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Zum Prozessbeginn im Januar demonstrierten Unterstützerinnen und Unterstützer von Tran To Nga (Plakat in der Mitte) in Paris.
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Zum Prozessbeginn im Januar demonstrierten Unterstützerinnen und Unterstützer von Tran To Nga (Plakat in der Mitte) in Paris.

Frankreich

Ökozid-Vorwurf gegen Monsanto und Bayer: Gericht weist Klage wegen Agent Orange ab

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Die Klägerin Tran To Nga will das Delikt des „Ökozids“ international anerkennen lassen. Nun liegt das Urteil eines französisches Gerichts im Prozess gegen den Bayer-Konzern vor.

Update vom Montag, 10.05.2021, 11.30 Uhr: Ein französisches Gericht hat eine Klage gegen den Bayer-Konzern und andere internationale Chemieriesen im Zusammenhang mit dem Einsatz von Entlaubungsmittel im Vietnamkrieg abgewiesen. Das Gericht in Evry südlich von Paris erklärte die Klage einer 79-jährigen Französin vietnamesischer Herkunft für unzulässig. Die Klägerin wirft dem zu Bayer gehörenden US-Unternehmen Monsanto „Ökozid“ vor, weil der Konzern das hochgiftige Entlaubungsmittel Agent Orange geliefert haben soll. Die Vereinigten Staaten hatten das Gift zwischen 1961 und 1971 großflächig im Kampf gegen die Vietkong-Guerilla eingesetzt.

Die Klägerin Tran To Nga war als junge Frau im Vietnamkrieg mit Agent Orange in Berührung gekommen und leidet an unheilbarem Krebs. Ihre Klage richtete sich gegen insgesamt 14 internationale Chemiekonzerne. Die 79-Jährige wurde von einer Reihe von Organisationen unterstützt.

Die Konzerne bestritten dagegen die Zuständigkeit des Gerichts in Evry. Der Anwalt von Monsanto, Jean-Daniel Bretzner, argumentierte, die USA hätten Agent Orange für die nationale „Verteidigung“ eingesetzt, ein ausländisches Gericht könne sich deshalb nicht mit der Sache befassen. Der Bayer-Konzern betonte, allein die damalige Regierung in Washington sei für den Gifteinsatz verantwortlich „und nicht die Lieferanten zu Kriegszeiten“.

Ökozid: Klage gegen Monsanto und Bayer wegen Agent Orange

Erstmeldung vom Sonntag, 09.05.2021: Paris - Tran To Nga wirkt robust, aber das ist nur der Schein. Die Finger einer Hand genügen nicht, um ihre schweren Leiden aufzuzählen: Brustkrebs, Diabetes Typ zwei, hoher Blutdruck, Alpha-Thalassämie, die Hautkrankheit Chlorakne, Herzprobleme. Heute kennt die 79-jährige Franko-Vietnamesin die Ursache: Herbizide, eingesetzt im Vietnamkrieg von 1961 bis 1971. 80 Millionen Liter versprühte die amerikanische Armee, um ganze Wälder zu entlauben und Vietcong-Soldaten aufzuspüren. 46 Millionen Liter enthielten Agent Orange, produziert unter anderem vom US-Chemiehersteller Monsanto, der inzwischen zum Bayer-Konzern gehört.

Doch das wussten die Vietnamesinnen und Vietnamesen damals noch nicht. Tran To Nga erinnert sich, wie sie Ende 1966 in Cu Chi (nördlich von Saigon) in eine von einem Flugzeug abgelassene Wolke mit einem klebrigen Pulver geraten sei. Es habe eine orange Färbung gehabt und einen beißenden Geruch verströmt. Die damals 24 Jahre alte Frau wusch sich, aber nur kurz, denn es eilte damals, auf dem gefährlichen Ho-Chi-Minh-Pfad.

Agent Orange: Gift verantwortlich für Hunderttausende Tote in Vietnam

Die ersten Symptome traten nicht sofort auf. 1969 brachte die im Krieg als Lehrerin und Journalistin tätige Frau ihre erste Tochter zur Welt. Sie starb siebzehn Monate später an Atembeschwerden, vorher hatte sich ihre Haut in Fetzen vom Körper gelöst. „Ich konnte sie nicht einmal in meine Arme nehmen“, schrieb Tran To Nga in ihrem Buch „Mein vergiftetes Land“, das 2015 im französischen Verlag Stock erschien und seine Autorin in Vietnam zu einer bekannten Persönlichkeit machte.

