Bulle und Bär stehen sich vor der Bördse in Frankfurt gegenüber.
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Bulle und Bär stehen sich vor der Börde in Frankfurt gegenüber.

Dax über 12.300 Punkte

Als sei nichts gewesen

  • vonRolf Obertreis
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Der Deutsche Aktienindex steigt und steigt. Was ist da los an der Börse?

Die Folgen der Corona-Pandemie sind längst nicht überwunden – und trotzdem kennen die Aktienkurse seit Tagen nur eine Richtung: Nach oben. Woher kommt diese Euphorie an den Märkten?

Wo steht der Deutsche Aktienindex Dax aktuell?

Am Dienstag kletterte der deutsche Leitindex wieder und überwand die Marke von 12.300 Punkten. Damit setzt sich die Mitte Mai begonnene Aufwärtsbewegung fort. Der Dax steht mittlerweile so hoch wie zuletzt Anfang März. Seit dem Tief am 19. März von 8255 Zählern hat er gar um rund 49 Prozent zugelegt. Das sei nicht mehr Hoffnung und Optimismus, das sei Euphorie, sagte ein Börsianer am Mittwoch. Das Minus im Vergleich zum Rekordstand von 13.795 Mitte Februar liegt aber noch bei gut elf Prozent und im Vergleich zum Stand Ende 2019 von 13.249 Punkten bei rund sieben Prozent.

An welchen Fakten orientiert sich die Börse aktuell?

Es sind vor allem die beispiellosen Hilfsprogramme der Regierungen, der EU und der Notenbanken zur Bewältigung der Corona-Pandemie. Und die Erwartung, dass noch mehr Geld bereitgestellt wird. Die Europäische Zentralbank (EZB) etwa stellt in diesem Jahr über ihre Anleihe-Kaufprogramme mehr als eine Billion Euro bereit. Und sie wird am heutigen Donnerstag vermutlich eine halbe Billion oben draufpacken.

Was treibt die Zuversicht der Anleger außerdem?

Es sind auch die zunehmenden Lockerungen. Fabriken werden wieder hochgefahren, Geschäfte sind wieder geöffnet, ebenso Restaurants und Hotels. Und die Grenzen zumindest in Europa sind nicht mehr dicht. Das alles belebt nach Monaten der Zwangsruhe das Wirtschaftsgeschehen. Und damit auch die Umsätze der Unternehmen und mittelfristig die Gewinne.

Aber warum fließt das Anlagekapital ausgerechnet in Aktien?

Die Alternativen sind überschaubar. Auf Sparanlagen gibt es praktisch keinen Zins. Für Tagesgeld wird derzeit nach Angaben der FMH-Finanzberatung ein Durchschnittszins von 0,03 Prozent gezahlt. Wer 10.000 Euro anlegt, bekommt für ein Jahr gerade mal drei Euro. Viele Banken zahlen überhaupt nichts, in wenigen Fällen kann es ein halbes Prozent sein. Die Rendite einer zehnjährigen Bundesanleihe ist mit rund minus 0,40 Prozent weiter negativ. Der Anleger verliert also.

Welche deutschen Aktien haben sich bislang in diesem Jahr am besten geschlagen?

Unter den 30 größten, im Dax gelisteten, Aktien steht das Papier des Gesundheitskonzerns Fresenius mit einem Plus von 17 Prozent am besten da, vor der Deutschen Bank mit rund 15 Prozent. Spitzenreiter unter den 100 wichtigsten Aktien ist der Kochboxen-Lieferant HelloFresh, dessen Kurs sich fast verdoppelt hat. Dahinter rangieren der Laborausrüster Sartorius mit plus 70 Prozent und die Softwarefirma Teamviewer mit plus 50 Prozent.

Wer sind die großen Verlierer?

23 der 30 Dax-Werte stecken im Minus. Am härtesten erwischt hat es die Lufthansa mit einem Abschlag von mehr als 40 Prozent. Dahinter liegt der Triebwerkshersteller MTU mit minus 37 Prozent vor Daimler und Heidelbergcement mit jeweils minus 27 Prozent.

Was belastet die Aktien?

Abgesehen von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie schütten viele Aktiengesellschaften in diesem Jahr keine Dividende aus. Experten zufolge betrifft das hierzulande etwa ein Viertel der Unternehmen. Die EZB und die Finanzaufsicht Bafin haben dies Finanzunternehmen dringend nahegelegt. Auch Konzerne, die Staatshilfe bekommen, dürfen keine Gewinne ausschütten.

Welche Risiken bestehen?

Die Begleitumstände von Covid-19 belasteten die Unternehmen und deren Ertragsaussichten massiv, sagt Emmerich Müller, Chef beim Bankhaus Metzler. Die Entwicklung hänge auch an der Börse von einem Impfstoff und von Medikamenten gegen Covid-19 ab. Anleger müssten weiter mit starken Ausschlägen an der Börse rechnen. Marktanalyst Jochen Stanzl vom Finanzhaus CMC warnt: Die Börse habe sich von der Realität abgekoppelt. Investoren täten so, als handele es sich durch Corona nur um eine kleine Wachstumsdelle, die schnell ausgebügelt werde: „Das ist und bleibt eine steile These“.

Welche Risiken bestehen noch?

Es sind die Themen, die die Börse schon vor Corona bewegt haben: Der Handelsstreit zwischen den USA und China, der sich wieder verschärft hat. Es fehlt weiter eine Vereinbarung über den Brexit. Corona überdeckt auch die Spannungen zwischen den USA und Iran. Und nicht zuletzt die im November anstehende Wahl eines neuen US-Präsidenten.

Wie lauten die Prognosen für den Dax?

Experten der DZ Bank glauben, dass die alten Rekordstände vom Februar erst wieder in etwa drei Jahren erreicht werden können. Andere sehen den Dax im Sommer wieder bei unter 10.000 Punkten und einen Anstieg erst wieder in der zweiten Jahreshälfte auf 11.000 bis 12.000 Zähler.

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