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Große Reefer-Reedereien wie Hapag-Lloyd oder Maersk nutzen heute überwiegend Ozeanriesen mit rund 10.000 Containerplätzen – diese passen gerade noch durch den 2016 modernisierten Panamakanal

Kühlcontainer

Brokkoli aus Übersee

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Frisches Obst und Gemüse auch im Winter? Moderne Transportlösungen machen es möglich. Wie Kühlcontainer die Globalisierung der Landwirtschaft befördern.

Gemüse kommt in der Masse per Lkw aus der näheren Umgebung und nicht per Seeschiff“, glaubt ausgerechnet ein Hamburger Hafenmanager. Für frisches Gemüse, das Marktbeschicker und Einzelhändler direkt an die Konsumenten in Frankfurt, München oder Berlin verkaufen, dürfte dies zutreffen. Doch rund zwei Drittel des in Deutschland gegessenen Grünzeugs wird importiert, hat die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) in Bonn ermittelt.

Im Jahr 2018 wurden über drei Millionen Tonnen Gemüse im Wert von 4,1 Milliarden Euro eingeführt, überwiegend aus Ländern der Europäischen Union. Doch vor allem die Lebensmittelindustrie setzt für ihre Fertiggerichte oft auf preisgünstiges Gemüse aus Übersee.

Als Hotspot gilt in der maritimen Agrar-Logistik Südamerika. Neben populären Exportschlagern wie Bananen und Zitrusfrüchten kommt aus dieser Region auch Gemüse. So wächst der Brokkoli für den Tiefkühlhersteller Frosta auf der Hochebene Ecuadors. „Das gemäßigte Klima mit einer Durchschnittstemperatur von 14 Grad Celsius ist der Grund für ein langsames Wachsen und damit einer hervorragenden und sehr typischen, aromatischen Geschmacksausbildung“, heißt es auf der Internetseite der Bremerhavener Firma. Außerdem ermögliche das konstante Klima drei Ernten pro Jahr. Frosta hat laut Firmenangabe bundesweit einen Marktanteil von 30 Prozent bei Tiefkühlgerichten.

Bei der Ernte trennen Kleinbauern die Brokkoli-Köpfe per Hand vom Trieb ab und transportieren sie anschließend zum nahe gelegenen Verarbeitungsbetrieb. Dort wird das frische Gemüse gewaschen, blanchiert und von Frauen in kleine, mundgerechte Röschen zerkleinert. Anschließend kommen sie in den Schockfroster, wo sie auf minus 45 Grad heruntergekühlt und in 500-Gramm-Einheiten zu 10-Kilo-Kartons verpackt werden. Insgesamt passen laut des Verbandes Deutscher Reeder (VDR) zweitausend dieser Kartons in einen einzigen Kühlcontainer, einen sogenannten Reefer. Im Inneren der Boxen herrschen frostige minus 18 Grad Celsius.

Nächste Station ist Guayaquil, der größte Hafen Ecuadors. Von dort aus gehen die Brokkoli-Reefer-Container auf große Atlantikfahrt. Etwa 24 Tage dauert die Passage durch den Panamakanal nach Nordeuropa. Das wäre übrigens zu lange für frische Brokkoli, die selbst gut gekühlt nur 14 Tage appetitlich bleiben.

Gesund essen

Eine ausgewogene Ernährung liegt im Trend unserer Zeit. Gemüse gilt dazu als unerlässliche Zutat. Rund 100 Kilogramm Gemüse und Salat wird jeder Bundesbürger in diesem Jahr verspeisen. 


Die wirtschaftliche Bedeutung hinkt allerdings hinter der gesundheitlichen weit hinterher. So erzielte die deutsche Land-, Forstwirtschaft und Fischerei laut Bauernverband DBV 2019 einen Produktionswert von rund 55,4 Milliarden Euro – was einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von unter einem Prozent entspricht. Lediglich 2,9 Milliarden Euro entfallen davon auf die Produktion von Gemüse. Ein kleiner Teil davon wird exportiert. 


Unterm Strichdeckt der heimische Gemüseanbau kaum mehr als ein Drittel der hiesigen Nachfrage – zwei Drittel des Gemüses, welches wir roh, gekocht oder industriell verarbeitet konsumieren, wird importiert. (hape)

Das aus Ecuador per Schiff über 12 000 Kilometer importierte Gemüse weist gegenüber dem aus Spanien mit dem Lkw transportierten laut Frosta sogar eine etwas bessere CO2-Klimabilanz auf. Auch weil „der Seetransport gemessen an der Transportmenge und -strecke sehr CO2-arm ist“, schreibt der VDR in seinem Mitgliedermagazin „Deutsche Seeschifffahrt“.

Tatsächlich fahren Seeschiffe pro Tonnenkilometer vergleichsweise umweltfreundlich. Allerdings stammen laut der Internationalen Schifffahrtsorganisation IMO immerhin zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen aller Verkehrsträger aus der Seeschifffahrt.

Während der langen Reise teilen sich die Brokkoli-Boxen den Platz an Bord mit anderen Gemüsen wie Knoblauch, grüne Bohnen oder Chinakohl und vor allem mit Obst. Tomaten werden bei sieben bis 15 Grad plus verschifft; Avocados wiederum kriegen eine Atmosphäre mit wenig Sauerstoff und viel Kohlendioxid verpasst.

Möglich wurde diese individuelle Behandlung von mehreren Dutzend verschiedener Gemüse- und Obstsorten erst durch eine technische Revolution: Container, die an Bord „normaler“ Containerschiffe gekühlt und im Innenraum mit einer speziellen Atmosphäre versehen werden können.

Bis vor wenigen Jahren wurden Lebensmittel in großen Kühlschiffen transportiert, deren Laderäume gigantischen Kühlschränken glichen. Das beschränkte die Zahl der schiffbaren Pflanzensorten und war teuer: Denn die bis zu 300 Meter langen Frachter mussten nahezu leer die Rückreise in den Süden antreten.

Große Reefer-Reedereien wie Hapag-Lloyd oder Maersk nutzen heute überwiegend Ozeanriesen mit rund 10.000 Containerplätzen – diese passen gerade noch durch den 2016 modernisierten Panamakanal. Etwa 2000 der Stellplätze haben Anschlüsse für Reefer. Außerhalb der Erntezeiten können dort dann auch einfache Standardcontainer stehen. Was es den Reedereien ermöglicht, ihre Multifunktions-Frachter flexibel einzusetzen.

Flexibel sind die Reedereien heute selbst in der Lebensmittel-Logistik: Statt Ecuador heißt beispielsweise zur Apfelernte das Ziel Südafrika oder Neuseeland. Weltweit wächst der gekühlte Container-Seeverkehr seit zehn Jahren. 2019 werden schätzungsweise acht Millionen Reefer mit Lebensmitteln über See transportiert worden sein. Davon werden nur 1000 bis 2000 Boxen mit Brokkoli aus Ecuador für Hamburg oder Bremerhaven gefüllt sein. Von dort reist der Brokkoli dann per Zug, Lkw und in kleineren Frachtschiffen, die von spezialisierten Reefer-Reedereien betrieben werden, in die Ostsee, nach Tschechien oder Frankfurt.

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