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Die Generali-Gruppe hat weltweit mehr als 71.000 Mitarbeiter.

Lebensversicherungen

Bloß weg damit!

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Die Generali verkauft rund vier Millionen Lebensversicherungspolicen an einen Abwickler. Verbraucherschützer sind alarmiert.

Es könnte der viel befürchtete Dammbruch beim Verkauf traditioneller Lebensversicherungspolicen an professionelle Abwickler sein: Der Versicherer Generali verkauft dieses Geschäft nun mehrheitlich an den hierzulande marktführenden Abwickler Viridium in Neu-Isenburg. Das teilte das in München ansässige Unternehmen am Donnerstag mit. Davon betroffen sind 4,2 Millionen Policen mit dahinterstehenden Kapitalanlagen von über 37 Milliarden Euro.

Bislang sind von rund 88 Millionen Lebensversicherungsverträgen in Deutschland 1,8 Millionen an professionelle Abwickler verkauft worden. Mit dem Deal wird sich dieses Volumen auf einen Schlag mehr als verdreifachen. Politiker aller Lager sowie Verbraucherschützer warnen vor negativen Folgen für „verkaufte Versicherte“.

Es geht um Grundsätzliches. „Wir befürchten, dass die Versicherten zukünftig deutlich schlechter gestellt sind“, sagt der Chef des Bunds der Versicherten (BDV), Axel Kleinlein. Verkaufte Generali-Kunden müssten damit rechnen, unter Viridium noch spärlicher mit den bei Lebenspolicen mitentscheidenden Überschüssen bedient zu werden.

Genau das befürchtet auch der Finanzexperte der Grünen im Bundestag, Gerhard Schick, der von einem Vertrauensbruch spricht. Zudem könne der Service leiden. Bei Lebenspolicen müssten Verbraucherrechte gestärkt werden. So müsse ihnen bei einem Verkauf ihres Vertrags ein Mitspracherecht eingeräumt werden. Das fordern auch CDU-Politiker. Der BDV droht nun mit dem neuen rechtlichen Instrument einer Musterfeststellungsklage.

Professionelle Abwickler haben anders als aktive Versicherer mit Neugeschäft keinen Ruf zu verlieren. Zwar wacht in Deutschland die Finanzaufsicht Bafin darüber, dass bei einem Verkauf von Versicherungsbeständen die Garantien für Kunden eingehalten werden. Sie muss auch den jetzigen Verkauf von Generali Leben noch genehmigen. Bei Überschussbeteiligungen als wichtigem Teil der Rendite einer Lebenspolice besteht aber einiger Verteilungsspielraum. Hier kann es am Ende eines oft über Jahrzehnte laufenden Lebensversicherungsvertrags um viele tausend Euro gehen, die ein Kunde erhält – oder eben nicht.

Um solchen Befürchtungen zu begegnen, wählt Generali ein innovatives Modell. An Viridium verkauft werden nur knapp 90 Prozent der Generali Leben. Zu einem Zehntel beteiligt bleibt die italienische Muttergesellschaft, die auch mit einem Sitz im Aufsichtsrat von Generali Leben bleibt. Betreut werden die verkauften Bestände zudem von 300 Generali-Beschäftigten, die in eine neue Servicegesellschaft unter Viridium wechseln und praktisch mitverkauft werden. Für fünf Jahre will Generali zudem die Investments der betroffenen Versicherten weiterhin managen. Der Vertragsbestand dürfte mit Blick auf lange Laufzeiten von Lebenspolicen aber weit über diese Frist hinausreichen.

Beim Geschäft wurde Generali Leben als Ganzes mit rund einer Milliarde Euro bewertet. Dazu kommen Darlehen in Höhe von 882 Millionen Euro, die Generali ihrer Lebensversicherungstochter gewährt hat und für die nun Viridium geradesteht. Außerdem zahlt der Abwickler an Generali 275 Millionen Euro für das fünfjährige Anlagemanagement. Insgesamt streicht der Generali-Mutterkonzern also knapp zwei Milliarden Euro ein. Der Verkauf sei ein wichtiger Schritt zur Stärkung der Generali, betonte Vorstandschef Philippe Donnet. Nun könne man den eigenen Aktionären eine höhere Rendite garantieren und auch bessere Zeiten für verbleibende Generali-Kunden.

Die Generali ist ein Schwergewicht im deutschen Versicherungsmarkt und hinter der Allianz der zweitgrößte Versicherer von Privatkunden. Wie der ganzen Branche macht der Dauerniedrigzins auch den Italienern zu schaffen. Sie haben deshalb beschlossen, sich vom traditionellen Lebensversicherungsgeschäft mit lebenslangen Zinsgarantien komplett zu verabschieden.

Das hatte voriges Jahr auch die zum Assekuranzriesen Munich Re zählende Ergo-Gruppe mit ihren sechs Millionen Lebenspolicen. Nach einem öffentlichen Aufschrei von Politik, Gewerkschaften und Verbraucherschützern blies Ergo den Verkauf des Bestands an einen professionellen Abwickler allerdings ab. Nun wird in Eigenregie unter IT-Hilfe von IBM abgewickelt. Betroffene Versicherte bleiben damit Ergo-Kunden.

Viridium ist der in Deutschland führende professionelle Abwickler für die von Assekuranzkonzernen ungeliebten Verträge. Frankfurter Leben und Athene als die beiden anderen großen Abwickler der Republik betreuen in der Summe rund 800.000 Lebenspolicen.

Viridium managt derzeit einen Bestand von knapp einer Million Verträgen mit 16 Milliarden Euro Versicherungsvermögen. Nach Stückzahl wird Viridium den eigenen Bestand durch das Geschäft mit Generali Leben also mehr als verfünffachen. Viridium-Chef Heinz-Peter Roß sprach am Donnerstag angesichts der Transaktion von einem „starken Signal des Vertrauens“ in die Gruppe. Er gehe davon aus, dass der Kaufvertrag zügig unterzeichnet werde.

Nach Angaben des Unternehmens sollen alle vertraglichen Verpflichtungen gegenüber den Kunden „vollkommen unverändert“ bleiben. Als Teil der Viridium-Gruppe profitierten die Versicherungsnehmer zudem von den Kostenvorteilen eines „maßgeblich auf Effizienz basierenden“ Modells für das Bestandsmanagement, das auch zu einer höheren Überschussbeteiligung führe.

Zufriedene Kunden hat der professionelle Abwickler allerdings nicht unbedingt. Für die Bestände des Versicherers Skandia, die Viridium seit einigen Jahren abwickelt, weist die Statistik der Bafin eine Beschwerde je 3865 Policen aus. Im Branchenschnitt über alle in Deutschland noch aktiven Lebensversicherer ist es eine Beschwerde je 63.000 Verträgen. Ob die Beschwerden jeweils berechtigt sind, sagt die Bafin-Statistik zwar nicht. Zweifel an Viridium & Co räumt sie aber nicht gerade aus.

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