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Das Ärztebewertungsportal Jameda überprüft die Kommentare mit einem Algorithmus.

Online-Portale

Betrug mit Bewertungen im Netz

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Die Verbraucherzentrale warnt vor gefälschten Bewertungen auf Online-Portalen. Die geben an, Missbrauch zu ahnden.

Millionen Deutsche suchen jedes Jahr Hilfe bei Bewertungsportalen. „Bewertungen sind ein hohes Gut mit intensivem Wettbewerb“, sagt Tatjana Halm. Die Digitalexpertin und Juristin der Verbraucherzentrale Bayern weiß auch, dass das Betrüger lockt. Wo Wettbewerb ist, gebe es Missbrauch. Drei von vier Verbrauchern hätten das Gefühl, Online-Bewertungen wegen Fälschungsgefahr nicht vertrauen zu können, habe eine Umfrage ihrer Verbraucherzentrale ergeben. In der gleichen Umfrage gestehen die Befragten ein, die Bewertungsportale dennoch für Kaufentscheidungen zu nutzen. Anders komme man einfach nicht mehr durch den Dschungel der Angebote, erklärt die Verbraucherschützerin das an sich widersprüchliche Verhalten.

Bei Betreibern von Bewertungsportalen rühren gefälschte Urteile an den Grundfesten ihres Geschäftsmodells. Zumindest einige davon sind in den vergangenen Jahren erkennbar aktiv geworden im Kampf gegen Fake-Bewertungen. Zu ihnen zählt Jameda, das sich auf Ärztebewertungen spezialisiert hat. Michael Weber weiß, was auf gefälschte Bewertungen spezialisierte Agenturen verlangen. „Eine Fake-Bewertung für uns kostet 80 bis 90 Euro“, sagt der Leiter des Jameda-Qualitätsmanagements. Damit rangiere man preislich an der Spitze, wohl weil es bei Arztbesuchen um viel Geld geht.

Um falschen Bewertungen auf die Spur zu kommen, leistet sich die Plattform nicht nur Technik in Form eines Prüfalgorithmus zur Erkennung von Fälschungsmustern, sondern auch 15 Mitarbeiter eigens dafür, sagt Geschäftsführer Florian Weiß. „Natürlich wird es aber auch auf unserer Plattform Fake-Bewertungen geben“, räumt er ein. Wer erwischt wird, kommt allerdings an den Pranger und das nicht nur bei Jameda. „Wenn wir einem Hotel nachweisen können, dass es sich gefälschte Bewertungen verschafft hat, versehen wir es auf unserer Plattform mit einem entsprechenden Warnhinweis“, erklärt Georg Ziegler. Er managt beim Hotel-Bewertungsportal Holiday Check und erzählt vom bisher größten aufgedeckten Betrugsfall. 68 Hotels hätten dabei bei einer Agentur gefälschte Bewertungen eingekauft. Bei der Hälfte davon hat Holiday Check eine Unterlassungserklärung für solche Praktiken erzwungen. Alle seien mit Warnhinweis gebrandmarkt worden. Gegen die Betrugsagentur laufe derzeit ein Prozess.

Ziegler weiß auch, wie wichtig Bewertungen im Internet mittlerweile für die Bewerteten sind. „In der Türkei erhalten Hotels einen Bankkredit oft nur bei bestimmten Wiederempfehlungsraten“, erklärt er. Bei Bewertungen kann es damit sogar um die Existenz gehen. Deshalb gebe es mittlerweile kein Produkt und keine Dienstleistung mehr, wo nicht mit falschen Online-Bewertungen manipuliert werde, warnt Halm. Sie erkennt die Bemühungen von Jameda, Holiday Check & Co. im Kampf gegen solche Fälschungen durchaus an. Verbrauchern helfe das aber nur bedingt weiter.

„Es gibt ambitionierte Portale und solche, die nichts tun“, weiß Halm. Verbraucher müssten aber viel Zeit investieren, um herauszufinden, welcher Plattform sie mehr und welcher sie weniger vertrauen können. Nur vereinzelt gibt es in der Portalbranche schon entsprechende Bündnisse. So haben die Vergleichsportale Verivox, billiger-mietwagen.de und Camper Days jüngst eine Selbstverpflichtung unterzeichnet, die unter anderem zu Mindeststandards im Kampf gegen Fake-Bewertungen verpflichtet.

Ziegler glaubt, dass das Problem überschätzt wird. „Die erdrückende Mehrheit der Bewertungen bei uns ist echt“, glaubt er für Holiday Check belegen zu können. Immerhin würde der eigene Prüfalgorithmus nur einen kleinen einstelligen Prozentsatz aller jährlich 1,3 Millionen Bewertungen als falsch enttarnen. „Wer sagt denn, dass der alle findet“, kontert Halm.

Zudem geht es auch subtil. „Ich wurde von meinem Hotel gegen ein Gratis-Frühstück zu einer Bewertung aufgefordert“, erzählt Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach. Solche Belohnungen gegen Bewertung sind weit verbreitet. „Man fühlt sich zu einem positiven Urteil verpflichtet, auch wenn das nicht ausgesprochen wird“, sagt die Psychologin.

Das sei auch eine Art der Manipulation, findet Halm. Bei der Frage nach der allgemeinen Verbreitung des Übels muss aber auch die Expertin passen. „Ich weiß nicht, wie viel gefälscht wird“, gesteht sie. Fakt sei aber, dass Online-Bewertungen beim Einkauf im Internet nach dem Preis das zweitwichtigste Kriterium sind.

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