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Spree-Skulptur: Berlin zieht Deutschlands Pro-Kopf-BIP runter.

Städteranking

Berlin schmälert deutsche Wirtschaftskraft

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Der Vergleich europäischer Hauptstädte zeigt: Berlin hat im eigenen Land wirtschaftlich noch immer einen schweren Stand.

Europäische Hauptstädte beherbergen in der Regel nicht nur Regierung und Parlament, sie sind auch ökonomisch von überragender Bedeutung. Als Verwaltungs- und Dienstleistungszentren, Verkehrsknotenpunkte und Industriestandorte spielen sie für ihre Länder eine tragende Rolle – jedenfalls in den allermeisten. Das Institut der Wirtschaft (IW) hat untersucht, wie wichtig die Hauptstädte für ihre jeweilige Volkswirtschaft sind. Die FR stellt die wesentlichen Ergebnisse vor. Nur so viel vorweg: Deutschland und Berlin nehmen eine Sonderstellung ein.

Kraftzentren
Um die Bedeutung der Hauptstädte zu erfassen, setzte das IW auf Datenbasis des Jahres 2015 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Hauptstadteinwohner mit der Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung im Rest des dazu gehörigen Landes in Beziehung. Sodann errechneten die Forscher, um wie viel Prozent das BIP pro Kopf geringer ausfiele, wenn die Hauptstadtbevölkerung unberücksichtigt bliebe. Die mit Blick auf die Nationalökonomie wichtigste europäische Hauptstadt ist demnach Athen: Ohne Athen fiele das BIP pro Kopf in Griechenland um ein Fünftel niedriger aus. Im eigentlichen Athener Stadtgebiet mit 660.000 Einwohnern liegt die Wirtschaftsleistung pro Kopf bei 32.000 Euro im Jahr, rechnet man das Umland mit 3,1 Millionen Menschen ein, sind es 22.000 Euro. In ganz Griechenland beträgt das BIP pro Kopf dagegen nur 16.000 Euro. Auch in der Slowakei nimmt die Hauptstadt Bratislava eine zentrale ökonomische Stellung ein: Ohne deren Einwohner ginge das Pro-Kopf-BIP im Land um 18,9 Prozent zurück. Unter den Hauptstädten der großen EU-Länder ragt der Großraum Paris heraus. Die Region Ile de France mit Paris im Zentrum zählt mehr als zwölf Millionen Einwohner, die 2015 jeweils rund 55.000 Euro erwirtschafteten. Im Landesschnitt sind es nur 33.000 Euro. In Frankreich ohne Paris sänke das Pro-Kopf-BIP um fast 15 Prozent.

Wichtige Metropolen
Auch Tschechien ohne Prag stünde deutlich schlechter da, die Wirtschaftsleistung pro Kopf sänke um gut 14 Prozent. Ähnliche Werte ergeben sich für Dänemark ohne Kopenhagen, Finnland ohne Helsinki, Portugal ohne Lissabon und Schweden ohne Stockholm. Auch Großbritannien verlöre ohne London erheblich an Wirtschaftskraft: Die Wirtschaftsleistung pro Einwohner sänke im Vereinigten Königreich um gut elf Prozent. Warschau, Brüssel, Madrid, Wien und Amsterdam sind für die Nationalökonomien ebenfalls bedeutsame, wenn auch nicht alles überragende Zentren. Im Vergleich zu diesen und fast allen übrigen Hauptstädten fällt Rom deutlich ab: Ohne das Pro-Kopf-BIP in der Region Lazio mit Rom im Zentrum, das 2015 bei 31.000 Euro lag, würde die Wirtschaftskraft pro Einwohner im ganzen Land (27.000 Euro) um nur 1,6 Prozent zurückgehen. Denn kraftvolle Industriezentren und Finanzmetropolen wie Turin und Mailand liegen fernab der Hauptstadt im Norden des Landes.

Berliner Sonderrolle
Die einzige Hauptstadt in der EU, deren Bevölkerung pro Kopf weniger erwirtschaftet als die Menschen im Rest des Landes, ist Berlin: Ohne die Stadt an Spree und Havel läge das BIP pro Kopf in Deutschland um 0,2 Prozent höher. Während 2015 im Bund 37.000 Euro pro Einwohner und Jahr erwirtschaftet wurden, waren es in Berlin nur 34.200 Euro. In anderen deutschen Wirtschaftszentren ist das Pro-Kopf-BIP um ein Vielfaches höher. So betrug die Wirtschaftsleistung beim Spitzenreiter Wolfsburg pro Person 2015 satte 136.000 Euro – VW sei Dank. Unter den Großstädten belegte Frankfurt mit 93.000 Euro den vordersten Platz. Im Landkreis München lag das Pro-Kopf-BIP zwar sogar bei 100.000, in München Stadt aber nur bei 71.000 Euro.

Ursachen
Die Sonderstellung Berlins und Deutschland hat historische Wurzeln: Das heutige deutsche Staatsgebiet war vor der Reichsgründung 1870/71 in viele Herrschaftsbereiche zersplittert, in denen sich eigene wirtschaftliche und politische Zentren ausbildeten. Ausdruck findet dies bis heute im föderalen Aufbau der Bundesrepublik mit der starken Stellung der Länder. Hinzu kommt die Isolation Westberlins durch den Mauerbau, die zwischen 1961 und 1989 die ökonomische Entwicklung der Inselstadt stark hemmte.

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