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587 Millionen Euro setzte die Branche für Arbeits- und Berufsbekleidung 2017 um.

Berufsbekleidung

Mode für den Bau und das Bier danach

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Der Markt für Berufsbekleidung wächst – und Hersteller wie Engelbert Strauss setzen auf faire Arbeitsbedingungen.

Straßenbahnfahrerin, Kantinenmitarbeiter und Hausmeister, Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst – Berufsbekleidung überall. Auch im privaten Bereich breitet sich neben Outdoor-Textilien Berufsbekleidung aus. Produkte beispielsweise von Engelbert Strauss kaufen immer öfter auch Menschen, die eigentlich keine Verwendung für Arbeitskleidung haben. Das hat neben dem oft günstigen Preis auch etwas zu tun mit Imageübertrag: In Workwear fühlen wir uns ebenso kompetent vorbereitet auf die Herausforderungen des Alltags wie die gutaussehenden Handwerkerinnen und Handwerker in der Reklame. Was viele nicht wissen: Die Branche hat sich in Sachen Arbeitsbedingungen deutlich verbessert.

Verantwortlich für Arbeitsrechte in der Lieferkette

Deutsche Hersteller von Arbeits- und Berufsbekleidung haben in den letzten Jahren auch ein kräftiges Wachstum erlebt: Von knapp 321 Millionen Euro im Jahr 2009 auf 621 Millionen 2018 – ein Plus von rund 93 Prozent, laut dem statistischen Bundesamt. Gerechnet in Endverbraucherpreisen ist es sogar ein Milliardenmarkt. Wie die „normale“ Kleidung auch wird Berufsbekleidung kaum noch in Deutschland hergestellt, sondern meist in Asien. Deshalb sind die dortigen Arbeitsbedingungen auch hier ein Thema – und gerade im Bereich Berufsbekleidung hat sich in den vergangenen zehn Jahren durchaus einiges verbessert, wie Christian Wimberger von der Christlichen Initiative Romero (CIR) berichtet. CIR befragt seit 2010 die meist mittelständischen deutschen Unternehmen der Branche zu den Arbeitsbedingungen in ihrer Lieferkette. 

Im ersten Jahr waren nur wenige Unternehmen bereit, Auskünfte zu geben und für Transparenz zu sorgen. Manche drohten gar Klagen an, generell fühlten sich viele nicht verantwortlich für Arbeitsrechte in der Lieferkette. Heute ist das Bewusstsein für die Thematik verbreitet, findet Wimberger. Laut der 2018 erschienenen vierten CIR-Befragung haben mittlerweile 26 von 31 Unternehmen einen Verhaltenskodex, mit dem sie Zulieferer auf die Einhaltung der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verpflichten. 16 Unternehmen überprüfen dessen Einhaltung wenigstens stichprobenartig und beteiligen sich an Initiativen, mit deren Hilfe ihr Handeln nachvollziehbar sein soll. Und sieben Unternehmen lassen ihre Maßnahmen sogar von einer externen Initiative wie der Fair Wear Foundation (FWF) kontrollieren, zwei weitere wollen laut CIR noch 2019 der FWF beitreten.

Nachhaltigkeit ist ein entscheidender Faktor

Allerdings ist der Fortschritt eine Schnecke. Für die Umsetzung der ILO-Standards setzt etwa die Hälfte der befragten Unternehmen auf Sozialaudits, durchgeführt von externen Beratern. Dabei prüfen diese, wie sich das Unternehmen in verschiedenen Bereichen verhält. „Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen in den Produktionsländern sagen uns immer wieder, dass diese Kontrollen wenig wirksam sind“, so Wimberger. Meist sind das kurze, oft angekündigte Momentaufnahmen, bei denen sich Belegschaften nicht frei äußern können. Der Verein Femnet, der sich für die Rechte von Frauen einsetzt, kritisiert Sozialaudits. Sie könnten leicht zu korrigierende Aspekte wie etwa fehlende Feuerlöscher, versperrte Fluchtwege oder Schwächen bei Belüftung und Beleuchtung feststellen.

Grüner Knopf
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) startet am 9. September sein neues Metasiegel Grüner Knopf, um Verbrauchern eine verlässliche Orientierung zu bieten. Das Textilsiegel will dabei menschenrechtliche Sorgfaltspflichten von Unternehmen in die Bewertung einbeziehen.

Engelbert Strauss verfolge die Grüne-Knopf-Initiative mit Interesse, „wird aber zum Start nicht dabei“, teilte der Hersteller mit. Das Unternehmen halte den Ansatz des Ministeriums zwar für durchaus relevant, wolle seine Kapazitäten aber zunächst auf die weitere Kooperation mit der Fair Wear Foundation konzentrieren. ust

„Wesentliche Probleme wie Fehlen der Organisationsfreiheit, erzwungene Überstunden, ausfallendes Benehmen von (meist männlichen) Aufsehern, Zurückhalten von Lohn und Krankheitsurlaub oder diskriminierende Praktiken bei Einstellung und Beförderung werden in der Regel jedoch gar nicht aufgedeckt“, schreibt der Verein. Die 2013 eingestürzte Fabrik Rana Plaza in Bangladesch – bei dem Unglück starben über 1100 Arbeiter – war ebenfalls auditiert.

Engelbert Strauss gehört zu den Unternehmen, die transparent agieren und mit der FWF kooperieren. Ende 2016 haben die Hessen sich der Initiative angeschlossen. „Wir möchten unser Engagement für ein gutes Arbeitsumfeld in der Produktion stetig weiter ausbauen“, sagt Geschäftsführer Henning Strauss. „Schritt für Schritt sind wir nun dabei, die strengen Anforderungen von FWF in der Produktion umzusetzen.“ Bereits im zweiten Mitgliedsjahr sei man dem Leader-Status, der besten Bewertungskategorie, „sehr nahegekommen“, so Strauss.

Um als Leader eingestuft zu werden müssen mindestens 90 Prozent des Produktionsvolumens geprüft sein und 75 Punkte im Brand Performance Check erreicht werden. Engelbert Strauss liegt derzeit bei 80 Prozent, was doppelt so hoch ist wie die FWF-Anforderungen für das erste Jahr, und erreicht einen Punktwert von 54. Wer die 2018er-Bewertung des Unternehmens durch die FWF im Detail studiert, wird merken, dass unter den wichtigen Punkten vor allem im Lohn-Bereich noch Differenzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit bestehen. „Unser Ziel ist es, den Leader-Status bereits im dritten Jahr zu erreichen“, so Strauss.

Wirtschaftliche Vorteile durch die FWF-Kooperation – etwa werbliche oder durch leichteren Zugang zu öffentlichen Aufträgen – sieht Strauss nur als „Nebeneffekt“. Aber tatsächlich merke man aus allen Kundengruppen zunehmendes Interesse für die Bemühungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Engelbert Strauss zieht aber noch in ganz unerwarteter Weise Vorteile aus seiner Kooperation mit der FWF: „Das Thema Nachhaltigkeit ist bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter zu einem entscheidenden Faktor geworden. Gerade die Generationen Y und Z fordern von ihrem Arbeitgeber nachhaltiges Wirtschaften ein – unsere Mitgliedschaft bei FWF ist deshalb ein starkes Argument für uns als Arbeitgebermarke“, so Henning Strauss.

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