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Seit dem Start im Jahr 2014 hat die Formel E immer mehr Fans gewonnen.

Ulrich Spiesshofer

"Bei der Infrastruktur gibt es noch Lücken"

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Ulrich Spiesshofer, Chef des Industriekonzerns ABB, über die Formel E, staatliche Hilfen für Stromtankstellen und die Gefahr von Blackouts.

Ulrich Spiesshofer stammt unüberhörbar aus dem Schwäbischen. Doch der Chef des schweizerisch-schwedischen Industriekonzerns ABB lebt seit vielen Jahren in der Schweiz. An diesem Wochenende wird er in Zürich am Rande einer Rennstrecke stehen. Dort steigt der zehnte Lauf der diesjährigen Formel-E-Meisterschaft – bei der Boliden mit Elektroantrieb gegeneinander antreten. Für Spiesshofer ist es ein besonderes Rennen, denn in Zürich befindet sich auch die ABB-Konzernzentrale und das Unternehmen ist seit Anfang des Jahres Hauptsponsor der Formel E. Spiesshofer setzt darauf, dass die Rennwagen Werbeträger für die Elektromobilität werden, für die er aber auch mehr Unterstützung durch die Politik verlangt. 

Herr Spiesshofer, ABB ist seit Beginn des Jahres Titelsponsor der Formel E. Steckt dahinter eine persönliche Vorliebe oder geschäftliches Kalkül?
Unser Engagement ergibt sich aus unserer Geschäftsstrategie. ABB macht heute zwei Dinge: Wir bringen Strom von jedem Kraftwerk zu jedem Verbrauchspunkt; und wir automatisieren die Industrie vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt. Wenn man auf der Stromseite nach Dynamik und Marktchancen sucht, dann stößt man ganz schnell auf die Elektromobilität. 

Wie gehen Sie die Elektromobilität nun an? 
Wir haben 2011 ein Start-up gegründet, das sich mit Ladeinfrastruktur für Elektroautos befasst. Kurz danach haben wir ein zweites Start-up dazu gekauft und sind heute Weltmarktführer in der Schnellladetechnik, sind damit heute in 60 Ländern vertreten und haben mehr als 7000 Schnellladestationen installiert.

Die Formel E fungiert als PR-Plattform fürs elektrische Fahren? 
Zunächst einmal ist die Formel E eine international boomende Wettbewerbsplattform für Elektromobilität. Und als Weltmarktführer haben wir uns gefragt: Wie positionieren wir diese faszinierende Technik noch besser nach außen? Seit 2014 standen wir im Kontakt mit den Machern der Formel E. Zwei Pioniere haben sich dabei getroffen. Die ABB FIA Formel E als Taktgeber im Rennsport und ABB als Technologieführer in der Stromversorgung seit über 130 Jahren. Mit der Formel E mobilisieren wir das Konsumentendenken in der Elektromobilität. 

Das Formel-E-Engagement hat also gar keine persönlichen Bezüge?
Es stimmt schon, dass ich gerne Auto fahre. Aber das ist für mich persönlich nur ein schöner Nebeneffekt. 
 
Fahren Sie ein Elektroauto?
Ich sammle bereits seit mehr als drei Jahren Erfahrungen mit elektrischen Fahrzeugen. Zunächst hatte ich einen i3 von BMW, jetzt fahre ich einen i8. 
 
Wo laden Sie die Batterie Ihres Elektroautos?
Entweder zu Hause oder im Büro. Und wenn ich unterwegs bin an einer Schnellladestation. 

Bald kommen neue E-Autos: der iPace, ein SUV von Jaguar und der E-Tron, ein SUV von Audi. Ist das der Durchbruch der Elektromobilität? 
Wir hatten noch nie so viele Elektroautos so nah am Marktstart wie im Moment. Das sind fantastische Fahrzeuge. Der iPace bietet trotz einer kompakten Form viel Platz im Innenraum. 
 
Aber es bleibt für den Fahrer das Problem, dass öffentliche Ladestationen immer noch dünn gesät sind. 
Bei der Ladeinfrastruktur gibt es immer noch Lücken. Aber wir bauen alleine mit dem Energiekonzern EnBW gerade 117 Stationen entlang der deutschen Autobahnen auf, und wir bauen für Electrify America in den USA einen großen Teil des Ladenetzwerks auf. Wir sind auch in Lateinamerika und in China aktiv. Aber man muss sich als Fahrer eines Elektroautos unterwegs schon noch Gedanken machen, wo man Strom nachladen kann. Das Finden der Ladestationen wird durch Google-Maps und andere Apps erleichtert. Die zunehmenden Reichweiten der Autos vereinfachen die Sache weiter. 

Und vor allem muss das Laden am besten so schnell wie das Tanken von Benzin sein.
Ende April haben wir zur Hannover Messe unsere neueste revolutionäre Ladestation in den Markt eingeführt. Sie heißt Terra HP und hat eine Leistung von 350 Kilowatt. In acht Minuten – da können sie gerade einen Kaffee trinken – laden wir damit die Batterie für rund 200 Kilometer nach. Das Thema haben wir also im Griff.

