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„Biosprit zu verbieten, ist gefährlich“

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Von: Joachim Wille

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„Wer Biokraftstoffe verbietet, erzeugt mehr Sojaimport aus Regenwaldgebieten“, sagt Fell.
Maisfeld in Deutschland: „Wer Biokraftstoffe verbietet, erzeugt mehr Sojaimport aus Regenwaldgebieten“, sagt Fell. © imago images/YAY Images

Der Energieexperte Hans-Josef Fell hält die „Tank oder Teller“-Debatte für falsch geführt. Er warnt: Höhere Abhängigkeit von russischem Öl und mehr Klimaschäden drohen.

Durch den Krieg in der Ukraine, die damit verbundenen massiven Exportausfälle bei Getreide und die daraus resultierende Verteuerung von Agrarprodukten ist eine kontroverse Diskussion über Landnutzung entstanden. Nach dem Motto: Teller oder Tank.

Herr Fell, die Bundesregierung will den Anbau von Pflanzen für Biokraftstoffe herunterfahren, um Flächen für Nahrungsmittelproduktion freizumachen. Sie halten das für falsch. Warum?

Biokraftstoffe sind immer nur ein Teil der Ernte. Insbesondere Ölpflanzen wie Raps, Sonnenblume und Leindotter, aber auch Getreide liefern weitere Nebenprodukte, vor allem Eiweiß, und das in erheblichem Maße. Deutschland und die EU haben einen erheblichen Eiweißmangel für die tierische und menschliche Ernährung und führen daher viele Proteine aus dem Ausland ein. Das heißt: Wer Biokraftstoffe in Deutschland verbietet, erzeugt so noch mehr Sojaimport aus Regenwaldgebieten. Das Gegenteil von dem, was unser Ziel sein muss.

Das Argument der Agrosprit-Gegner lautet: Durch den Anbau dafür in Europa erhöht sich weltweit der Bedarf an Agrarflächen, und das führt zur Vernichtung CO2-speichernder Ökosysteme, insbesondere von Regenwäldern. Raps-Biodiesel sei dadurch ein Fünftel klimaschädlicher als fossiler Diesel. Stimmt das denn nicht?

Umgekehrt ist es richtig: Der ungenügende Anbau von Ölpflanzen in der EU und Deutschland führt dazu, dass pflanzliches Eiweiß importiert werden muss, wofür tropische Wälder in Brasilien, Afrika und Südostasien abgeholzt werden. Die von den Biosprit-Gegnern angenommene indirekte Landnutzungsänderung ergibt sich immer, wenn Agrarflächen in Deutschland umgewidmet werden, sei es durch neue Siedlungen, Aufforstungen, Naturschutz. Im Prinzip müsste man dann auch Aufforstungen in Deutschland eine negative Klimabilanz zuordnen, da für die dadurch dann fehlende landwirtschaftliche Nutzung landwirtschaftliche Flächen durch Brandrodung in tropischen Wäldern für den Agrarexport nach Deutschland geschaffen werden.

Ein großer Teil des Biosprits stammt aber unbestritten aus Palmöl, das vor allem in Asien produziert wird, oftmals auf Plantagen, für die Regenwald gerodet wurde. Das ist ja wohl kaum umwelt- und klimafreundlich, oder?

Die Rodung von tropischen Urwäldern für Palmöl-Plantagen ist eine der schlimmsten Klimasünden auf der Erde. Genau deshalb sollten wir für mehr Öl- und Proteinanbau in der EU selbst sorgen. Die Biokraftstoffproduktion schafft dies ein großes Stück weit. Allerdings müssen auch in den Tropen die Wälder aktiv geschützt werden. Dies gelingt am besten, wenn wir Öl und Proteine etwa durch Ölpflanzen-Anbau auf semi-ariden Flächen aktiv voranbringen, die ansonsten immer mehr in der Wüstenausbreitung verschwinden. Jatropha, Rizinus, Jojoba und viele andere Ölpflanzen würden dann Verwüstung und gleichzeitig Armut bekämpfen, Kohlenstoffspeicher in semi-ariden Gebieten schaffen, Lebensmittelanbau als Zwischenfrucht zwischen den Ölpflanzen ermöglichen und auch Erdölersatz mit Hilfe des pflanzlichen Biokraftstoffes. Man muss wissen: Die EU-Gesetzgebung hat bereits zu einem drastischen Rückgang von Biokraftstoffen geführt, und im gleichen Maße ging die Abholzung der tropischen Wälder voran, weil von dort zum Beispiel vermehrt Soja und Palmöl in die EU importiert wurde.

