Wunde der Welt

Rodungsstopp im Regenwald: Bolsonaro beugt sich dem Druck – Doch wie lange?

  • vonTobias Käufer
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Brasiliens Präsident Bolsonaro kündigt einen Rodungsstopp in Amazonien an. Die internationale Gemeinschaft sollte sich aber keine großen Hoffnungen machen.

  • Im Juni gab es so viele Brände im Amazonas-Regenwald wie seit 2007 nicht mehr
  • Seit Präsident Bolsonaro in Brasilien im Amt ist steigen die Abholzungszahlen im Amazonas wieder
  • Jetzt verkündete er einen Brandrodungs-Stopp

Amazonas - Für das Image der wichtigsten brasilianischen Branche ist es wieder einmal ein Desaster: Nach einem Bericht des Wissenschaftsmagazins „Sciene“ sind 20 Prozent der Soja- und Fleischexporte in die Europäische Union durch Abholzung „kontaminiert“. Mit anderen Worten: Für ein Fünftel jener Agrarprodukte, die Europa aus Brasilien einfliegen oder einschiffen lässt, wurden der für das Weltklima so wichtige Regenwald abgeholzt, indigene Völker von ihrem Land vertrieben, ihre Lebensgrundlage zerstört und Biodiversität vernichtet.

Brasilien: Seit Bolsonaro im Amt ist, steigen die Abholzungszahlen im Amazonas wieder

Einschätzungen, zu denen auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kommt: Gerade in der sensiblen Amazonasregion wird die brasilianische Viehwirtschaft massiv ausgeweitet, berichtet Amnesty. So habe sich die Zahl der Rinder in diesem Gebiet von 1988 bis 2018 fast vervierfacht. Insgesamt sind aus 63 Prozent des zwischen 1988 und 2014 abgeholzten Regenwalds Weideflächen geworden.

Die Nachrichten kommen für Brasiliens Regierung zur Unzeit. Gerade erst sind europäische Investoren in Brasília vorstellig geworden. Ihre eindeutige Botschaft: So geht es nicht weiter. Seit Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro im Amt ist, steigen die Abholzungszahlen im Amazonas wieder nach oben. Es steht zu befürchten, dass Ende 2020 die gigantische Fläche von 15 000 Quadratkilometer Regenwald unwiederbringlich vernichtet sein wird.

„Fridays for Future“-Generation fordert: Diese brasilianische Regierung und ihre Politik kann kein Partner für Europa sein

Noch vor ein paar Jahren war das für den Rest der Welt kaum ein Problem, inzwischen aber ist die westliche Gesellschaft eine andere. Die „Fridays for Future“-Generation übt Druck auf Europa aus, mit dieser klimafeindlichen Politik zu brechen. Ihre Forderung: Diese brasilianische Regierung und ihre Politik kann kein Partner für Europa sein.

Die Klimaschutzbewegung übernimmt dabei Umweltpositionen, die die indigenen Völker Brasiliens eigentlich schon seit Jahrhunderten vertreten, nur wurden sie in Europa nie gehört. Nun ändert sich das. Die europäischen Konzerne und Investoren haben Angst, dass sie selbst am Pranger landen, wenn ihr Geschäftspartner Bolsonaro seinen Abholzungskurs so ungeniert weiter fortsetzt. „Die Tendenzen, die wir in Brasilien sehen, sind sehr besorgniserregend“, sagte Daniela da Costa-Bulthuis vom niederländischen Investor Robeco mit Blick auf die Regenwaldabholzung. Das ist die eine Seite der Medaille.

Die andere vermeldete vor ein paar Tagen das brasilianische Landwirtschaftsministerium. Brasilien habe inmitten der Corona-Pandemie eine neue Höchstleistung errungen. Um fast 25 Prozent seien die Exporte gegenüber dem Vorjahresmonat angestiegen. Mit über zehn Milliarden US-Dollar sei ein neuer Juni-Rekord aufgestellt worden. Rechnet man die Zahlen auf das ganze Jahr hoch, so könnten die Einnahmen am Ende des Jahres rund 100 Milliarden US-Dollar betragen. Umsätze, auf die Brasilien nach Willen der Europäer verzichten soll, zumindest wenn sie so erwirtschaftet werden wie bisher.

Ein großer Teil des Regenwaldes liegt in Brasilien.

Brasilien: Noch keine breite Umweltschutzbewegung – Die Brasilianer sind mit dem eigenen Überleben beschäftigt

Die Umsatzsteigerungen erklären auch, warum inmitten der Corona-Pandemie die Wirtschaftsprognosen beispielsweise für Chile, Argentinien oder Mexiko so verheerend sind, während die Nachrichtenagentur Reuters jüngst meldete: Die brasilianische Wirtschaft springt wieder an. Das größte lateinamerikanische Land könnte dank seiner umstrittenen Agrarindustrie ökonomisch besser und schneller aus der Krise kommen als die Nachbarn.

