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Seit 1. Februar ist Großbritannien kein Mitglied der EU mehr. Fans des Brexit feierten das Ende Januar in London.
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Seit 1. Februar ist Großbritannien kein Mitglied der EU mehr. Fans des Brexit feierten das Ende Januar in London.

Interview mit Präsident des Instituts für Weltwirtschaft

Brexit-Endspurt: Deutsche Exportbranche am stärksten betroffen

  • vonThomas Schmidtutz
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Der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr, über die Brexit-Verhandlungen und die Folgen eines Scheiterns der Gespräche.

Brüssel – Aus der Europäischen Union ist Großbritannien bereits zum 1. Februar dieses Jahres ausgetreten. Noch bis zum Jahresende ist das Land allerdings im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion. Eigentlich wollten beide Seiten diese Übergangsphase nutzen, um ein Handelsabkommen auszuhandeln. Doch die Gespräche zum Brexit kommen seit Monaten kaum voran. Nun gibt es einen Endspurt: EU-Verhandlungsführer Michel Barnier führt seit dem Wochenende intensive Gespräche mit der britischen Seite in London. Ob eine Einigung gelingt, ist aber vollkommen offen.

Notlösung für Brexit wird wahrscheinlicher

Gabriel Felbermayr, der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), einem der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland, spricht im Interview über die möglichen wirtschaftlichen Folgen eines harten Brexits für die EU und Großbritannien.

Herr Professor Felbermayr, in den Brexit-Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien tickt die Uhr. Eigentlich muss in der nächsten Woche eine Einigung stehen, damit der Vertrag noch bis Jahresende in die 23 Amtssprachen der EU übersetzt und von den Parlamenten ratifiziert werden kann. Wie zuversichtlich sind Sie, dass es in den nächsten Tagen zum erhofften Durchbruch kommt?

Ich bin zuversichtlich, dass wir zu irgendeiner Lösung kommen, die die schlimmsten negativen Effekte verhindern kann. Eine Notlösung, falls es kein Abkommen gibt. Denn keiner hat Interesse daran, dass plötzlich hohe Zölle gelten. Aber selbst wenn ein Abkommen unterzeichnet und ratifiziert werden kann, wird dieses wohl viele schwierige Fragen ausklammern und in die Zukunft verschieben. Mit Nachverhandlungen ist auf jeden Fall zu rechnen, und damit mit fortgesetzter Unsicherheit.

Fangrechte, Finanzsektor und Wettbewerb als Brexit-Streitpunkte

Und falls nicht, droht ein harter Brexit mit Zöllen, massiven Umsatzeinbußen und Mehrkosten in Milliardenhöhe?

Falls auch eine Notlösung scheitert, dann hätten wir in der Tat den viel beschworenen harten Brexit. Aber selbst hier ist höchst unsicher, was das bedeutet, vor allem seitens des Vereinigten Königreichs. Die Briten könnten vorübergehend bei vielen Gütern auf das Erheben von Zöllen verzichten und Lieferungen aus der EU an der Grenze nicht langwierig untersuchen, sondern einfach durchwinken. Das würde unmittelbare Härten, konkret Preissteigerungen in britischen Supermärkten, verhindern. Gut möglich, dass das Vereinigte Königreich technisch gar nicht in der Lage ist, anders vorzugehen, weil die Kontrollinfrastruktur noch gar nicht einsatzbereit ist. Damit würde es auf EU-Seite zunächst nicht zu hohen Umsatzeinbußen kommen, außer vielleicht bei einzelnen Gütern, wie Autos, weil London hier mit Zöllen den Druck auf Brüssel aufrecht erhalten will. Umgekehrt würde aber die EU im Falle eines harten Brexit das Vereinigte Königreich wirklich wie jedes andere Drittland behandeln – das würde die Exporteure der Insel hart treffen, aber auch die Importeure in der EU, zum Beispiel im Lebensmittelbereich, in der Pharma- oder in der Kfz-Zulieferindustrie.

Zu den größten Streitpunkten in den Verhandlungen gehören weiter die Fangrechte der EU-Fischer in britischen Gewässern, der Finanzsektor sowie faire Wettbewerbsbedingungen. Wo hakt es am meisten?

