Lohnunterschiede

Blutroter Protest

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Diskussionen, die sich ausschließlich auf ökonomische Aspekte politischer Forderungen konzentrieren, fördern ein einseitiges Verständnis von Stigmatisierung

Als Schweizer Feministinnen im Oktober mehrere prominente Brunnen in Zürich blutrot färbten, explodierte unter dem Hashtag „#Happy To Bleed“ die Diskussion in den sozialen Medien.

In Deutschland gab es ähnliche Aktionen, wie etwa die Petition aus dem letzten Jahr gegen die Versteuerung von Tampons mit 19 Prozent Mehrwertsteuer, statt als Gut des täglichen Gebrauchs mit sieben Prozent. In Frankreich, Großbritannien und New York waren solche Proteste bereits erfolgreich. Die Initiatorin der deutschen Kampagne, Penelope Kemekenidou, nannte Ende Juli 2015 in der FR die Steuerpolitik eine „anschauliche Vorlage“, welche die strukturelle Diskriminierung von Frauen deutlich macht.

Dieses Beispiel zeigt, wie ökonomische Themen als Rahmen oder Filter fungieren, um die unübersichtliche Realität einer patriarchalen Gesellschaft auf einige konkrete Zahlen herunterzubrechen. Gepaart mit der medialen Sehnsucht nach knackigen, plakativen Aussagen und Aktionen, bietet die Ökonomie eine Sprache für konkrete, politische Kämpfe.

Statistiken, wie etwa zu Lohnunterschieden oder dem Frauenanteil in Führungsetagen von Konzernen zeigen strukturelle Probleme schnell und überzeugend auf. Die Folgen von Stigmatisierung der Menstruation oder Traumatisierung sind dagegen viel schwerer ökonomisch zu erfassen und geraten schnell in den Hintergrund. Auch die Schweizer Aktivistinnen wollten vor allem die gesellschaftliche Tabuisierung von Menstruation problematisieren, doch die mediale Berichterstattung konzentrierte sich vor allem auf das Steuerrecht.

Der Hashtag „#Happy To Bleed“ wurde übrigens von einer indischen Aktivistin ins Leben gerufen, um gegen die Stigmatisierung von menstruierenden Frauen im Sabrimala Tempel zu protestieren. Die gleichnamigen Aktionen illustrieren, dass die Tabuisierung der Menstruation in einem globalen Kontext stattfindet, der weit über das Steuerrecht hinausreicht. Die Schweizerinnen hätten das mit einem Hinweis auf die indischen Aktivistinnen aufzeigen können.

Die Schlagkraft harter, ökonomischer Argumente verzaubert wohl auch Feministinnen, aber sie sollten Acht geben, dabei nicht die Vielschichtigkeit ihrer Kämpfe zu vergessen.

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