+
Versteckt hinter seiner Brille: Frank Ahearn, der - so sagt er - Tausende Menschen aufgespürt hat

Me Convention

Wie man Big Brother entwischt

  • schließen

Frank Ahearn hilft seinen Kunden zu verschwinden. Die besten Tipps des Profis, um Spuren zu beseitigen.

Ich bin verschwunden“, sagt Frank Ahearn. Doch man will es nicht so recht glauben, steht er doch leibhaftig in Frankfurt im Rampenlicht der Bühne der Me Convention – in Jeans, weißem Hemd und dunkler Sonnenbrille. Doch Ahearn geht es nicht um seine physische Anwesenheit bei dem Zukunftsfestival. Er referiert über digitale Fußabdrücke, die jeder Mensch hinterlässt, ob er will oder nicht. „Handyverträge, Kreditkartenabrechnungen, Videoüberwachung im öffentlichen Raum, soziale Netzwerke und vieles mehr machen uns jederzeit und überall auffindbar“, sagt der US-Amerikaner. „Denn der physischen Identität folgt die digitale.“ Normalerweise. Es sei denn, man engagiert Ahearn.

Um den Mann, der sich selbst als eine Art Fährtensucher und Social Engineer bezeichnet, ranken sich viele Geschichten: Es heißt, er habe für das FBI gearbeitet – stimmt nicht, sagt er. Wohl aber, dass er derjenige war, der Monica Lewinsky für die Boulevardpresse ausfindig machte, nachdem die Affäre zwischen der wohl berühmtesten Praktikantin und dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton aufgeflogen war. In mehr als 30 Jahren spürte Ahearn nach eigener Aussage mehrere Tausend Personen auf – von Stars wie Michael Jackson und Paris Hilton bis hin zu Betrügern, Verbrechern und Politikern.

„Die meiste Zeit meines Lebens habe ich gelogen und Informationen gestohlen“, erzählt Ahearn. Seine Tricks: sich bei der Mutter der gesuchten Person als Journalist ausgeben, der eine Story über das Kind schreiben will, schon hat man die Adresse. Oder als angeblicher Mitarbeiter einer staatlichen Behörde bei der Telefongesellschaft Handynummern und GPS-Daten erfragen. „Hundert hängen auf, aber einer hilft dir weiter – und schon weiß man, wo sich die Person aufhält. Das ist natürlich höchst illegal.“ Warum also hat er es getan? „Jemanden zu jagen und überzeugende Lügen zu kreieren, ist wie ein Rausch – und sehr lukrativ.“

Mittlerweile macht Ahearn das Gegenteil. Er hilft Menschen zu verschwinden. „Nicht wirklich“, sagt er. „Es geht nicht um neue Identitäten oder Gesichtsoperationen, sondern darum, die digitalen Spuren, die sie hinterlassen, zu verfälschen. Heute lüge ich und kreiere Täuschungsmanöver für meine Kunden.“

Das sind – meist gut betuchte – Stalking-Opfer, Menschen, deren Leben bedroht ist, Frauen mit gewalttätigen Ehemännern, aber auch Prominente, die sich unbemerkt bewegen möchten, Firmenbosse und alle, die einfach Big Brother entkommen wollen.

„Es gibt zwei Arten digitaler Fußabdrücke“, so Ahearn. „Die, die wir selbst erzeugen, und die, die andere für dich erzeugen.“ Er appelliert an die Zuhörer, vorsichtiger mit ihren Daten umzugehen. „Nicht Telefon, Twitter oder Facebook machen ein Foto und stellen es ins Netz. Das sind immer Menschen. Wir selbst oder andere.“ Vor allem mit sozialen Medien gingen die Menschen sehr leichtsinnig um. „Die Inhalte werden geteilt, verbreiten sich. Keiner weiß, wer am Ende alles Zugriff auf sie hat.“ Er erzählt von einer Kundin und ihrer beängstigenden Begegnung in der New Yorker U-Bahn: Ein Mann, der ihr gegenübersaß, hatte offenbar ein Foto von ihr gemacht. Über eine Gesichtserkennungssoftware fand er eine Firmenwebsite mit ihrem Foto und Namen, so erfuhr er dann auch ihre Telefonnummer, Adresse und sogar den Namen ihres Mannes. „Als die Bahn stoppte, stand er auf und sprach sie mit Vornamen an, fragte, wie es ihrem Mann Bob gehe und ob Telefonnummer und Adresse noch aktuell seien. Sie können sich vorstellen, wie es ihr dabei ging.“

Daten, die einmal im Netz sind, kann man nicht mehr löschen. Der einzige Weg zu verschwinden sei also, selbst oder mit Hilfe anderer Falschinformationen zu streuen. „Was ich mache, ist digitale Manipulation.“ Seinen Kunden rät Ahearn, sich von ihren digitalen Verbindungen zu lösen. Als Erstes nimmt er ihnen ihr Handy ab, Telefonate nur noch prepaid. E-Mails dürfen nur über fremde PCs oder Internetcafés laufen – oder werden an einen Treuhänder delegiert.

Für eine Kundin, die vor ihrem gewalttätigen Ehemann auf der Flucht war, eröffnete Ahearn ein Bankkonto mit ein paar Hundert Dollar, notierte die Pinnummer auf der Bankkarte und ließ sie in Frankfurt irgendwo auf der Straße fallen. „Der Finder hat natürlich das Geld abgehoben und ihr Mann reiste nach Frankfurt.“ Eine Geldbörse, mit einer Visitenkarte ihres Mannes darin, ließ er in Paris in einem Restaurant liegen. „Die haben ihren Ehemann angerufen und der reiste nach Paris“, erzählt Ahearn grinsend. Er stellte Fotos von ihr, aufgenommen in allen Teilen der Welt, ins Netz und verwischte so Spuren.

„Wenn Sie bei Facebook sind, geben Sie niemals ihren richtigen Wohnort an, nennen Sie den Namen einer anderen Schule statt der, auf die Ihre Kinder gehen, und geben Sie ihrem Ehepartner und ihren Kindern falsche Namen“, rät Ahearn. Es gehe um Reduzierung und Vermeidung. „Geh nirgendwo hin, wo es Gesichtserkennung gibt. Meide Flughäfen und Bahnhöfe. Keine Essens- oder Blumenlieferungen. Sag nichts, von dem du nicht willst, dass es andere wiederholen und stell vor allem keine Bilder von deinem Haus ins Netz, wenn du nicht willst, dass die Leute wissen, wo du wohnst.“ Denn mit Geotagging könne man den Aufnahmeort ermitteln.

„Zu verschwinden, das ist ein Lebensstil, das muss man verinnerlichen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare