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Der Einsatz des Pflanzengifts Glyphosat ist umstritten.

Risikokauf

Zukauf mit fatalen Folgen

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    Marina Kormbaki
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Der Vorstand von Bayer wollte unbedingt Monsanto übernehmen. Das rächt sich nun. Auf den Konzern könnten Milliardenkosten zukommen.

Der Dreiliterkanister kostet hierzulande knapp 28 Euro. Groß steht der Name auf dem Behälter: „Roundup“ – mit dem Zusatz „Unkrautfrei“. Das Produkt wird nach Angaben des Chemie- und Pharmakonzerns Bayer seit „über vier Jahrzehnten sicher und erfolgreich eingesetzt“. Die sechsköpfige Jury eines US-Bundesgerichts in San Francisco hat indes gerade einstimmig entschieden, dass Roundup mit seinem Wirkstoff Glyphosat ein „wesentlicher Faktor“ für den Lymphdrüsenkrebs des 70-jährigen Amerikaners Edwin Hardeman ist. Er hat das sogenannte Totalherbizid über 26 Jahre mehr als 300-mal auf seinem Grundstück angewendet.

Die Entscheidung der Geschworenen ist zwar nur der erste Teil des Verfahrens Hardeman vs. Monsanto. Gleichwohl ist das Votum wegweisend. Der Aktienkurs des Leverkusener Unternehmens verlor am Mittwoch bis zu 13 Prozent. Buchwerte von rund acht Milliarden Euro wurden an einem Tag vernichtet.

Bayer hatte den US-Agrochemiekonzern Monsanto im vorigen Jahr für rund 63 Milliarden Dollar (55 Milliarden Euro) übernommen – auch wegen des „Bestsellers“ Roundup und obwohl Glyphosat seit Jahren weltweit höchst umstritten ist. Es geht einerseits um das Krebsrisiko und andererseits um die ökologischen Folgen des Produkts, das praktisch alles vernichtet, was auf einem Stück Land nicht wachsen soll – mit ökologischen Folgen auch für Insekten. In Europa wurde lange über ein Verbot von Glyphosat diskutiert. Ende 2017 stimmten die EU-Mitgliedsländer für eine Verlängerung der Zulassung um fünf Jahre.

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Nun flammt die politische Diskussion über Glyphosat wieder auf. So sieht Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter in Monsantos juristischer Niederlage ein Fanal für die Bundesregierung. „Wie viele Urteile braucht die Bundesregierung noch, um die Menschen endlich vor dem giftigen Glyphosat zu schützen?“, fragte Hofreiter.

Zurück nach San Francisco: Die Bayer-Anwälte hatten im ersten Teil des Verfahrens argumentiert, die Ursache für die Krebserkrankung von Hardeman sei nicht zu klären. Risikofaktoren wie sein hohes Alter sowie eine Hepatitis-Erkrankung müssten dabei berücksichtigt werden. Das konnte die Jury aber nicht überzeugen, die nun im zweiten Teil über das Maß der Verantwortlichkeit von Monsanto entscheiden muss. Dabei wird es auch darum gehen, inwiefern Hardeman das Mittel sachgemäß angewendet hat.

Bayer teilte am Mittwoch mit, man sei zuversichtlich, „dass die Beweise in der zweiten Phase des Prozesses zeigen werden, dass Monsantos Verhalten angemessen war“. Hardemans Anwältin will hingegen nachweisen, dass das Unternehmen von den Gefahren von Glyphosat gewusst, diese aber verheimlicht habe. Sie kündigte außerdem an, E-Mails vorzulegen, aus denen hervorgehen soll, dass Monsanto versucht habe, Einfluss auf Wissenschaftler und Behörden zu nehmen, um die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Beobachter gehen davon aus, dass es für Bayer nun nur noch darum gehen kann, den Schaden zu begrenzen – gemeint ist damit die Höhe der Entschädigungen. Für Holly Froum vom Finanzdienst Bloomberg steht bereits fest, dass Bayer in vielen von insgesamt rund 11 200 weiteren anstehenden Verfahren der Unterlegene sein werde.

Der Fall Hardeman ist ein sogenanntes Leithammelverfahren. Das anstehende Urteil hat zwar keine Präzedenzwirkung für nachfolgende Prozesse. Es soll aber die Richtung der Rechtsprechung zeigen, damit die Parteien das Ausmaß von Schadenersatzansprüchen taxieren können.

Die Klagewelle war im vergangenen August ins Rollen gekommen, als der Amerikaner Dwayne Johnson vor Gericht Zahlungen in Höhe von 78 Millionen Dollar erstritt. Er hatte als Hausmeister einer Schule jahrelang Roundup eingesetzt und ist ebenfalls an Krebs erkrankt. Froum erwartet, dass auf Bayer nun Zahlungen an Glyphosat-Opfer in Höhe von insgesamt fünf Milliarden Dollar zukommen könnten. Michael Leacock vom Investmenthaus Mainfirst rechnet sogar mit elf Milliarden Dollar.

Bayer-Chef Werner Baumann kann sich in jedem Fall schon einmal auf heftige Kritik von Aktionären auf der Hauptversammlung seines Unternehmens am 26. April gefasst machen. Christian Strenger, Mitgründer des Deutschen Corporate Governance Kodex, forderte laut „Manager Magazin“ in einem Brief die Aktionäre auf, dem Bayer-Vorstand die Entlastung zu verweigern. Den Monsanto-Kauf bezeichnete er als den „größten und schnellsten Wertvernichter in der Dax-Geschichte“.

Der Absturz der Bayer-Aktie hat bereits „aktivistische Investoren“ angelockt. Diese mischen sich ins Geschäft ein und versuchen, aus Schräglagen von Unternehmen Kapital zu schlagen. Der berüchtigte US-Hedgefonds Elliott Management, hinter dem der Milliardär Paul Singer steht, ist Ende vorigen Jahrs bei Bayer eingestiegen. Bloomberg zufolge wollen die Amerikaner den Bayer-Vorstand dazu zwingen, den Konzern in ein Pharma- und ein Agrochemieunternehmen zu zerschlagen.

Elliott hat unter anderem beim Essener Industriekonzern Thyssenkrupp dazu beigetragen, dass der Vorstands- und der Aufsichtsratschef zurücktraten und dass die Stahlsparte ausgegliedert wurde.

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