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Die Belegschaft haftet

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Von: Stefan Sauer

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Auf den Filialen lasten hohe Mietzahlungen.
Auf den Filialen lasten hohe Mietzahlungen. © dpa

Für die Misere der Kaufhauskette Kaufhof ist das Management verantwortlich. Nun sollen die Mitarbeiter das Unternehmen vor der Insolvenz retten - mit einem Sanierungstarifvertrag.

Eigenverantwortung gilt in der freien Marktwirtschaft als hohes Gut. Im real existierenden Kapitalismus wird das hehre Prinzip allerdings regelmäßig außer Kraft gesetzt. Wenn Manager den Unternehmenskarren in den Dreck gefahren haben, werden sie zwar meist vor die Tür gesetzt, dies aber mit millionenschweren Abfindungen. Zurück bleiben die Belegschaften, die besagten Karren wieder flott bekommen sollen, etwa indem sie auf Lohn verzichten und längere Arbeitszeiten hinnehmen.

In eben dieser Lage befinden sich die 20 000 Beschäftigten der einst blühenden Warenhauskette Kaufhof. Das Unternehmen, das noch vor wenigen Jahren als erfolgreiches Gegenmodell zum kriselnden Konkurrenten Karstadt gelobt wurde, ist in schwere Wasser geraten. Schon im vergangenen Oktober regte die Geschäftsführung eine „wirtschaftliche Atempause“ an.

Gemeint war: runter mit den Personalkosten. Unter anderem sollen 4000 der 16 000 Arbeitsplätze in der Kölner Deutschlandzentrale gestrichen werden. Insgesamt fasst man im Personalbereich Einsparungen von bis 100 Millionen Euro jährlich ins Auge, etwa durch geringeres Urlaubs- und Weihnachtsgeld und den Verzicht auf Lohnsteigerungen. Im Gegenzug bietet das Management für die Dauer des Sparprogramms eine Arbeitsplatzgarantie.

Für Betriebsräte und Gewerkschaften stellen solche Ansinnen im Prinzip eine Zumutung dar. So ließ Kaufhofs Gesamtbetriebsratschef Uwe Hoepfel unlängst wissen, man sei nicht bereit, „die Beschäftigten für Managementfehler und dubiose Finanzierungsmethoden zur Kasse zu bitten“. Ähnlich äußerte sich Verdi-Vorstand Stefanie Nutzenberger. Gleichwohl beriet die Tarifkommission der Gewerkschaft am Freitag darüber, ob Verhandlungen über einen „Sanierungstarifvertrag“ mit der Geschäftsführung aufgenommen werden sollen (die Sitzung lief bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch).

Kaufhof in „ausgeprägter Ertragskrise“

Zwischen 2015 und 2017 ging der Umsatz von Kaufhof von gut drei auf 2,6 Milliarden Euro zurück. Im vergangenen Jahr belief sich der Verlust auf rund 100 Millionen Euro. Dies ist nicht nur der Konkurrenz durch Onlinehändler geschuldet, sondern auch dem Vorgehen des neuen Eigentümers, der kanadischen Warenhaus-Gruppe Hudson’s Bay Company (HBC). Als HBC Kaufhof im Herbst 2015 für gut 2,8 Milliarden Euro übernahm, versprach man, weitere 1,1 Milliarden Euro in die Modernisierung der Häuser zu investieren. Tatsächlich geschah etwas völlig anderes: 41 Kaufhof-Immobilien wurden rechtlich ausgegliedert. Seither müssen die Warenhäuser etwa 50 Millionen Euro pro Jahr mehr für die Nutzung der Gebäude zahlen als zuvor. Sinkende Umsätze, steigende Kosten: Dass sich die Kette mittlerweile in einer „ausgeprägten Ertragskrise“ befindet, wie die Geschäftsführung einräumt, ist nicht wirklich überraschend.

Was bleibt? HBC hätte Kaufhof wieder abstoßen können. Der Immobilieninvestor René Benko, der 2014 die marode Karstadt-Kette übernommen hatte, stünde als Käufer bereit. Dem Österreicher ist es – nicht zuletzt durch einen mit Verdi ausgehandelten Sanierungstarifvertrag – immerhin gelungen, Karstadt nach einer Dekade tiefroter Zahlen wieder in die Gewinnzone zu führen. Anfang November hatte Benko dann knapp drei Milliarden Euro für Kaufhof geboten. Doch HBC lehnte Benkos Angebot ab.

Daher ruhen nun alle Hoffnungen darauf, dass ein mit Verdi auszuhandelnder Sanierungsplan und die damit verknüpften Einsparungen Kaufhof vor dem Untergang bewahren. Wieder einmal müssten die Beschäftigten den Karren aus dem Dreck ziehen.

Vielleicht sollte man über die Bedeutung der Eigenverantwortung im real existierenden Kapitalismus noch einmal gründlich nachdenken.

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