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Weniger vom Kuchen: 2014 verdienten Frauen 22 Prozent weniger als Männer, 2015 betrug die Differenz 21 Prozent.

Equal Pay Day

Billig abgespeist

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Der Equal Pay Day markiert heute wieder die Verdienstdifferenz zwischen den Geschlechtern. Es gibt kaum Verbesserungen.

Endlich. Ab heute werden Frauen für ihre Arbeit in diesem Jahr bezahlt. So verkünden es zumindest die Veranstalter des jährlichen Equal Pay Day, wozu die Bundesregierung sowie zivilgesellschaftliche Organisationen zählen. Was wie eine abenteuerliche Eilmeldung klingt, ist ein symbolisches Datum: Es soll auf den eklatanten Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern hinweisen. Im abgelaufenen Jahr lag dieser immer noch bei 21 Prozent, etwas weniger als noch 2014 (22 Prozent).

Experten begründen die leichte Verbesserung mit der gesetzlichen Einführung des Mindestlohns, von dem mehr Frauen als Männer profitierten. Anlass zur Freude bietet das kaum, denn Deutschland ist diesbezüglich immer noch Schlusslicht in der Europäischen Union. „Das kann nur ein Anfang sein“, findet Ralf Kleindiek, Staatssekretär im Familienministerium.

„Künstliche Empörung“

Die 21 Prozent sind der „unbereinigte“ Gender Pay Gap: Die Bruttostundengehälter beider Geschlechter werden allgemein miteinander verglichen – ohne Einbeziehung anderer Faktoren wie etwa der ausgeübten Tätigkeit. „Für mich ist das die entscheidende Maßzahl und ein Indiz für das Ungleichgewicht der tatsächlich gezahlten Löhne“, sagt Sarah Lillemeier von der Universität Duisburg-Essen. Sie forscht in einem Kooperationsprojekt der Uni und des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung zum Gender Pay Gap.

Es gibt aber auch andere Berechnungen. Je nach Arbeitnehmer- oder Arbeitgeberperspektive können die Prozentangaben stark variieren – und dementsprechend auch andere Interpretationen zulassen. Eine Studie der Online-Jobbörse Stepstone kommt zum Beispiel in einer Umfrage unter 15 000 Fach- und Führungskräften zu dem Schluss, dass Frauen sogar 27 Prozent weniger als Männer verdienen.

Oft wird auch der „bereinigte“ Gender Pay Gap für die Analyse verwendet. Er rechnet die Hauptursachen für den Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern heraus. Das heißt, er vergleicht nur die Gehälter von Frauen und Männern, die ähnliche Qualifikationen und Lebensläufe vorweisen und die eine vergleichbare Tätigkeit ausüben. Beruf und Branche, Arbeitsplatzanforderungen hinsichtlich Führung und Qualifikation, Teilzeit und geringfügige Beschäftigung spielen in dieser Rechnung keine Rolle – und damit auch nicht die Frage, warum eigentlich viele „klassische“ Frauenberufe wie Krankenpflegerin oder Frisörin schlechter bezahlt sind als beispielsweise der Beruf des Mechatronikers, warum weniger Frauen Führungspositionen bekleiden und wieso viele nur teilzeit- oder geringbeschäftigt sind. So wurden in typischen Frauenberufen 2014 durchschnittlich zwölf Euro pro Stunde verdient, in typischen Männerberufen 20 Euro. Eine Differenz von fast 40 Prozent. Dies zeigt eine Sonderauswertung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Das Statistische Bundesamt kommt nach dieser „Strukturbereinigung“, wenn man also bis auf das Geschlecht exakt vergleichbare Beschäftigte nimmt, nur auf sieben Prozent Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ermittelt sogar eine Lohnlücke von nur zwei Prozent. „Künstliche Empörung über vermeintliche Entgeltdiskriminierung“ nennt es die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und beruft sich auf eben diese Zahlen.

Lillemeier hält diese Berechnungen als Legitimation für die bestehenden Verdienstunterschiede für grundlegend falsch. „Zwar erlaubt es die Bereinigung, bestimmte Ursachen für die Verdienstnachteile von Frauen zu identifizieren. Bei der Interpretation des bereinigten Pay Gaps sollte jedoch nicht vergessen werden, dass die einzelnen Ursachenfaktoren nicht frei von Diskriminierungen sein müssen.“ Die geringeren Verdienste in weiblich dominierten Berufen seien eine wesentliche Ursache für den Gender Pay Gap. Und das hat Folgen: Niedrige Einkommen führen zu niedrigeren Renten.

Das Familienministerium will die Lohnlücke unter anderem durch ein Rückkehrrecht von Teilzeit zur früheren Arbeitszeit verringern. Darauf hatten sich Union und SPD 2013 im Koalitionsvertrag geeinigt. Ein Gesetzesentwurf für mehr Lohngerechtigkeit, der die Betriebe in die Pflicht nimmt, Entgeltgleichheit herzustellen und zu überprüfen, befindet sich zurzeit laut Ministerium in der Frühabstimmung. „Der erste Referentenentwurf wurde von uns zurückgewiesen, da er nicht den Vorgaben des Koalitionsvertrags entsprach“, sagte Karin Maag, Vorsitzende der Gruppe der Frauen in der CDU/CSU-Fraktion der FR.

„Vom Entgeltgleichheitsgesetz sind nur Betriebe ab 500 Beschäftigten betroffen. Das sehen wir kritisch, denn die allermeisten Frauen arbeiten vor allem in kleineren Betrieben und werden so gar nicht erreicht“, sagt Ulle Schauws, frauenpolitische Sprecherin der Grünen. Außerdem fehlten Sanktionen. So werde das Gesetz nicht viel bewirken.

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