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Rettungskräfte an den Trümmern der Boeing 737 Max 8: Wenige Minuten nach dem Start in Addis Abeba stürzten 157 Menschen in den Tod.

Untersuchungsbericht

Boeing-Piloten ohne Chance

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Boeing-Absturz in Äthiopien: Die Crew befolgte den Notfallplan, konnte sich gegen die Software der Maschine aber nicht durchsetzen.

Der US-Flugzeugbauer Boeing steht vor der größten Krise seiner über 100-jährigen Geschichte. Nachdem ein am Donnerstag veröffentlichter vorläufiger Untersuchungsbericht die äthiopischen Piloten des Flugs ET302 von jeglicher Verantwortung für den Absturz einer Boeing 737 Max 8 am 10. März nahe Addis Abeba freigesprochen hat, bleibt der schwarze Peter für das Unglück bei den Flugzeugbauern aus Chicago hängen. Verantwortlich für das Desaster, das 157 Menschen das Leben kostete, ist offensichtlich ein nach seinem englischen Namen MCAS abgekürztes Kontrollsystem des Flugzeugs – auch wenn die Autoren des vorläufigen Berichts internationaler Gepflogenheit entsprechend zu diesem Zeitpunkt noch niemandem die Schuld für das Unglück zuschreiben. Dennoch drohen Boeing nun Entschädigungsklagen in Milliardenhöhe: Das Unglück könne zum „umfangreichsten Rückversicherungsfall in der zivilen Luftfahrt“ werden, heißt es beim internationalen Versicherungsbroker Willis.

Schon vor der um mehrere Tage verzögerten Veröffentlichung des Reports hatten Medienorgane wie die „New York Times“, das „Wallstreet Journal“ und Reuters genügend Material zusammengetragen, um die Ursache des Absturzes der Ethiopian-Airlines-Maschine rekonstruieren zu können. Nach Aussagen an der Untersuchung beteiligter Experten war beim Crash der äthiopischen Max 8 genauso wie bei ihrem knapp fünf Monate zuvor verunglückten indonesischen Pendant das MCA-Kontrollsystem eingeschaltet. Dieses drückt die Nase einer Maschine automatisch nach unten, falls sie für ihre Geschwindigkeit zu steil ansteigt und wegen zu geringer Auftriebskraft abzustürzen droht. Nach dem Crash der indonesischen Lion-Air-Maschine hieß es, dass ein schadhafter Sensor das Kontrollsystem mit fehlerhaften Daten versorgt habe, sodass sich die Flugkorrektur grundlos von selbst einschaltete. Die indonesischen Piloten versuchten mehrere Minuten lang, die MCAS-Automatik wieder auszuschalten: Doch diese soll immer wieder die Regie übernommen haben.

Nase der Boeing-Maschine zeigte schon beim Start nach unten

Mit demselben Phänomen sahen sich der äthiopische Flugzeugkapitän Yared Getachew und sein Kopilot Ahmednur Mohamed wenige Minuten nach ihrem Start vom Flughafen in Addis Abeba am 10. März um 8.38 Uhr konfrontiert. Noch beim Aufstieg senkte sich die Nase der Boeing-Maschine plötzlich nach unten: „Zieh hoch, zieh hoch“, rief ein Pilot dem anderen nach den Aufzeichnungen aus der „Black Box“ zu. Offenbar gelang es den beiden Flugzeugführern, das fehlerhafte MCAS vorübergehend auszuschalten: Doch wie beim indonesischen Lion-Air-Flug meldete sich das Kontrollsystem immer wieder automatisch zurück. An den beiden Piloten habe es nicht gelegen, dass die Maschine sechs Minuten nach dem Start rund 50 Kilometer westlich von Addis Abeba in den Boden krachte, sagte Äthiopiens Verkehrsministerin Dagmawit Moges bei der Veröffentlichung des Berichts am Donnerstag in Addis Abeba: Sie seien sämtlichen von Boeing empfohlenen Prozeduren korrekt gefolgt, hätten die Maschine aber trotzdem nicht stabilisieren können.

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Kritik an Boeing war bereits nach dem Absturz der Lion-Air-Maschine laut geworden: Der Flugzeugbauer habe Piloten der Max 8 nicht ausreichend über die Absturzursachen informiert, klagte eine Pilotenvereinigung in den USA. Außerdem sei weder im Piloten-Handbuch des Konzerns auf das Problem entsprechend hingewiesen noch eine Warnleuchte im Cockpit der 737 installiert worden.

Boeing übernimmt Garantie für die Sicherheit der 737 Max 8

Boeing ist seit dem indonesischen Absturz mit einer Überarbeitung der MCAS-Software beschäftigt: Diese sei allerdings erst „in den kommenden Wochen“ installationsbereit, teilte der Konzern kürzlich mit. Um ein Flugverbot seiner äußerst erfolgreichen Kurz- und Mittelstreckenmaschine zu verhindern, hatte Boeing-Konzernchef Dennis A. Muilenburg nach dem äthiopischen Absturz mit US-Präsident Donald Trump telefoniert und ihm die Sicherheit der 737 Max 8 garantiert. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt vom Problem mit dem Kontrollsystem längst gewusst haben muss. Auf den vorläufigen Untersuchungsbericht reagierte der Flugzeugbauer bislang lediglich mit dem Hinweis, der Report müsse zunächst eingehend studiert werden.

Auch an der Zulassung der 737 Max 8 durch die amerikanische Federal Aviation Administration (FAA) kam inzwischen Kritik auf. Die Justizbehörde in Washington untersucht derzeit, ob Boeing nicht ausreichende oder irreführende Angaben gegenüber den Aufsichtsbehörden gemacht hat, um den Lizenzierungsprozess der 2017 auf den Markt gebrachten Maschine zu beschleunigen. Die Max 8 ist das sich am schnellsten verkaufende Flugzeug in der 103 Jahre alten Geschichte des Boeing-Konzerns: Mehr als 100 Fluggesellschaften aus aller Welt bestellten in knapp zwei Jahren bereits 4500 Exemplare. Nun muss der Flugzeugbauer jedoch Stornierungen der Kaufverträge befürchten: Die norwegische Fluggesellschaft Norwegian Air Shuttle will Boeing auch für die im Zusammenhang mit dem Flugverbot entstandenen Kosten zur Verantwortung ziehen. Schließlich muss der nach Airbus zweitgrößte Flugzeugkonstrukteur der Welt auch mit Schadensersatzansprüchen von Hinterbliebenen der insgesamt 346 bei den beiden Unglücken ums Leben gekommenen Passagiere und Crewmitgliedern rechnen.

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