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Jens Baas.

Krankenversicherung

„Die Beitragssätze werden steigen“

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Der Chef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, über sinkenden Einnahmen der Kassen und den Einsatz der Künstlichen Intelligenz in der Medizin.

Seit Jahren schwimmt die Krankenversicherung im Geld. Doch der Abschwung hinterlässt auch hier Spuren. Die Techniker Krankenkasse (TK) ist mit rund 10,5 Millionen Versicherten Deutschlands größte gesetzliche Kasse. Ihr Chef, Jens Baas, stimmt die Versicherten schon mal auf höhere Beiträge ein.

Herr Baas, die Wirtschaft befindet sich im Abschwung. Was bedeutet das für die Kassen und deren Beitragssätze?
Auch in der Krankenversicherung sind die richtig guten Jahre wohl vorbei. Geht die Zahl der Beschäftigten zurück, sinken die Beitragseinnahmen. Die Ausgaben steigen jedoch weiter kräftig, zuletzt mit einer Rate von immerhin fünf Prozent. Das liegt auch an den teuren Reformen aus der laufenden und der vorangegangenen Wahlperiode. Die Kosten dieser Reformen summieren sich auf rund zehn bis 15 Milliarden Euro jährlich. Bisher konnte das durch die gute Beschäftigungslage und die starke Zuwanderung aufgefangen werden. Aber darauf können wir uns langfristig nicht stützen.

Und was heißt das nun für den Beitragssatz?
Bei sinkenden Einnahmen und steigenden Ausgaben werden die Krankenkassen ihre heutigen Beitragssätze auf Dauer nicht halten können.

Wie stark müssen die Sätze steigen?
Das kann man noch nicht sagen. Klar ist aber, dass wir jetzt dringend die von Minister Spahn versprochene Finanzreform benötigen, bei der es um die faire Verteilung der Gelder zwischen den Kassen geht. Kommt die Finanzreform nicht oder nur unvollständig, besteht die Gefahr, dass schon bald Kassen in die Pleite schlittern. Die AOKen bekommen rund 1,3 Milliarden Euro pro Jahr mehr, als sie zur Versorgung ihrer Versicherten ausgeben. Das Geld fehlt entsprechend bei den anderen Kassen. Die Situation ist kritisch und wird in der Öffentlichkeit völlig unterschätzt oder ist vielen gar nicht bekannt, obwohl sie über 70 Millionen gesetzlich Versicherte betrifft.

Zur Person
Jens Baas (Jahrgang 1967) ist seit Juli 2012 Vorstandschef der Techniker Krankenkasse (TK). Nach seinem Studium der Humanmedizin an der Universität Heidelberg und der University of Minnesota (USA) war Baas als Arzt in den chirurgischen Universitätskliniken Heidelberg und Münster tätig. 1999 wechselte er zur Unternehmensberatung Boston Consulting Group.

Bei der TK ist Baas für die Unternehmensbereiche Marke und Marketing, Finanzen und Controlling, Informationstechnologie sowie Politik und Kommunikation zuständig. 

Die TK gilt als Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Wie wird die elektronische Gesundheitsakte angenommen, die Sie vergangenes Jahr eingeführt haben?
Sehr gut. Wir haben aktuell über 200.000 Versicherte, die sich dafür entschieden haben, die elektronische Gesundheitsakte zu nutzen – Tendenz stetig steigend. Das zeigt uns, dass sich die Menschen eine digitale Lösung für ihr Gesundheitsmanagement wünschen.

Man hat den Eindruck, dass Spahn zwar Druck bei der Digitalisierung macht, aber nicht wirklich vorankommt. Teilen Sie die Einschätzung?
Ich will etwas tun, was für einen Kassenchef eher ungewöhnlich ist: Den Gesundheitsminister loben. Spahn steht voll und ganz hinter dem Digitalthema und stellt sich mit großer Ausdauer gegen all die Bedenkenträger und Interessenwahrer im Gesundheitswesen, die gerade versuchen, die ab 2021 für alle Versicherten geplante elektronische Patientenakte zu zerschießen. Wir müssen aufpassen, dass sich die unendliche Geschichte der elektronischen Gesundheitskarte nicht wiederholt.

Wenn die Patientenakte einmal für alle da ist: Was ist aus Ihrer Sicht der nächste große technologische Schritt?
Wenn die Patientenakten irgendwann mit zahlreichen Daten gefüllt sind, können Expertensysteme dem behandelnden Arzt auf Basis künstlicher Intelligenz, gefüttert mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, wichtige Hinweise geben. Entscheiden muss am Ende zwar immer der Mediziner, doch ihm steht dann eine Vielzahl an Daten zur Verfügung, die dem Patienten Vorteile bringen. Diese Daten kann er aber ohne technische Hilfe nicht mehr bewältigen. Ich bin mir ganz sicher: Es wird in absehbarer Zeit als Kunstfehler gelten, wenn Ärzte bei der Diagnose kein Expertensystem befragen.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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