+
Langzeitparker: Maschinen vom Typ 737 Max müssen zurzeit weltweit am Boden bleiben.

Software-Fehler

Noch ein Boeing-Risiko

  • schließen

Die US-Luftfahrtbehörde entdeckt an der 737-Max-Maschine einen weiteren Softwarefehler. Mit einer schnellen Aufhebung des Flugverbots wird es jetzt wohl nichts. Die Airlines und den Flugzeugbauer kommt das teuer zu stehen.

Bei Boeings Pannenflieger 737 Max gibt es neue technische Probleme. Damit dürften die Maschinen weltweit länger am Boden bleiben, als bislang erwartet wurde. Das könnte weitreichende Folgen für Passagiere, Airlines und den US-Konzern haben.

Die US-Luftfahrtbehörde FAA teilte mit, man habe weitere potenzielle Risiken entdeckt, die Boeing beseitigen müsse, bevor die Maschinen wieder in Dienst gestellt werden könnten. Details wurden von der FAA nicht genannt. Ein Konzernsprecher sagte, man bemühe sich, die zusätzlichen Anforderungen zu erfüllen. Parallel laufe eine weitreichende Aktualisierung der Software, die die Piloten besser unterstützen soll. Es gehe darum, die Arbeitsbelastung der Flugzeugführer zu verringern, wenn sie auf Stabilisierungsmanöver des Bordcomputers reagieren müssten.

US-Medienberichten zufolge sind die neuen Probleme kürzlich bei Tests in Flugsimulatoren deutlich geworden. Piloten hätten Schwierigkeiten, auf Fehlfunktionen zu reagieren. Nach einem Bericht des Finanzdienstes Bloomberg stehen die jetzt erkannten Mängel zwar nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Stabilisierungssystem MCAS, das mutmaßlich den Absturz von zwei Max-Maschinen verursacht hat. Aber es soll sich nun ebenfalls um die Steuerung handeln, die eigentlich dafür sorgen soll, dass die Jets in aerodynamisch stabile Lagen getrimmt werden. Die Tests hätten gezeigt, dass der Bordcomputer einen Motor am Höhenruder so verstellen könne, dass das Flugzeug „abtauche“, es also mit der Nase nach unten kippt. Flugzeugführer müssen dann manuell gegensteuern.

Ganz ähnlich waren die Probleme, die mit großer Wahrscheinlichkeit zum Absturz zweier Max-Jets Ende Oktober 2018 in Indonesien und am 10. März in Äthiopien geführt hatten – insgesamt 346 Menschen starben. Die beiden Mittelstreckenmaschinen waren wenige Minuten nach dem Start in einer Art Sturzflug zu Boden gegangen. Seither herrscht ein weltweites Flugverbot für alle Max-Jets. Das MCAS wurde eigentlich entwickelt, um zu verhindern, dass die Flugzeuge nach dem Start nicht zu steil in den Himmel aufsteigen, denn dies kann einen Abriss der Luftströmung verursachen, was die Flieger nicht mehr steuerbar macht. Aber das MCAS hat gewissermaßen überreagiert und automatisch mittels des Höhenruders die Nase in Flugsituationen nach unten gedrückt, wo dies gar nicht nötig war – die Piloten verloren daraufhin die Kontrolle. Boeing arbeitet nun an einem Software-Update für das MCAS. Die FAA teilte mit, man überprüfe derzeit die neuen Computer-Programme und erarbeite neue Vorgaben für das Training der Piloten.

Welche Auswirkungen die jetzt zusätzlich entdeckten Fehlfunktionen letztlich haben werden, ist derzeit noch nicht absehbar. An Boeing und der Luftfahrbehörde FAA gibt es mittlerweile von vielen Experten massive Kritik. Der Hauptvorwurf lautet, dass die Max-Serie übereilt entwickelt wurde und dass die Aufseher bei der Zertifizierung des Flugzeugs nicht genau genug hingeschaut haben.

Der Hintergrund: Der europäische Rivale Airbus startete 2010 das Programm für die 320-Neo-Serie. Das sind Mittelstreckenjets mit neuen leistungsstarken und spritsparenden Triebwerken. Boeing sah sich gezwungen, schnell nachzuziehen. Deshalb wurde für die 737, die seit 1967 im Dienst ist, in kurzer Zeit eine Variante konstruiert, die ebenfalls von den neuen Aggregaten angetrieben wird. Allerdings wurde – wohl auch wegen Zeitdrucks – an den Maschinen sonst kaum etwas verändert. Kritiker machen nun darauf aufmerksam, dass die 737 Max im Grunde ein Flugzeug mit zu starken Triebwerken ist. Um es sicher zu machen, sind deshalb zusätzliche Steuerungssysteme wie das MCAS notwendig. Der aus Sicht von Boeing schlimmste Fall wäre nun, dass die Probleme mit Software alleine nicht zu beheben sind und an der Max umfangreichere Modifikationen notwendig werden, etwa eine Neukonstruktion der Tragflächen. Davon ist bislang allerdings noch keine Rede.

Es zeichnet sich aber ab, dass es mit einer schnellen Aufhebung des Flugverbots nichts wird. Dabei haben viele Fluggesellschaften gehofft, ihre Maschinen im September wieder in Dienst stellen zu können. Die FAA teilte aber mit, es gebe keinen Zeitplan für die Erteilung einer Fluggenehmigung. Das wird in der Branche als Hinweis darauf verstanden, dass der Prozess noch viele Monate dauern könnte.

Für Fluggesellschaften bedeutet dies, dass sie sich weiter mit anderen Maschinen behelfen müssen, die vielfach für viel Geld geleast werden müssen. Boeing hat bislang 387 Max-Exemplare ausgeliefert, aber Bestellungen für mehr als 4500 Jets in den Büchern. Hierzulande hat lediglich der Ferienflieger Tuifly mehrere Maschinen in seiner Flotte. Der Börsenwert des Boeing-Konzerns ist in den vergangenen drei Monaten um 38 Milliarden Dollar geschrumpft. Hinzu kommen mögliche Schadenersatzforderungen von Airlines und Angehörigen der Absturzopfer kommen.

Eine noch ganz andere Frage ist, ob Fluggäste künftig noch bereit sind, mit der Max zu fliegen. Umfragen in den USA zeigen, dass die Skepsis sehr groß ist. Käme es zum Kundenstreik könnten Stornierungen von Bestellungen die Folge sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare