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Immobilienbesitzer, die Mieter vertreiben, finden sich auch in Toronto, wie der Film „Push“ zeigt.

Gentrifizierung

„Bosse und Slumlords“

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Frederik Gertten und Leilani Farha über ihren Film „Push“, Hedgefonds auf der Jagd nach Immobilien und ein Grundrecht auf Wohnen.

Es ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Mangel an bezahlbarem, angemessenem Wohnraum gibt es weltweit. Der schwedische Filmemacher Fredrik Gertten und die US-amerikanische Rechtsanwältin und UN-Sonderberichterstatterin Leilani Farha ergründen im Dokumentarfilm „Push“, der an diesem Donnerstag ins Kino kommt, die Hintergründe und plädieren für ein „Grundrecht auf Wohnen“. Wir trafen Farha und Gertten vorab in München zum Interview.

Ihnen war es wichtig, keinen Klischeefilm zum Thema Gentrifizierung zu drehen. Was meinen Sie damit?
Gertten:  Es ist wichtig, eine neue Sprache dafür zu finden, was in den Städten passiert. Die alte Sprache, das Wort Gentrifizierung, eignet sich nicht mehr. Was wir nun sehen, ist etwas komplett anderes. Die großen Hedgefonds treten in den Immobilienmarkt ein. Die meisten von ihnen besaßen vor 2011 kein einziges Haus. Es ist eine ganz neue Entwicklung.

Was ist der Unterschied?
Farha:  Gentrifizierung entwickelt sich schrittweise. Neue Menschen ziehen in eine neue Nachbarschaft, ändern deren Merkmale und machen sie teurer. Jetzt kommen die großen Finanzakteure und kaufen Tausende Wohnungen. Es geht ihnen nicht um hippe Stadtviertel, es geht ihnen um billige Wohnungen, für die Menschen erschwingliche Mieten zahlen. Daraus wollen sie Profit ziehen. Sie kaufen die Wohnungen und machen sie teurer.

Gertten:  Die Hedgefonds gibt es ja schon lange. Sie suchen nach versteckten Wertpotenzialen. Dabei sind die Fonds sind nicht Eigentümer der Häuser, es sind die Leute, die Anteile an den Fonds besitzen. Es kann ein Pensionsfonds sein oder auch Geld aus Straftaten.

Welche Städte sind besonders betroffen?

Farha:  Alle. Auf jedem Kontinent. Von der Tschechischen Republik über Bangkok, Lagos, Johannesburg, Kapstadt, Nairobi, Westafrika bis nach Lateinamerika.

Gertten:  Die Finanzwelt ist schlau und dumm zugleich. Sie machen alle dasselbe. Aktuell wissen alle: Damit machen wir Geld. Es wird mehr Geld in Immobilien gesteckt als in alles andere.

Sie zeigen viele desaströse Wohnsituationen im Film. Was war das Schlimmste, das Sie bei den Dreharbeiten erlebt haben?
Gertten:  Für mich war es dieses Muster. Die großen Bosse agieren im Hintergrund. Und vor Ort gibt es den lokalen Slumlord: Jemand, der ein Haus besitzt und das an arme Menschen vermietet, niemals etwas repariert. Wir filmten an Orten, an denen Menschen unter ärmlichsten Verhältnissen leben. Auch in Toronto, in Barcelona. Das schlimmste Haus war in Toronto. Der Slumlord hatte Kameras im Flur aufgestellt. Warum? Er wollte die Mieter überwachen und darauf warten, dass sie Fehler machen, um sie hinauszuwerfen. Der andere Weg ist: Man renoviert ein Haus und erhöht die Mieten dann so, dass die Mieter quasi von selbst verschwinden.

Der Film

Im Film „Push – Für das Grundrecht auf Wohnen“ spürt Frederik Gertten der Verdrängung von Mietern weltweit nach – von Berlin bis ins südchilenische Valparaiso. Seine Interviewpartnerin ist unter anderen Leilani Farha, die UN-Sonderberichterstatterin in Sachen Wohnen. Im Raum steht die Prognose einer globalen Krise, die Obdachlose und entleerte Innenstädte hinterlässt. Der Dokumentarstreifen (92 Minuten) läuft am Donnerstag in den Kinos an.

Farha:  Eines der schrecklichsten Szenarien für mich kommt nicht im Film vor. In San Francisco traf ich eine Frau, die als Medizintechnikerin arbeitete. Ein Job mit anständigem Einkommen. Ihr Haus wurde von einer großen Vermögensmanagementfirma gekauft. Die erhöhte sofort die Miete, und zwar erheblich. Von 1200 auf über 2000 US-Dollar. Darauf zog die Frau freiwillig aus, verbrachte einige Zeit bei Freunden, doch irgendwann war deren Großzügigkeit erschöpft. Sie wollte zu ihrer Schwester ziehen. Die aber hatte soeben die Mutter aufgenommen, die aus einer ähnlich prekären Situation kam. Ich traf sie schließlich, als sie in einem Zelt unter einer Zugtrasse wohnte, in der alle 30 Sekunden ein Zug fuhr. Es war laut, überall waren Ratten, es gab keine Toilette.

Welche Sanktionsmöglichkeiten hat die UN?
Farha:  Wir können keine Sanktionen verhängen. Wir können prüfen, ob die Regierungen ihren Verpflichtungen im Bereich der Menschenrechte nachkommen. Referenten wie ich reisen in die Länder und forschen nach. Dort unterbreiten wir Vorschläge, wir informieren Medien und Nichtregierungsorganisationen, um sicherzustellen, dass den Empfehlungen nachgegangen wird. Staaten haben die Menschenrechtserklärung unterzeichnet und sich somit daran gebunden. Es mag ein weicher Mechanismus sein, aber die Staaten haben eine gewisse Rechenschaftspflicht.

Gibt es andere Möglichkeiten, die Lage zu verbessern?
Farha:  Es wird alles von den Menschen kommen. Was passiert nicht alles schon in Deutschland? Auf den Straßen demonstrieren Tausende für Enteignung und fordern den Staat zum Handeln auf.

Gertten:  Ich liebe den deutschen Ausdruck „Mietenwahnsinn“. Die Absicht des Films ist, zu zeigen, dass all das auf der ganzen Welt passiert. Die Menschen könnten eine globale Strategie entwickeln, das zu bekämpfen.

Farha:  In Irland wird der große Vorstoß unternommen, ein in der Verfassung verankertes Recht auf Wohnraum zu bekommen. Sie verstehen das Recht auf Wohnung als ein Menschenrecht und sehen den Staat in der Verantwortung. Hier haben wir die Anfänge einer weltweiten Bewegung.

Interview: Katrin Hildebrand

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