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Olaf Stotz ist seit 2008 Professor für Vermögensverwaltung an der Frankfurt School of Finance and Management. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Altersvorsorge, verhaltensorientierter Finanzierungslehre und empirischer Finanzmarktforschung.

Börsen-Manipulation

„Vor allem hilft Transparenz“

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Finanzprofessor Olaf Stotz im FR-Interview über Manipulation an der Börse.  

Herr Stotz, der Kurs der Wirecard-Aktie ist vergangene Woche nach Berichten über angeblichen Betrug nahezu implodiert. Die Finanzaufsicht Bafin geht jetzt dem Verdacht der Marktmanipulation nach. Wie leicht ist es, ein Papier derart zum Absturz zu bringen?
Bei kleinen Werten ist das relativ einfach, schwieriger allerdings bei gewichtigeren wie Wirecard, weil die Liquidität im Markt und die Investoren deutlich größer sind, so dass einzelne Transaktionen sich deutlich schwächer auf den Preis der Papiere auswirken.

Bei Wirecard handelt es sich immerhin um einen Dax-Wert ...
Ja, und deshalb überraschen mich die heftigen Turbulenzen auch. Ich kann mich nicht erinnern, dass es das in dieser Form schon einmal gab, dass der Kurs aufgrund eines Berichts in der Finanzpresse derart heftig einbricht.

Was braucht es, um eine solche Dynamik auszulösen?
Aktien, die sensitiv auf Nachrichten reagieren, das sind insbesondere Wachstumswerte, bei denen sehr viel Zukunft eingepreist ist – die dann durch die Nachrichten oder Gerüchte infrage gestellt wird. Voraussetzung ist zudem eine relativ hohe Bewertung des Unternehmens, wie wir sie bei Wirecard sehen – denn nur dann reagiert eine Aktie in der Regel so heftig in die eine oder andere Richtung. Und es braucht letztlich ein Geschäftsmodell, das für die Masse der Menschen schwer zu greifen ist. Mit einem Automobilhersteller kann jeder etwas anfangen, bei einem Zahlungsabwickler ist das schon schwieriger.

Wirecard hat im Jahr 2016 schon einmal heftige Kurseinbrüche erlebt. Die Staatsanwaltschaft München hält die Marktmanipulation in diesem Fall für erwiesen. Warum jetzt schon wieder Wirecard?
Das ist schwierig zu beantworten. Vielleicht greift da jemand einfach etwas wieder auf, nach dem Motto: Wo es einmal funktioniert hat, klappt es auch ein zweites Mal.

Welches Interesse haben die Akteure in der Regel?
Wenn sie sich im Vorfeld solcher Aktionen mit entsprechenden Optionsgeschäften und Derivaten positionieren und beispielsweise auf den Verfall des Kurses wetten, können sie gewaltig profitieren.

Wie schwer ist es, eine Marktmanipulation nachzuweisen?
Extrem schwer. Wenn die Informationen, die zugrunde liegen, nur eine Meinung sind, dann ist das schwer angreifbar. Wenn die berichteten Fakten falsch sind oder Dokumente manipuliert werden, ist es eine Straftat. Problematisch ist, dass viele Leserinnen und Leser Fakten und Meinungen oft nicht unterscheiden können.

Wie können sich Unternehmen gegen solche Manipulationen wappnen?
Firmen, die eine offene, transparente Geschäftspolitik betreiben und auch entsprechend gegenüber Investoren und den Medien kommunizieren, sind auf jeden Fall weniger anfällig.

Hat Wirecard das versäumt?
Das kann ich nicht beurteilen, dazu kenne ich die Kommunikationsstrategie des Zahlungsabwicklers nicht gut genug. Aber es ist klar, dass ein Unternehmen, das vor fünf Jahren noch kaum jemand gekannt hat und unglaublich schnell gewachsen ist, in diesen Dingen weniger Erfahrung hat als Daimler oder Bayer, die schon eine Ewigkeit an der Börse unterwegs sind.

Was erwarten Sie, wie wird sich der Fall entwickeln?
Bei den Turbulenzen vor drei Jahren hat Wirecard-Gründer und Großaktionär Markus Braun ein Signal gesetzt, in dem er im großen Stil Aktien zu dem gefallenen Kurs gekauft hat. Um die Botschaft zu senden, dass hinter den Vorwürfen nichts steckt. Ich vermute, dass er das jetzt wieder machen wird, wenn es nicht schon geschehen ist.

Was würden Sie Anlegern angesichts der Turbulenzen um Wirecard raten?
Private sollten sowieso nicht in solche Einzelaktien gehen. Das wäre pure Spekulation, aber keine vernünftige Investition. Für sie ist es viel sinnvoller, Geld breit in Aktien-Indexfonds anzulegen. Dann sind Kleinanleger von solchen Ereignissen wie bei Wirecard auch nicht allzu heftig betroffen.

Interview: Tobias Schwab

Zur Person

Olaf Stotz ist seit 2008 Professor für Vermögensverwaltung an der Frankfurt School of Finance and Management. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Altersvorsorge, verhaltensorientierter Finanzierungslehre und empirischer Finanzmarktforschung.

Der 48-Jährige hat Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe und Corporate and International Finance im britischen Durham studiert. Danach arbeitete er in der Finanzindustrie in verschiedenen Positionen in der Vermögensverwaltung und Investment Banking. 2002 bis 2008 folgten Promotion und Habilitation. (tos)

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