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Wer gewinnt? Erben gleicht einem Glücksspiel.

Erbschaften

Das Billionengeschenk

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Ökonomen erwarten deutlich höhere Erbschaften als bislang gedacht. Von linker Seite wird eine stärkere Besteuerung gefordert. Die Regierungsparteien wollen die Erben weiter schonen.

Die Summe des in den nächsten Jahren hierzulande vererbten Vermögens liegt noch viel höher als bislang angenommen, wie eine Berechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung zeigt. Das ist politisch brisant. Von linker Seite werden Erbschaften als „leistungslose Einkommen“ kritisiert und ihre stärkere Besteuerung gefordert. Die Regierungsparteien jedoch wollen die Erben weiter schonen, insbesondere die Erben von Firmenvermögen.

Wie viel wird in Deutschland vererbt?
Insgesamt verfügen die Deutschen über 11,2 Billionen Euro Netto-Vermögen (Geld-, Immobilien- und Betriebsvermögen minus Schulden). Auf dieser Basis ging das DIW bisher davon aus, dass im laufenden Jahrzehnt 200 bis 300 Milliarden Euro pro Jahr vererbt und verschenkt werden. Dies ist jedoch nur eine Schätzung.

Warum sind die genauen Zahlen nicht bekannt?
Weil die offizielle Erbschafts- und Steuerstatistik des Statistischen Bundesamtes nur die steuerlich veranlagten Fälle ausweist. Der Großteil der Erbfälle bleibt jedoch wegen der hohen Freibeträge steuerfrei, über sie ist daher nichts bekannt.

Warum ist das Erbschaftsvolumen wohl höher als bislang angenommen?
Bislang gingen die Berechnungen des Erbschaftsvolumens vom Vermögen der über 70-Jährigen aus, das in den Folgejahren übertragen wird. Auf dieser Basis lägen die zwischen 2012 und 2027 zu erwartenden Erbschaften der verstorbenen, mindestens 70-Jährigen in Deutschland bei insgesamt 1,31 Billionen Euro oder 87 Milliarden Euro pro Jahr. Nicht berücksichtigt wurden dabei allerdings Wertveränderungen des Vermögens, regelmäßiges Sparen und der Konsum der künftigen Erblasser. Diese Faktoren hat das DIW nun in einer Simulationsrechnung einbezogen. Ergebnis: Für den Zeitraum 2012 bis 2027 ergibt sich ein Erbschaftsvolumen von 1,68 Billionen Euro oder 112 Milliarden pro Jahr. Für die gesamten Übertragungen – Erbschaften plus Schenkungen – im laufenden Jahrzehnt bedeutet das: Ihr Volumen liegt nicht wie bislang angenommen bei 200 bis 300 Milliarden Euro, sondern eher bei bis zu 400 Milliarden pro Jahr, so das DIW.

Wer bekommt die Milliarden?
Zum Großteil die Wohlhabenden. Denn die Vermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt und die Erbschaften damit auch. In seiner neuen Berechnung ermittelt das DIW, dass das einkommensschwächste Fünftel der Deutschen im Mittel (Median) mit einer Erbschaft von 12.000 Euro rechnen kann. Im einkommensstärksten Fünftel sind es dagegen 248.330 Euro. In einer früheren Schätzung kam das DIW zu dem Schluss, dass ein Drittel des Schenkungs- und Erbschaftsvolumens in Deutschland auf nur 1,5 Prozent der Bevölkerung entfallen.

Profitiert der Staat?
Es ist laut DIW eher fraglich, ob sich aus dem höheren Erbschaftsvolumen für den Staat Mehreinnahmen ergeben. Denn die Mehrzahl der Erbschaften könne wegen der aktuell geltenden hohen Freibeträge steuerfrei übertragen werden. Dies gelte auch für sehr hohe Vermögen, die als Betriebsvermögen weitgehend steuerfrei vererbt werden können. „Dies kann unter dem Aspekt der Chancengleichheit Anlass zur Kritik sein“, so das DIW. Das Institut rät der Regierung daher, die letzte Reform der Erbschafts- und Schenkungssteuer zu überdenken.

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