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Dieter Kempfs Sicht der Dinge unterscheidet sich zum Teil stark von der des Lobbyverbandes, den er nun vertritt.
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Dieter Kempfs Sicht der Dinge unterscheidet sich zum Teil stark von der des Lobbyverbandes, den er nun vertritt.

Industriepräsident

BDI-Chef Dieter Kempf überrascht

  • Markus Sievers
    VonMarkus Sievers
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Der neu gewählte BDI-Chef Dieter Kempf vertritt teilweise unkonventionelle Positionen. Die Höhe des Mindestlohns findet er akzeptabel, die bürokratischen Auflagen nicht.

Im Berliner Konzert der Parteien und Verbände hat ein Industriepräsident die Aufgabe, für einen schlanken Staat zu kämpfen, Steuerentlastung einzufordern und gegen Regulierung einzutreten. So hält es Dieter Kempf als frisch gekürter Chef vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) auch. Munter stichelt er mit seinem leicht bayerischen Sprachklang gegen die Vermögenssteuerpläne der Grünen oder gegen Kritiker des Freihandels.

Als sich der 63-Jährige wenige Tage vor der Wahl den Journalisten stellte, offenbarte er aber auch überraschende Positionen, die nicht zwingend zum Wertekanon der Wirtschaftsverbände gehören. Bei mehreren Themen von Zeitverträgen über Mindestlohn bis Managergehältern stellte er sich gegen den Konsens im eigenen Lager.

Angesprochen auf die Praxis vieler Arbeitgeber, junge Leute nach Ausbildung oder Studium billig mit Zeitverträgen oder sogar Praktika abzuspeisen, sagte der neue Industriepräsident: „Das halte ich für falsch.“ Er räumte ein, dass dieses Verhalten in der Wirtschaft Usus geworden sei und betonte, dass Berufseinsteiger eine Perspektive brauchten. Dahinter mag die Erkenntnis liegen, dass die Demographie zunehmend zuschlägt und der Kampf um Talente für die Firmen härter wird.

Dennoch ist aus den üblichen Statements der Wirtschaftsverbände eher eine andere Sicht zu lesen. Dort wird das Problem meistens klein geredet und die insgesamt hervorragende Lage am Arbeitsmarkt herausgestellt. Bemerkenswerterweise hatte Sarah Wagenknecht von der Linkspartei vergangene Woche im Bundestag auf die schwierige Lage von jungen Menschen hingewiesen, die sich von einem vorübergehenden Job zum nächsten hangeln.

Auch in der Debatte über den Mindestlohn präsentierte sich ein ungewohnt differenzierter Industriepräsident. Die staatliche Untergrenze für die Bezahlung lehnt er zwar grundsätzlich ab, wie er versicherte. Die 8,50 Euro die Stunde seien für ihn aber nicht das Problem, sagte der gelernte Steuerberater und frühere Vorstandschef des Nürnberger Softwarehauses Datev. Kritisch seien die bürokratischen Auflagen. Und dennoch zeigte er Verständnis für die Entscheidung der großen Koalition, den Mindestlohn in Deutschland einzuführen. Wenn die faktisch gezahlten Gehälter nicht ausreichten, den Lebensunterhalt zu sichern, dürfe man sich nicht wundern, wenn die Politik einschreite.

Für unangemessen hält der Top-Lobbyist die Selbstbedienungsmentalität, die in Konzernetagen eingezogen ist. Bereits vor 30 Jahren habe ein Vorstand in einem Unternehmen deutlich mehr verdient als Angestellte auf der untersten Führungsebene. Wenn der Abstand aber heute um ein Vielfaches höher liege, wisse er nicht, wie er das erklären solle.

Kein verkappter Linker

Damit ist der Münchner, der als Student seine ersten Berufserfahrungen bei McDonald’s sammelte, kein verkappter Linker. Im Gegenteil wandte er sich mit Nachdruck gegen neue Rentenleistungen und warf Schwarz-Rot eine übertriebene Umverteilungspolitik vor. Ganz im liberalen Sinne trat er dafür ein, sich mehr Gedanken zu machen, wie man Wohlstand schaffen kann. Die Überlegungen der Grünen für eine Wiedereinführung der Vermögensteuer bezeichnete er als ein falsches Signal. Man könne nicht einerseits davon reden, den Mittelstand stärken zu wollen, und andererseits die Firmen mit einer Substanzsteuer belasten.

So demonstriert Kempf mit den unkonventionellen Äußerungen zu einigen Themen in erster Linie, dass er sich in seiner neuen Rolle nicht in ein festes Korsett einbinden lassen möchte. An diesem Maßstab wird er sich messen lassen müssen. Immerhin darf man sicher sein, dass er die Verbändelandschaft bestens kennt und weiß, wie schwer abweichende Meinungen durchzuhalten sind. Vier Jahre lang leitete er den Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) und war in dieser Funktion zugleich Vizepräsident beim BDI.

Zum Kennenlernen mit den Medien wählte er übrigens die Technikstätte Open Innovation Space am Prenzlauer Berg in Berlin. Auf dem Gelände der ehemaligen Bötzow-Brauerei tüfteln Wissenschaftler, Techniker und Studenten mit 3D-Druckern oder Hightech-Webstühlen gemeinsam an innovativen Produkten. Diese Ortswahl darf man als Bekenntnis zur Digitalisierung verstehen, die Kempf mit erhöhtem Tempo in Deutschland vorantreiben möchte.

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