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Müll in Manila: Asien gehört zu den größten Plastik-Produzenten.

Umwelt

Billige Rohstoffe befeuern die Plastik-Krise

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Pro Jahr landen weltweit rund acht Millionen Tonnen Plastik im Meer. Vor allem fünf Länder vermüllen die Weltmeere, Hauptverschmutzer ist China.

Im Jahr 2050 könnte der Plastikabfall in den Ozeanen mehr wiegen als alle Fische zusammen. Aktuell gelangen pro Jahr weltweit rund acht Millionen Tonnen Plastik ins Meer. Das entspricht der Ladung eines Müll-Lkw pro Minute, und die Mengen steigen sogar noch an. Es haben sich gigantische Müllstrudel in den Ozeanen gebildet, Meerestiere und Vögel werden geschädigt.

Diese Erkenntnisse von Umweltforschern haben die Öffentlichkeit alarmiert. Politiker versuchen gegenzusteuern. Der Boom der globalen Kunststoffproduktion hält jedoch unvermindert an, Zuwächse gibt es vor allem in Asien.

Schon die Altlasten sind groß. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts, dem Beginn des Plastik-Zeitalters, sind laut einer US-Studie weltweit über acht Milliarden Tonnen Kunststoff hergestellt worden – mehr als eine Tonne pro heute lebendem Mensch. Von den acht Milliarden wurden danach nur rund 600 Millionen recycelt und 800 Millionen Tonnen in Müllverbrennungsanlagen verbrannt. Der Rest steckt in vergleichsweise langlebigen Produkten – wie Kunststoff-Fenstern, Teppichböden und Autos – oder landete auf Deponien respektive unkontrolliert irgendwo in der Umwelt. Auch heute noch sind die Recyclingraten niedrig. In Europa sind es rund 30 Prozent, in China 25 Prozent und in den USA neun Prozent. 

Die Produktion von Plastik hat sich seit 1950, als weltweit nur rund 1,5 Millionen Tonnen hergestellt wurden, mehr als verzweihundertfacht. Im Jahr 2015 waren es laut dem Branchenverband „Plastics Europe“ rund 322 Millionen Tonnen. China allein ist als Nummer eins global mit 27,8 Prozent dabei, das restliche Asien mit 16,7 Prozent. Die EU und Nordamerika (NAFTA-Gemeinschaft mit USA, Kanada, Mexiko) bringen es auf je 18,5 Prozent, Afrika und der Nahe Osten hingegen nur auf 7,3. Lediglich fünf Länder – China, Indonesien, die Philippinen, Thailand und Vietnam – sind laut einer Studie der US-amerikanischen NGO „Ocean Conservancy“ für 60 Prozent des Plastiks in den Meeren verantwortlich.

Aktuellere Zahlen zur Plastikherstellung gibt es nicht, doch der Trend ist ungebrochen. Das Wachstum betrug zuletzt rund drei Prozent pro Jahr. Experten erwarten, dass sich die Produktionsmengen in den kommenden 20 Jahren noch einmal verdoppeln werden. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten sie sogar vierfach höher liegen. Das bedeutet: Ohne verbessertes Recycling würde dann minütlich die Menge aus vier großen Müllwagen ins Meer gelangen.

Eine große Rolle bei der Ausweitung der Kunststoff-Produktion spielt nicht nur das Entstehen neuer Konsumentenschichten in China und anderen aufstrebenden Ländern, die an den kunststoffbasierten „Segnungen“ der westlichen Zivilisation teilhaben wollen, sondern auch die Verfügbarkeit billiger Rohstoffe dafür. Alle wichtigen Plastiksorten – von Polyethylen für Plastiktüten über PVC für Abwasserrohre bis zu PET für Kunststoff-Flaschen – basieren auf den Chemikalien Ethylen und Propylen, die zumeist als Nebenprodukte bei der Erdgasgewinnung und bei der Erdölverarbeitung in Raffinerien anfallen, aber auch aus Kohle hergestellt werden können.

Hier gibt es laut einer Studie des US-amerikanischen Öko-Thinktanks „Center for International Environmental Law (CIEL)“ vor allem zwei Tendenzen, die die Plastikproduktion befeuern: In den USA ist es die Verbilligung der Erdgas-Produktion durch Fracking, in China die Strategie der Regierung, Kunststoffe nicht nur aus importiertem Erdöl, sondern zunehmend auch aus im eigenen Land geförderter Kohle herzustellen. Letzteres ist aus Klimaschutz-Sicht besonders problematisch. Die dafür genutzte „coal-to-olefins“-Technologie hat einen extrem hohen CO2- Ausstoß. Ein Manager des Ölkonzerns Shell bezeichnete sie einmal als „CO2-Maschine, die als Nebenprodukt Chemikalien herstellt“. Laut Experten werden derzeit acht Prozent der Welt-Erdölproduktion in der Kunststoff-Herstellung verbraucht, verbunden mit dem entsprechenden CO2-Ausstoß. Klar ist: Durch die Kohleverwendung wird sich die Klimabilanz von Plastik deutlich verschlechtern.

Die CIEL-Experten erwarten, dass die Kapazitäten für die Herstellung der Plastik-Rohstoffe Ethylen und Propylen weltweit bis 2025 um mindestens ein Drittel ansteigen könnten. „Werden sie alle gebaut, könnte das die Plastikproduktion für Jahrzehnte zementieren“, warnen sie. Bemühungen, den Kunststoff-Verbrauch zu verringern und die Plastik-Krise zu bekämpfen, würden dadurch untergraben.

Bleibt also die spannende Frage, ob und wie schnell sich Pläne durchsetzen lassen, den Plastikmüll zu verringern und das Recycling zu pushen. Ansätze dazu gibt es bereits in vielen Staaten, und zwar in Entwicklungs- wie Industrieländern. In Kenia zum Beispiel hat die Regierung im vorigen Jahr Herstellung und Import von Plastiktüten verboten. In Indien gilt neuerdings in Städten entlang des Ganges, wie Rishikesh und Haridwar, ein vollständiges Verbot von Plastikartikeln wie Kunststoff-Tüten, Einweg-Tellern und -Besteck. Zuletzt machte die EU-Kommission Schlagzeilen mit ihrer neuen Strategie, den Plastikmüll zu reduzieren und das Recycling zu verbessern. Das soll die Umwelt entlasten und könnte laut Brüssel bis 2030 rund 200.000 neue Jobs in Sortierung und Verwertung bringen (siehe Box). Weltweit koordiniert allerdings ist das Vorgehen noch lange nicht.

Dass im Recycling und einer Plastik-Kreislaufwirtschaft großes Potenzial steckt, ist offensichtlich. Die „Ellen MacArthur Foundation“ – eine Organisation, die sich weltweit für mehr Recycling einsetzt – betont, dass dies nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Vorteile habe. Schließlich würden bisher enorme Mengen an Ressourcen verschwendet, die man besser nutzen könnte, als sie ins Meer zu kippen. Das Material könne erneut als Grundstoff in der Industrie eingesetzt werden. Und für Fälle, wo der Kreislauf nicht ganz zu schließen sei, müsse das Plastik so „biofreundlich“ sein, dass es sich in der Umwelt schnell unschädlich abbaut.

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