Woran mangelt es noch?
Die Elektromobilität braucht vier Dinge, um sich am Markt durchzusetzen: Die Fahrzeuge – ich freue mich, dass die Autoindustrie dabei jetzt Vollgas gibt. Dann Ladestationen, die schnell, sicher und verfügbar sind. Um die Verfügbarkeit zu verbessern, müssen mehr Stationen aufgebaut werden. Auch hier sind wir bei ABB auf einem guten Weg. Zusätzlich muss aber auch das Stromnetz stärker und smarter werden, um mit den wechselnden Lasten besser zurechtzukommen. Und schlussendlich kann die Elektromobilität nur dann sauberer werden, wenn mehr erneuerbare Energiequellen den Strom erzeugen. Bei den letzten drei Dingen können wir als Marktführer weltumspannend helfen.
 
Kann der Markt das alleine regeln?
Ich gehe davon aus, dass sich in Europa eine Konsumenten-Dynamik entwickelt, die Versorgungsunternehmen dazu bringt, viele Stationen zu bauen. 
 
Und das Stromnetz kann das alles verkraften?
Wir müssen das Netz, das dies verkraftet, schrittweise ausbauen. Sechs Schnellladepunkte à 350 Kilowatt an einer Ladestation das braucht mehr als zwei Megawatt Leistung. Das entspricht dem Bedarf eines kleinen Dorfs oder 2000 Haartrocknern, die gleichzeitig eingeschalten werden. Wenn sie das heute tatsächlich tun, ohne das Distributionsnetz darauf vorzubereiten, erzeugen sie einen Blackout. Deshalb müssen die Stromnetze auf der lokalen Verteilebene gestärkt werden. 

Brauchen wir dafür mehr Leitungen oder schlaue Stromzähler?
Wir brauchen beides. Wir haben erst kürzlich mit der Regierung von Singapur darüber diskutiert, wie das vernünftig organisiert werden kann. Wenn Sie eine Schnellladestation haben und daneben die Niederlassung einer Versicherungsgesellschaft, dann können Sie das zum Beispiel so regeln, dass die Klimaanlage der Versicherungsgesellschaft kurzzeitig zurückgefahren wird, wenn an der Ladestation viel Betrieb ist. Sie bauen ein kleines Mikronetz auf, das Spitzenbelastungen vermeidet. Am lokalen Verteilpunkt wird dann entschieden, dass die Verteilung des Stroms zugunsten der Ladestation gesteuert wird. Die Mitarbeiter der Versicherung merken davon in ihren Büros übrigens nichts. 

Der Ladestrom muss doch außerdem von Erneuerbaren kommen? Nur so wird E-Mobilität für Klima- und Umweltschutz überhaupt erst sinnvoll.
So ist es. Wir brauchen eine noch stärkere Integration von erneuerbaren Energiequellen.
 
Bekommen wir das alles tatsächlich ohne politische Lenkung hin?
Das beste Beispiel dafür haben Sie in Deutschland: Die Versorgungsunternehmen haben das Stromnetz bislang erfolgreich durch die Energiewende geführt, trotz eines massiven Hochfahrens der Solarenergie. Das ist wirklich eine tolle Leistung. 
 
Obwohl es ständig Warnungen von großen Energiekonzernen vor einem Blackout gab.
Über die letzten Jahre haben wir gemeinsam mit den Netzbetreibern die Stromnetze für die stark wechselnde Leistung der erneuerbaren Energiequellen ertüchtigt. Wir haben sie besser verknüpft, wir haben zunehmend Speicher im Einsatz. Das Netz ist heute technologisch viel ausgereifter. 
 
Auch für den Tag, an dem mehrere Millionen Elektroautos unterwegs sind und die Fahrer alle gleichzeitig abends gegen 18 Uhr ihr Fahrzeug zum Laden ans Netz anschließen?
Ein Pendler der jeden Tag 40 Kilometer fährt, muss über Nacht nur wenige Kilowattstunden nachladen. Das ist für einzelne Autos sicher kein Problem. Anders ist es bei einem Mehrfamilienhaus mit 100 Parteien und 100 Elektroautos. Da kann dann eine Belastung entstehen, für die der Stromanschluss dieses Hauses nicht ausgelegt ist. Das ist eine der herausfordernden Fragen.

Was ist Ihre Antwort?
Die chinesische Regierung hat die Antwort gegeben. Sie hat nämlich gesagt, das wichtigste Thema zur Förderung der Elektromobilität, ist eine staatliche Unterstützung zum Bau von Ladestationen in den Tiefgaragen von Mehrfamilienhäusern. Dafür hat der chinesische Staat umgerechnet sechs Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. 
 
Das wäre etwas, das Sie auch der Bundesregierung empfehlen würden?
Es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass die Autobauer, die Kommunen und auch die Regierungen ihren Beitrag leisten, damit die Elektromobilität ein Erfolg wird. Wir brauchen da eine Art konzertierte Aktion.
 
Und wie geht es mit dem Ausbau der Erneuerbaren weiter, der von der Bundesregierung zuletzt eher gebremst wurde?
Ich bin sehr optimistisch, dass erneuerbare Energiequellen eine immer größere Rolle spielen werden. Damit wird heute schon in sonnenreichen Regionen Strom für 1,6 Cent pro Kilowattstunde erzeugt. Keine andere Form zur Erzeugung von Elektrizität ist billiger. Und das Ende der Entwicklung ist noch lange nicht erreicht. 

Interview: Frank-Thomas Wenzel

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