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Bittere Zeiten für Rübenbauern?

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Von: Stefan Sauer

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Bergeweise Zuckerrüben – sie zieren im Herbst die Ackerraine. Die letzte Kampagne nach der alten Zuckermarktordnung beginnt in diesem Herbst.
Bergeweise Zuckerrüben – sie zieren im Herbst die Ackerraine. Die letzte Kampagne nach der alten Zuckermarktordnung beginnt in diesem Herbst. © imago

Nach dem Milchmarkt wird 2017 auch Europas Zuckermarkt liberalisiert. Der Preis für Zucker dürfte dann sinken.Was bedeutet das für den Agrarsektor?

Es ist noch nicht ausgemacht, mit welchen Gefühlen die europäischen Zuckerrüben- und Maisbauern dereinst auf den Herbst 2016 zurückschauen werden. Womöglich wird man erleichtert feststellen, dass es seither ein Ende hat mit der EU-Zuckerquote, die den Landwirten lange Fesseln anlegte, Exporte verhinderte und Gewinne schmälerte. Vielleicht wird man sich des Jahres 2016 aber auch als Endpunkt einer famosen, aber leider untergegangenen Epoche erinnern, in denen Produktion und Preise vorgegeben und die Erlöse sicher waren. Fest steht: In den kommenden Wochen und Monaten werden Europas Zuckerpflanzenanbauer ihre Ernte letztmals nach den Vorgaben der EU-Zuckermarktordnung einfahren und vermarkten.

Dann ist Schluss. Die Regelungen, die im Grundsatz bereits seit 1968 bestehen, laufen am 1. Oktober 2017 aus. Zugleich endet das Kapitel der durch Brüssel mit Produktionsquoten und Mindestpreisen regulierten Agrarmärkte. Eine Zäsur, ohne Zweifel. Fraglich ist, wie sie sich auswirkt. Die bisher letzte Agrar-Quote fiel im April 2015 und stürzte Deutschlands Milchviehhalter in eine existenzbedrohende Krise, die bis heute nicht ausgestanden ist. Mit der Liberalisierung des europäischen Milchmarktes ging nämlich ein Verfall der Weltmarktpreise für Milch- und Milchprodukte einher. Damit wurde in Deutschland, mit Ausnahme von Bioprodukten, eine wirtschaftlich tragfähige Milcherzeugung unmöglich. Allein im laufenden Wirtschaftsjahr wird nach Schätzung von Experten ein Zehntel aller deutschen Milchbauern aufgeben müssen. Droht 2017, nach dem Fall der Zuckerquote, dem Rübenanbau ähnliches?

Um diese Frage zu beantworten, ist ein Blick auf die bisher geltenden Regelungen dienlich. Danach dürfen Zuckererzeuger aus der EU maximal 85 Prozent der innerhalb der Staatengemeinschaft benötigten Menge auf den Binnenmarkt bringen. Die EU-Produktionsquoten lagen zuletzt bei 13,53 Millionen Tonnen für Zucker und 0,72 Millionen Tonnen für Maiszucker-Sirup (Isoglucose).

Die übrigen 15 Prozent des EU-Bedarfs werden importiert. Wegen extrem hoher Einfuhrzölle von 419 Euro pro Tonne Zucker und 339 Euro für Isoglucose kommen dabei allerdings nur Länder zum Zuge, die in Freihandelsabkommen bevorzugte Zuckerimportregelungen vereinbart haben, etwa Russland und Kasachstan. Umgekehrt sind den EU-Zuckererzeugern zwar Exporte in Länder außerhalb der EU erlaubt, wegen der Einfuhrzölle hat die Welthandelsorganisation WHO aber das Ausfuhrvolumen auf 1,4 Millionen Tonnen pro Jahr begrenzt. Im Herbst 2017 werden all diese Regelungen wegfallen. Einzig die sehr hohen Importzölle werden nicht angetastet.

Wird die partielle partielle Zuckermarktöffnung den europäischen Landwirten eher schaden oder nutzen? Die Antwort ist gerade auch für den hiesigen Agrarsektor bedeutsam. Denn mit gut drei Millionen Tonnen Jahreserzeugung ist Deutschland nach Frankreich zweitgrößter Zuckerproduzent in der EU. Nach Angaben der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker bauten hierzulande im vergangenen Jahr 29 508 Betriebe Zuckerrüben an. Die Zahl der Rübenbauern sinkt damit seit Jahren.

Für die Auswirkungen der Marktliberalisierung maßgeblich sind Produktionskosten, Transportwege und Verarbeitungskapazitäten. Vorteil der deutschen Erzeuger sind der hohe Binnenvermarktungsanteil mit geringen Transportkosten und effiziente Herstellungsverfahren. Nach Angaben des bundeseigenen Thünen-Instituts für Agrarmarktanalysen in Braunschweig liegt Deutschland in Bezug auf Marktnähe und die Verarbeitungskapazitäten von bis zu 4,8 Millionen Tonnen pro Jahr im europäischen Vergleich recht gut. Die Produktionskosten sind dagegen überdurchschnittlich. Die Folgen der Marktöffnung für die deutsche Landwirtschaft hängt also letztlich vom Preis ab, den die Bauern für ihre Rüben erzielen.

In einer Studie des Thünen-Instituts für die landwirtschaftlich orientierte Rentenbank werden die Folgen der Zuckermarktöffnung anhand dreier Szenarien errechnet. Sollten die Weltmarktpreise bis 2020/21 wie von EU und WTO prognostiziert bei 303 Euro pro Tonne liegen, ginge die Erzeugung von Zucker und Isoglycose in Deutschland um fünf Prozent zurück. Gewinner wären vor allem Frankreich und Polen, die größten Verlierer dagegen Finnland, Dänemark, Griechenland und Italien. Bei einem um 30 Prozent niedrigeren Weltmarktpreis von 212 Euro pro Tonne würde die Produktion in Deutschland sogar um 22 Prozent einbrechen. Ein um 60 Prozent auf 485 Euro steigender Preis dagegen würde die hiesige Erzeugung um ein Fünftel steigen lassen. In allen genannten Fällen nähme der Selbstversorgungs-Anteil der EU von derzeit 85 Prozent zu, die bisherigen Lieferländer von außerhalb hätten Absatzeinbußen von bis zu 50 Prozent zu verkraften.

Ebenfalls weitgehend unabhängig von der Weltmarktpreisentwicklung wird die Liberalisierung für Verbraucher eine angenehme Folge zeitigen. Der Zucker im Supermarkt wird aller Voraussicht nach spürbar billiger. Die Kehrseite jedoch: Den Prognosen zufolge wird dann auch der Verbrauch um ein Prozent steigen. Dabei verzehren die Deutschen schon heute viel zu viel Süßes: Laut Foodwatch liegt der Zucker-Konsum pro Kopf mehr als doppelt so hoch wie von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen.

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