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VW-Chef Matthias Müller: Fahrverbote drohen weiter.

Automesse

Was bleibt von der IAA?

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Noch nie war die Frankfurter Automesse so stark von der Frage nach der Zukunft der Mobilität geprägt. Das Problem: Die deutschen Autobauer haben kurzfristig keine Antwort.

Sedric soll es richten. Das Fahrzeug von Volkswagen sieht aus, als sei es direkt aus einem Science-Fiction-Film auf die IAA in Halle 3 des Frankfurter Messegeländes gefahren. Ein kompaktes Fahrzeug mit abgerundeten Ecken, mit verkleideten Rädern und ohne Lenkrad und Cockpit. Denn es handelt sich um autonomes E-Auto für die Großstadt. Es soll als Robotertaxi eingesetzt werden. Die drei Megatrends der Branche vereint in einem Fahrzeug. Elektro- statt Verbrennungsmotoren, Autopilot statt Fahrer, Nutzen statt Besitzen.

Am Sonntag endet die IAA. Was bleibt? Beobachter sind sich einig, dass keine Frankfurter Automesse zuvor so stark von der Frage nach der Zukunft der Mobilität geprägt war. Die drei großen Autobauer Daimler, BMW und Volkswagen haben kraftstrotzende SUV vielfach mit Dieselmotoren gezeigt und zugleich angekündigt, dass sie Anfang des neuen Jahrzehnts in jeder Modellreihe mindestens ein Elektroauto haben werden. Der IAA-Star Sedric soll bleiben und in Zukunft durch die Straßen unserer Städte rollen. „2021 wird Sedric in Dienst gestellt“, sagt Johann Jungwirth, Digital-Chef des Volkswagen-Konzerns.

Doch Sedric kommt zu spät, um die akuten Probleme in vielen Städten zu lösen. Es drohen Fahrverbote, nicht erst 2021, sondern zum 1.1.2018. So hat es das Verwaltungsgericht Stuttgart unmissverständlich klar gemacht. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat gegen den Luftreinhalteplan für die baden-württembergische Landeshauptstadt geklagt und gewonnen. Ein Verkehrsverbot für Dieselmotoren unterhalb der Schadstoffklasse Euro 6 sei „die effektivste und derzeit einzige Luftreinhalteplanmaßnahme“ zur Einhaltung der Grenzwerte, heißt es in der Urteilsbegründung. Und Stuttgart ist fast überall. In sämtlichen deutschen Ballungsgebieten und auch in vielen mittelgroßen Städten werden die zulässigen Werte dauerhaft und massiv gerissen.

„An Fahrverboten kommen wir nicht mehr vorbei“, sagt Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Und er fügt hinzu: „Das sollten wir als Signal verstehen, um endlich die Verkehrswende konsequent anzugehen.“ Elektrische Konzept-Fahrzeuge auf dieser IAA und bei vorangegangenen Automessen habe man genug gesehen.

„Die Technik ist da. Jetzt muss es um die Umsetzung gehen.“ Ganz ähnlich argumentiert Carl Friedrich Eckhardt, Leiter des Kompetenzzentrums Urbane Mobilität bei BMW: „Die Diskussion über Fahrverbote hat neuen Mobilitätskonzepten erheblichen zusätzlichen Schwung gegeben. Das ist eine Chance.“

Ganz entscheidend aus Sicht von Umweltschützern ist nun, Stadtbusse, Taxis und den Lieferverkehr zügig zu elektrifizieren. Immerhin, bei Letzterem gibt es ermutigende Entwicklungen. Streetscooter heißt das Fahrzeug. Es handelt sich um einen E-Transporter, den nicht etwa einer der großen Auto-Konzerne, sondern die Deutsche Post zusammen mit Ingenieuren von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen entwickelt hat. Ein Fahrzeug mit erheblich weniger Glamourfaktor als der Sedric, dafür aber mit einem Grundpreis von rund 32 000 Euro und einer aufs absolut Notwendige reduzierten Technik so alltagstauglich, dass er es im vorigen Jahr unter die Top 5 der in Deutschland zugelassenen E-Autos schaffte.

Jetzt will die die Post mit einer XL-Version nachlegen, die in Kooperation mit Ford gebaut wird. Ein Fahrzeug, das ideal für die Paketzustellung in Großstädten sei, es biete Platz für 200 Pakete, so Post-Vorstand Jürgen Gerdes. Und der XL-Scooter müsste genau wie sein kleiner Bruder Fahrverbote nicht fürchten.

Weder Elektro-Taxis noch Stadtbusse von deutschen Herstellern 

Genau wie Elektro-Taxis. Doch wer eine Stromer-Kraftdroschke von einem deutschen Hersteller kaufen möchte, sucht bislang vergebens. In der Taxi-Branche werden stattdessen Fahrzeuge von Nissan und oder die neue Limousine Ionic von Hyundai empfohlen. Und bei den Stadtbussen ist nicht Daimler, sondern der polnische Hersteller Solaris in puncto E-Antrieb führend.

Um hier die Entwicklung voran zu treiben, haben sich Deutschlands größte Städte jüngst zu einem Beschaffungskonsortium zusammengeschlossen, das bei den Herstellern Anreize setzen will, damit Fahrzeuge zu wettbewerbsfähigen Konditionen angeboten werden. Denn laut Öko-Institut kann derzeit die Anschaffung eines E-Busses mehr als doppelt so teuer sein wie der Kauf eines Diesel-Busses.

Und wie sieht es mit der Elektrifizierung des Individualverkehrs aus? „In den nächsten drei Jahren wird es keine neuen Elektroautos von deutschen Herstellern geben“, betont Hilgenberg.

Es sei schon ziemlich peinlich. Gleichwohl setzt der BUND-Experte darauf, dass mit dem Ausbau des E-Carsharings der Einstieg in eine neue, saubere Mobilität geschafft werden kann. Darauf baut auch BMW-Manager Eckhardt, dessen Unternehmen mit der Marke Drive Now schon hinlänglich Erfahrungen bei der Kurzzeitvermietung von PKW gesammelt hat – auch das Elektromodell i3 der Münchner ist da im Angebot „Der Ansatz ist, Carsharing, Elektromobilität und die Privilegierung von E-Autos bei den Parkplätzen zusammenzubekommen. Dafür müssen wir eine Grundlastnachfrage erzeugen“, so Eckhardt.

Wer bezahlt die Infrastruktur? 

Das ist aber gar nicht so einfach. Denn es bedeutet, mehr oder weniger flächendeckend Stromer in die Straßen der Städte zu stellen, und für die es braucht eine Ladeinfrastruktur. Und die alles entscheidende Frage lautet deshalb: Wer soll das bezahlen? Zumal auch Geld für die Umstellung von Stadtbussen und wohl auch für Förderprogramme für mehr E-Taxis und mehr E-Transporter benötigt wird.

Auf dem zweiten Dieselgipfel wurde zwar für die Städte ein Fördertopf von einer Milliarde Euro beschlossen. Das reicht aber bei weitem nicht, um den Ausbau der Elektromobilität in allen ihren Spielarten – auch Straßenbahnen gehören dazu – zu finanzieren. Hilgenberg macht sich deshalb dafür stark, Geld unter anderem bei den Haltern der kraftstrotzenden SUV zu holen. Die KFZ-Steuer müsse stärker gespreizt werden und für Fahrzeuge, die im realen Betrieb große Mengen CO2 ausstoßen, massiv erhöht werden. „Das wäre eine der wichtigsten Aufgaben für den künftigen Verkehrsminister.“

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