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Belgien strahlt weiter

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Von: Joachim Wille

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Das AKW Doel nahe Antwerpen in Belgien.
Das AKW Doel nahe Antwerpen in Belgien. © imago images/IP3press

Unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges lässt Belgien zwei Atomkraft-Anlagen länger am Netz. Die besonders umstrittenen Reaktoren gehören nicht dazu.

Der Ukraine-Krieg verändert die Energiedebatte in Europa – auch beim Thema Atomkraft. 14 der 27 Mitgliedstaaten der EU betreiben derzeit keine Kernkraftwerke. Doch ausgerechnet Nachbarländer Deutschlands, das Ende dieses Jahres die letzten drei AKW abschalten wird, bewerten die Energieform neu – zuletzt Belgien. Die Ampel-Regierung in Berlin aber hält am Ausstieg fest.

Belgien hatte ursprünglich beschlossen, seine sieben AKW-Blöcke bis 2025 vom Netz zu nehmen. Unter dem Eindruck von Putins Krieg entschied die Regierung in Brüssel Ende vergangener Woche, zwei der Anlagen zehn Jahre länger laufen zu lassen. Die Reaktoren Tihange 3 bei Lüttich – nahe der deutschen Grenze gelegen – sowie Doel 4 bei Antwerpen sollen bis 2035 am Netz bleiben. Schon vorher hatte Belgien entschieden, Geld in die Forschung zu den neuen „Mini-Reaktoren“ (Small Modular Reactors, SMR) zu stecken, die auch von Ländern wie Frankreich, Großbritannien und USA entwickelt werden.

Bei den AKW in Belgien wurden in der Vergangenheit mehrfach Mängel festgestellt. Als besonders gravierend gelten die tausenden Haarrisse in den Reaktordruckbehältern bei den Altanlagen Tihange 2 und Doel 3, deren Existenz 2012 bekannt wurde. Die Laufzeit dieser beiden Reaktoren soll nun auch nicht verlängert werden.

Weiter beschloss Brüssel, den Ausbau von Solar- und Windkraft zu beschleunigen – vor allem offshore. Um den Markt anzukurbeln, wird die Mehrwertsteuer für Photovoltaik- und Solarwärme-Anlagen sowie elektrische Wärmepumpen für Gebäudeheizungen für zwei Jahre auf sechs Prozent gesenkt. Belgien deckt aktuell rund 47 Prozent der Stromnachfrage durch Atomkraft, 30 Prozent stammen aus Erdgas und 22 Prozent aus erneuerbaren Energien.

Tschechien und Polen planen neue Anlagen

Betrieben werden die sieben AKW-Blöcke an den zwei Standorten vom französischen Energiekonzern Engie. Dieser hat in der Debatte über mögliche Laufzeitverlängerungen, die in Belgien bereits vor dem Ukraine-Krieg lief, immer wieder betont, kein Interesse am Weiterbetrieb zu haben und stattdessen den Ausbau der erneuerbaren Energien zu favorisieren. Hintergrund sind auch die Kosten, die eine Laufzeitverlängerung mit sich brächte. Fachleute schätzen, dass Engie eine Milliarde Euro aufbringen muss, um Tihange 3 und Doel 4 für die aktuellen Sicherheitsbestimmungen nachzurüsten. Beobachter:innen vermuten, dass der Konzern staatliche Zuschüsse für eine Laufzeitverlängerung einfordern wird.

In den meisten anderen Nachbarländern Deutschlands war das politische Klima für die Atomkraft bereits vor dem Ukraine-Krieg günstig, zumindest, wenn man die Absichtserklärungen der dortigen Regierungen anschaut.

Frankreich, das Land mit dem höchsten Atomstrom-Anteil weltweit, will sechs neue Groß-Reaktoren bauen und eine Milliarde Euro in die SMR-Entwicklung investieren. Die Niederlande haben 2021 beschlossen, dass einzige noch am Netz befindliche AKW in Borssele in der Provinz Zeeland länger am Netz zu lassen und „die notwendigen Schritte für den Bau von zwei neuen Kernkraftwerken“ zu unternehmen. Dafür will der Staat fünf Milliarden Euro bereitstellen, ein Viertel der kalkulierten Baukosten.

Auch Tschechien, das derzeit sechs Reaktoren betreibt, verfolgt Neubaupläne, und Polen, bisher ohne AKW, will ab 2026 eine erste Anlage bauen. Die Schweiz wiederum hat beschlossen, keine neuen AKW mehr zu genehmigen, die vier am Netz befindlichen aber vorerst weiterlaufen zu lassen. Dänemark und Österreich sind atomstromfrei.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) reagierte mit Bedauern auf die jüngste nukleare Kehrtwende in Belgien. Sie sei auch kein Modell für Deutschland, wo derzeit noch rund fünf Prozent Atomstrom im Netz sind. Die Argumente für und gegen längere Laufzeiten seien in den vergangenen Wochen gründlich abgewogen worden, sagte sie gegenüber dpa. „Das Ergebnis war eindeutig: Einem kleinen Beitrag zur Energieversorgung stünden große wirtschaftliche, rechtliche und sicherheitstechnische Risiken entgegen. Das wäre weder sinnvoll noch vertretbar.“

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