Das Erstaunliche an den Brexit-Verhandlungen ist, dass wenig Details bekannt sind. Eigentlich hat sich die EU nach den TTIP-Debatten auf mehr Transparenz bei der Verhandlung von Freihandelsabkommen verpflichtet. Das gilt scheinbar nicht gegenüber ehemaligen EU-Mitgliedern. Was durchdringt führt zu Kopfschütteln, bei mir jedenfalls. Klar ist, dass die Fischereifrage volkswirtschaftlich vollkommen unbedeutend ist. Auch rechtlich ist es wohl so, dass die EU kaum Ansprüche stellen kann. Und warum das Thema der Beihilfe eine so überdimensionierte Bedeutung hat, leuchtet auch nicht ein: London war und ist bei Subventionen knausrig; Deutschland gibt ein Vielfaches an Förderungen aus. Es sollte London eigentlich recht sein, harte Rechtsmittel gegen Missbrauch von Subventionen zu haben. Worüber in der Presse weniger gesprochen wird, ist die Irland-Frage, die aber wohl der eigentliche Knackpunkt ist. Dafür gibt es wahrscheinlich in der Tat keine wirklich gute Lösung. Entweder der gesamtirische Wirtschaftsraum wird empfindlich gestört oder aber der Binnenmarkt des Vereinigten Königreichs wird fragmentiert. Das ist ein echter gordischer Knoten.

Unwägbare Folgen des „No-Deal“-Brexit

Welche Folgen hätte ein No-Deal-Szenario für die deutsche Wirtschaft?

Wie schon gesagt, das ist sehr schwer einzuschätzen. Dazu kommt, dass der Handel mit dem Vereinigten Königreich ja schon in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat. Die Einbrüche, die wir langfristig in unseren Modellen simulieren können, sind möglicherweise zumindest in Teilen schon passiert. Klar ist, dass der ganze Prozess – seit dem Referendum vom Juni 2016 – hohe volkswirtschaftliche Kosten mit sich gebracht hat. In unseren aktuellen Berechnungen gehen wir davon aus, dass ein harter Brexit – mit hohen Barrieren auf beiden Seiten – langfristig jedes Jahr die deutsche Volkswirtschaft etwa 20 Milliarden Euro an verfügbarem Einkommen kosten könnte. Da sind die höheren Nettobeiträge der Bundesrepublik nach Brüssel schon eingerechnet. Das ist das Worst-Case-Szenario.

Zur Person

Gabriel Felbermayr , 44, ist seit März 2019 Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Gleichzeitig hat er eine Professur für Volkswirtschaftslehre an der Universität Kiel inne. Zuvor hatte der gebürtige Österreicher neun Jahre lang das „ifo Zentrum für internationale Wirtschaft“ an der Universität München geführt.

Welche Branchen und Unternehmen wären hierzulande am stärksten betroffen?

Hier sind die klassischen deutschen Exportbranchen zu nennen: der Automobilsektor, die Pharmaindustrie, der Maschinenbau, die Chemie. Dort sind in absoluten Zahlen die größten Schäden zu erwarten. Aber auch der Agrar- und Lebensmittelsektor müsste mit starken prozentuellen Effekten rechnen, weil das Vereinigte Königreich in diesem Bereich ein großer Nettoimporteur ist.

Wie viele Arbeitsplätze in Deutschland stünden im Falle eines No-Deal-Brexit auf dem Spiel?

Schwer zu sagen. Auch hier hängt vieles davon ab, wie das Vereinigte Königreich konkret reagiert. In Summe stehen 460 000 Arbeitsplätze direkt und indirekt hinter den deutschen Exporten auf die Insel, allein 60 000 im Automobilbereich. Bei einem harten Brexit wären wahrscheinlich ein Viertel dieser Jobs in Gefahr.

Der Brexit: Wirtschaftliche Nachteile für alle Seiten

Was würde ein No-Deal-Szenario für die britische Wirtschaft bedeuten? Droht dem Land in einem solchen Fall der Rückfall in die Rezession?

Wenn im Frühjahr die Corona-Krise abflaut, wird es durch Auf- und Nachholeffekte zu einer Sonderkonjunktur kommen. Die Brexit-Effekte würden dabei wahrscheinlich nicht so stark auffallen. Klar ist: Sie werden den Aufschwung dämpfen und den Ausgang aus der Krise erschweren.

Also hätten am Ende eigentlich alle verloren – die Briten und die EU?

Wirtschaftlich gesehen ist der Brexit ein klarer Fall von Lose-lose. Über diesen Vorgang können sich eigentlich nur die Gegner Europas freuen. (Interview: Thomas Schmidtutz)

Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.

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