Auch hier gilt: Vor ein paar Jahren wäre Brasilien dafür noch als Wachstums- und Wirtschaftslokomotive Südamerikas gefeiert worden. Inzwischen ist wirtschaftlicher Erfolg zumindest in Teilen der europäischen Gesellschaft aber nicht mehr das Maß aller Dinge. Ein großer Teil des Westens fordert nun Nachhaltigkeit und Klimaschutz statt Wachstum und Profit. In Brasilien aber gibt es (noch) keine breite Umweltschutzbewegung. Die Brasilianer sind erst mal mit dem eigenen Überleben beschäftigt.

Trotzdem ist diese vor allem europäische Botschaft auch in Brasília angekommen. Ob sie auch verstanden werden wird, ist eine andere Frage. Bolsonaro reagierte auf den Druck, indem er am Donnerstag erst einmal für vier Monate Brandrodungen im Amazonas-Regenwald verbieten ließ. Vorangegangen war eine diplomatische Initiative der europäischen Botschafter bei Vizepräsident Herman Mourao.

Brasilien: Im Juni gab es so viele Brände im Amazonaswald wie seit 2007 nicht mehr

Der Ex-General ist Chef einer Amazonas-Kommission, die das ganze Imagedesaster irgendwie abwenden soll. Zumindest nach außen wirkt und gibt sich Mourao höflicher, seriöser und verständnisvoller als sein überforderter Präsident, der sich gerade von einer Covid-19-Infektion erholt.

So schickte der Ex-General zur Beruhigung der internationalen Partner die Armee in die betroffenen Gebiete, um illegale Abholzung und Waldbrände zu stoppen. Die Weltraumbehörde Inpe konnte allerdings keinerlei Erfolge dieser Initiative feststellen. Im Gegenteil: Stattdessen wurden im Juni – also in dem Monat, in dem die Agrarindustrie einen neuen Exportrekord aufstellte – 2248 Brände im Amazonaswald registriert, der höchste Wert für einen einzigen Monat seit dem Jahr 2007.

Nach Überbringen der schlechten Nachricht reagierte die Bolsonaro-Regierung so wie immer und suspendierte die Leiterin der Abteilung für die Überwachungssysteme. Das schafft nicht gerade Vertrauen in den angeblichen „neuen Kurs“ der Regierung. „Die Armee sollte die Staatsanwälte unterstützen und nicht deren Platz einnehmen. Sie hat dafür gar nicht die technische Kompetenz, die Erfahrung. Das kann gar nicht funktionieren“, sagt Marina Silva, ehemalige grüne Präsidentschaftskandidatin, Umweltministerin und Umweltaktivistin im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Brandrodung in Brasilien, hier im nordwestlichen Bundesstaat Rondonia: Aus dem Großteil der abgeholzten Flächen wird Weideland für Rinder. 

Brasilien: Für einen neuen Kurs wären erst einmal personelle Änderungen im Kabinett Bolsonaro nötig

Für einen neuen Kurs wären ohnehin erst einmal personelle Änderungen im Kabinett notwendig. Dass ausgerechnet Brasiliens Umweltminister Ricardo Salles in einer Kabinettssitzung vor wenigen Wochen dazu aufrief, das mediale Interesse Corona-Krise zu nutzen, um in deren Schatten Gesetze und Vorschriften zugunsten der Agrarindustrie zu ändern, hat internationale Umweltschützer fassungslos gemacht. Und offenbart das tatsächliche Umweltverständnis dieses Kabinetts. „Das war ein feiges Verhalten ohne jede Ethik und Respekt vor der Menschenwürde“, sagt Marina Silva. Bolsonaro ficht all das nicht an. Er erklärte, Salles sei ein außergewöhnlich guter Minister und bleibe im Amt.

Im Kreuzfeuer der Kritik steht auch Landwirtschaftsministerin Tereza Cristina. Sie gilt als die Erfolgreichste im Kabinett Bolsonaro – rein ökonomisch betrachtet. Doch auch ihr haftet der unappetitliche Ruf an, für den Erfolg ihrer Industrie über gefällte Bäume zu gehen. Inzwischen weiß die Ministerin, was auf dem Spiel steht: Das Freihandelsabkommen der Mercosur-Staaten – zu denen auch Brasilien zählt – und der Europäischen Union. Brasilien will seine Exporte nach Europa noch weiter ausdehnen. Gegen den Widerstand zahlreicher europäischer Nichtregierungsorganisationen, die das für verantwortungslos halten.

Europa steht indes vor der schwierigen Frage: auf das Abkommen und damit auch auf politischen Einfluss verzichten oder den Markt komplett China überlassen, das gerade in Rekordmengen in Brasilien einkauft und keine unbequemen Fragen stellt? Theoretisch wäre Brasilien bei einer Umsetzung des Abkommens verpflichtet, sich dem Klimaschutzabkommen von Paris zu beugen und Wälder zu schützen, statt sie abzuholzen. Doch Maria Laura Canineu, Brasilien-Direktorin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, macht sich da wenig Hoffnung: „Präsident Bolsonaro verspottet nicht nur die Umweltverpflichtungen des Abkommens, er macht es auch zunehmend unrealistischer, dass es selbst künftigen brasilianischen Regierungen möglich sein wird, diese Bedingungen zu erfüllen.“ (Von Tobias Käufer)

Rubriklistenbild: © Carlos Fabal/ AFP

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