GASTWIRTSCHAFT

Bequeme Aktionäre

Anteilseigner der Firmen kümmern sich zu wenig

Von Rolf D. Häßler

Das Mitbestimmungsgesetz von 1976 ist auch im Rückblick von mehr als 40 Jahren ein Meilenstein der Demokratisierung der Wirtschaft und steht in bester Tradition der Brandtschen Vision von „mehr Demokratie wagen“. Das Gesetz gewährleistet und regelt die Aufnahme von Belegschaftsvertretern in die Aufsichtsräte von Unternehmen und gilt unter anderem auch für Aktiengesellschaften.

Während damit die Beteiligung der Arbeitnehmer an den Entscheidungen der Unternehmen seit Jahrzehnten auf festem Fundament steht, macht sich der Gesetzgeber aktuell Sorgen um das Engagement der Aktionäre für das Wohlergehen „ihrer“ Unternehmen. Seine Diagnose: Jenseits des stets aufmerksamen Blickes auf Aktienkursentwicklung und Dividendenausschüttung zeigen Aktionäre zu wenig Interesse an der langfristigen Entwicklung des Unternehmens. Dies spiegelt sich unter anderem in einer sinkenden Beteiligung der Aktionäre an den Hauptversammlungen wider. Diesem Missstand will der Gesetzgeber nun mit einer Reform der Aktionärsrechterichtlinie begegnen. Und wie so oft setzt er dabei bei der Transparenz an.

Die neue Richtlinie verpflichtet nämlich institutionelle Anleger wie Pensionskassen und Versicherungen sowie Vermögensverwalter dazu, eine sogenannte Mitwirkungspolitik zu erarbeiten und zu veröffentlichen. In dieser sollen sie darstellen, wie sie die Gesellschaften, in die sie ihr Kapital oder das ihrer Kunden investiert haben, hinsichtlich wichtiger Angelegenheiten überwachen. Zu diesen wichtigen Angelegenheiten gehören neben der Strategie des Unternehmens, Kapitalstruktur und Risiko auch – und das ist neu – soziale und ökologische Auswirkungen. Damit werden grundsätzlich auch Themen wie der Klimawandel, der Schutz der Menschenrechte oder die Einhaltung internationaler Arbeitsnormen für Aktionäre relevant. Zusätzlich sollen Investoren und Vermögensverwalter darüber berichten, wie sie Dialoge mit den Gesellschaften führen, deren Aktien sie im Depot haben, wie sie Stimmrechte und andere mit Aktien verbundene Rechte ausüben und wie sie dabei mit anderen Aktionären zusammenarbeiten.

Die Richtlinie macht damit verpflichtend, was für den Eigentümer eines Unternehmens eigentlich selbstverständlich sein sollte – sich um sein Eigentum zu kümmern und sicherzustellen, dass es auch dem Wohle der Allgemeinheit dient.

Der Autor führt das NKI Institut für nachhaltige Kapitalanlagen.

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