansibar Reis in einem Kessel über einer offenen Feuerstelle.
Zwei Frauen kochen auf Sansibar Reis in einem Kessel über einer offenen Feuerstelle. © picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Die führenden Industriestaaten (G7) beschließen eine Allianz für globale Ernährungssicherheit. Ziele sind eine engere Kooperation und zusätzliches Geld.

Das Szenario ist düster. „Es droht die schwerste Ernährungskrise seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagte Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) am Donnerstag in Berlin. „Deswegen müssen wir jetzt entschlossen und gemeinsam handeln und dafür sorgen, dass das Getreide schnell zu den Hungernden kommt.“

„Wir“ - das sind die Entwicklungsminister:innen der führenden westlichen Industrienationen (G7), die nun ein Bündnis für globale Ernährungssicherheit vereinbart haben, um die Welt gegen die globale Hungerkrise infolge des Krieges gegen die Ukraine zu wappnen. Die neue Allianz werde bereits bestehende Initiativen besser koordinieren, sagte Schulze. Mitunter sei es so, dass Entwicklungsländer mit einer Vielzahl von Gebern überfordert seien. Auch um zusätzliche Finanzmittel soll es gehen.

Hunger: Preisschocks treffen hunderte Millionen Menschen

Der Leiter des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP), Achim Steiner, der als Gast am Treffen der G7-Entwicklungsminister:innen teilnahm, warnte: Wenn sich der Preisanstieg an den Agrarmärkten verfestige, seien „hunderte Millionen von Menschen nicht mehr in der Lage, ihre Grundnahrungsmittel einzukaufen“. Aktuell gebe es schätzungsweise 193 Millionen Menschen in 53 Ländern, die nicht mehr sicherstellen könnten, dass sie am nächsten Tag noch genug Nahrung für sich oder ihre Familien hätten. Diese Zahl habe sich von 2016 auf 2022 verdoppelt.

Steiner verwies auch auf eine Einschätzung der UN, wonach in 69 Ländern die Preisentwicklung bei Nahrungsmitteln, Energie sowie die Verschuldung zu Preisschocks führten. Betroffen seien davon 1,2 Milliarden Menschen, also etwa „ein Sechstel der Menschheit“.

Ministerin Schulze hatte das jetzt gestartete Bündnis für globale Ernährungssicherheit im April gemeinsam mit dem Weltbank-Präsidenten David Malpass vorgeschlagen. Nach dem G7-Beschluss für das Bündnis sollen nun weitere Partner gewonnen werden, um „eine schnelle, wirksame und nachhaltige Antwort auf die durch Russlands Angriffskrieg ausgelöste Ernährungskrise zu geben“, wie Schulze erklärte. Das Bündnis sei offen für alle, „die mit uns an Lösungen arbeiten wollen“. Das Engagement der Weltbank werde helfen, dass das Bündnis auch über den G7-Vorsitz, den Deutschland in diesem Jahr inne hat, hinaus Wirkung entfalten werde, gab sich Schulze überzeugt.

Hunger in Ostafrika

Oxfam gibt der internationalen Politik eine Mitschuld an der Ernährungskrise in Ostafrika. „Die Menschen in Ostafrika hungern nicht, weil es der Welt an Nahrung oder Geld mangelt, sondern weil es an politischem Mut fehlt“, sagte die Geschäftsführerin von Oxfam International, Gabriela Bucher. In Kenia, Äthiopien und Somalia seien aktuell über 23 Millionen Menschen von extremem Hunger betroffen. Diese Zahl habe sich seit vergangenem Jahr mehr als verdoppelt. Die bisher zugesagten Gelder reichten nicht, so Oxfam.

Trotz Alarmsignalen hätten führende Politiker:innen zu spät oder zu verhalten reagiert. Zugleich würden die schnellen und umfassenden Reaktionen auf Krisen wie den Krieg in der Ukraine oder die Pandemie zeigen, dass die Staatengemeinschaft erfolgreich Ressourcen mobilisieren könne, um Leid zu mindern – „aber nur, wenn sie den festen Willen dazu hat“, so Bucher am Mittwoch in Berlin.

In den dürregeplagten Ländern Kenia, Äthiopien und Somalia stirbt alle 48 Sekunden ein Mensch an Hunger und Unterernährung, so ein Bericht der Hilfsorganisationen Oxfam und Save the Children. Der Report thematisiert die Veränderungen im System der humanitären Hilfe seit der vergangenen großen Dürre 2011. Seinerzeit war es allein in Somalia zum Tod von fast 260 000 Menschen gekommen. kna

Neben der Weltbank, den G7-Staaten und der EU-Kommission zählen den Angaben zufolge bereits die Globale Krisenreaktionsgruppe der Vereinten Nationen, Norwegen, Dänemark, die Afrikanische Union (AU), das UN-Welternährungsprogramm (WFP) und der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) zu den Unterstützern. Die Allianz steht demnach auch für die Privatwirtschaft und zivilgesellschaftliche Organisationen offen.

Hunger: FAO ohne sichtbares Engagement

Die Initiative der deutschen Entwicklungsministerin und von Weltbank-Chef Malpass gilt auch als eine Reaktion auf ein diplomatisches Vakuum. Eigentlich hat die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ein globales Mandat für Ernährung und Landwirtschaft, sie wird aber von einem Vertreter Chinas geführt und hat bisher kein wirkungsvolles oder auch nur sichtbares Engagement entfaltet. Die Veto-Staaten Russland und China haben in UN-Organisationen erheblichen Einfluss.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hatte Russland am Mittwoch vorgeworfen, die Blockade von Getreideexporten aus der Ukraine als Kriegswaffe einzusetzen. „Durch die Blockade ukrainischer Häfen, durch die Zerstörung von Silos, Straßen und Eisenbahnen und insbesondere der Felder von Bauern hat Russland einen Kornkrieg begonnen, der eine globale Nahrungsmittelkrise anfacht“, sagte sie bei einem Außenministertreffen in New York.

Nach Angaben der Bundesregierung unterbindet Russland in der Ukraine die Ausfuhr von 20 Millionen Tonnen Getreide vor allem nach Nordafrika und Asien, ein Großteil davon im Hafen von Odessa.

Hunger: Staaten sollen weniger von Importen abhängig werden

UN-Generalsekretär António Guterres forderte bei dem Treffen der Außenminister:innen von Russland dringend die Freigabe blockierter Getreidevorräte aus der Ukraine. „Russland muss den sicheren Export von in ukrainischen Häfen gelagertem Getreide zulassen“, sagte Guterres.

Das nun initiierte Bündnis für Ernährungssicherheit will laut Schulze nicht nur auf die akute Krise reagieren, sondern auch „darauf achten, Strukturen nachhaltig zu verändern“, um Entwicklungsländer dauerhaft robuster zu machen „gegen die Preisschocks auf den Weltmärkten“, wie Schulze sagte. Die Staaten sollten sich künftig stärker selbst versorgen können, anstatt vom Weltmarkt abhängig zu sein, erklärte Schulze. mit dpa, epd

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