Sie argumentieren: Wir brauchen den Agrosprit, um die Abhängigkeit von Erdöl – unter anderem aus Russland – zu mildern. Wie viel Erdöl ersetzen die Biokraftstoffe denn überhaupt?

In Deutschland wurden 2019 etwa 2,4 Millionen Tonnen Biodiesel produziert, und aus Russland wurden rund 4,8 Millionen Tonnen Diesel importiert. Wir sehen ja jetzt schon, dass es der EU und Deutschland nicht gelingt, den Erdölimport aus Russland zu beenden. Würde der Anbau von Biokraftstoffen zusätzlich verboten, wie es Entwicklungsministerin Svenja Schulze von der SPD will, dann würde ein Boykott russischer Energielieferungen wohl auch in Zukunft nicht möglich sein.

Zur Person

Hans-Josef Fell (70) ist Präsident der Energy-Watch-Group, einem internationalen Think Tank aus Wissenschaftler:innen und Parlamentarier:innen. Er war von 1998 bis 2013 Grünen-Bundestagsabgeordneter und einer der Initiatoren des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das weltweit kopiert wurde. jw

Kann man denn die riesigen Monokultur-Felder, auf denen Raps oder Weizen angebaut werden, als nachhaltig bezeichnen?

Monokulturen sind immer klima- und umweltschädlich, egal ob dort Lebensmittel oder Bioenergie-Pflanzen angebaut werden. Alle Agrarflächen müssen aus Klimaschutzgründen in eine naturnahe, am besten biologische Bewirtschaftung übergeführt werden. Ölpflanzen nehmen hier eine Schlüsselrolle ein, da sie als Blütenpflanzen Insektenleben und Biodiversität stärken. Monokulturen mit Ölpflanzen sind gar nicht möglich. Raps und andere Ölpflanzen können nur alle vier Jahre auf der gleichen Fläche angebaut werden.

Wie klimaeffektiv ist Biosprit überhaupt? Sollte man nicht schneller auf 100 Prozent E-Mobilität umsteigen? E-Antriebe sind effizienter als Verbrenner.

Natürlich ist eine nahezu 100-prozentige E-Mobilität das Ziel. Biokraftstoffe werden dennoch in wenigen Bereichen, beispielsweise in der Landwirtschaft selbst, eine wichtige Rolle als Erdölersatz spielen. Auch im interkontinentalen Flugverkehr können nachhaltig angebaute Biokraftstoffe, erzeugt auf semi-ariden Flächen, eine schnelle Klimaschutzlösung ermöglichen.

Studien haben gezeigt: Mit Solarkraftwerken kann auf derselben Fläche deutlich mehr Energie „geerntet“ werden als mit Biosprit-Pflanzen. Das spricht doch für die Solar-Strategie, oder?

Es macht nie Sinn, eine erneuerbare Energien gegen die andere auszuspielen. Am besten ist es, mit der sogenannten Agri-Photovoltaik eine doppelte Nutzung auf der gleichen Fläche zu haben: Ackerfrüchte und Solarstrom mit aufgeständerten Modulen darüber. Man bedenke, dass Fotovoltaik-Anlagen keinen Kohlenstoff speichern können und auch keinen Sauerstoff oder geschlossenen Wasserkreislauf erzeugen Die Landwirtschaft unter den Modulen kann das mit Humus-aufbauenden und Luft-kühlenden Methoden sehr wohl.

Was wäre denn dann für Deutschland die richtige Strategie, um mehr Nahrungsmittel verfügbar zu machen und so einen Beitrag gegen die drohende Hungerkrise in Afrika und anderswo zu leisten?

Deutschland sollte Vorbild werden im ökologischen Anbau. Am besten gelingt es mit Mischfruchtanbau, also zum Beispiel, drei Ackerfrüchte gleichzeitig anzubauen. Mit der Ölpflanze Leindotter plus Gerste und Erbse hat man viel positive Erfahrung gesammelt. Da wachsen drei Feldfrüchte für Nahrung und Energie gleichzeitig auf. Solche Mischkulturen sind wie kleine Urwälder, die massiv die Flächenerträge erhöhen, aber Pestizide und Mineraldünger vermeiden. Das Ganze unter der Agri-Photovoltaik ist die effizienteste Lebensmittel- und Energieproduktion. Die beste Hungerbekämpfung ist es aber, endlich die Lebensmittelverschwendung zu beenden. Jährlich werden Lebensmittel im Umfang von rund 2,5 Millionen Hektar weggeworfen. Zusätzlich braucht es eine Entwicklungszusammenarbeit, die in Afrika die regionale kleinbäuerliche Landwirtschaft stärkt und nicht vernichtet.

Interview: Joachim Wille

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