Während des Krieges, aber auch noch in den Jahren danach wussten die Vietnamesinnen nicht, dass sich die Leiden auf ihre Kindern übertrugen. Agent Orange, das auch das Gift Dioxin enthält und direkt das Erbgut angreift, hat in Vietnam Hunderttausende von Todesopfern und Millionen von Kranken verursacht. Aus Angst, Opfer eines Fluchs geworden zu sein, versteckten viele Familien versteckten zunächst ihre behinderten Kinder, wie Tran To Nga erzählt. Als ihre Tochter gestorben sei, habe man hinter ihrem Rücken geraunt, das sei wohl eine Bestrafung für Verfehlungen in einem früheren Leben.

Vietnam: Agent Orange wirkt bis heute nach - 6000 Säuglinge mit Missbildungen pro Jahr

Noch heute, in der vierten Generation nach Ende des Krieges, kommen in Vietnam jährlich rund 6000 Säuglinge mit Missbildungen und schweren Krankheiten auf die Welt. Arme fehlen, Kinder erblinden, andere entwickeln Geschwüre. Erwachsene können sich nicht mehr aufrecht halten, zittern ständig. Zwei weitere Töchter der 79-jährigen Franko-Vietnamesin sind noch am Leben, aber beide gesundheitlich sehr angegriffen. Eine Enkelin hat Herzprobleme. Das bewog Frau Tran schon in den neunziger Jahren, vor einem US-Gericht Schadenersatz zu verlangen – nicht für sich selbst, sondern für ihre und alle betroffenen Kinder, wie sie sagte.

In New York blitzte sie ab. Die Amerikaner hatten zwar 1984 knapp 180 Millionen Dollar an Entschädigungen bezahlt – aber nur an amerikanische Vietnamkriegsveteranen, die mit Agent Orange in Kontakt gekommen waren. Vietnamesinnen und Vietnamesen wurde für den großflächigen Einsatz des Entlaubungsmittels und seine Folgen nie entschädigt.

Im Jahr 2004 erhielt Frau Tran, deren Eltern schon gegen die französischen Kolonialherren gekämpft hatten, auch wenn sie nie Mitglied der lokalen KP waren, vom damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac die Ehrenlegion, die ranghöchste Auszeichnung Frankreichs. Dadurch ermutigt, reichte sie an ihrem heutigen Wohnort Évry Gerichtsklage ein. Diese richtet sich gegen 14 Chemieriesen wie Monsanto oder Dow Chemical, die das Herbizid Agent Orange geliefert hatten.

Klage 50 Jahre nach Ende des Vietnamkrieges: Monsanto und Bayer wehren sich gegen Klage

Bei Prozessbeginn im Januar stellten diese Unternehmen die Zuständigkeit des Gerichts in Abrede. Doch die Gesetzgebung Frankreichs lässt solche Klagen zu. Heute behauptet Monsanto, Frankreich könne nicht über das Verhalten eines anderen Staates in Belangen der „nationalen Verteidigung“ urteilen. Bayer führt an, den Einsatz von Agent Orange hätten nicht die Firmen beschlossen und durchgeführt, sondern die amerikanischen Behörden. Der deutsche Konzern erbt mit Agent Orange eine weitere Monsanto-Affäre nach dem Glyphosat- und dem PCB-Skandal.

Nach einer Verurteilung am Montag könnten die beschuldigten Unternehmen Berufung einlegen. Für Tran To Nga hätte das schwerwiegende Folgen: Ein Arzt hatte ihr vor vier Jahren eine Lebenserwartung von fünf Jahren in Aussicht gestellt. Viel Zeit bleibt nicht der 79-Jährigen also nicht mehr.

Die Franko-Vietnamesin lässt sich trotzdem nicht entmutigen. Wenn das Verfahren noch etwas läuft, will sie die Klage auch durch den Tatbestand des „Ökozids“ – eines Verbrechens an der Natur – erweitern. Den Begriff hatte die französische Nationalversammlung Anfang Mai in ihr neues Klimagesetz aufgenommen. Der Einsatz eines Entlaubungsmittels in Kriegszeiten böte sich als erste praktische Illustration eines Ökozids an. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach den Sprühflügen wachsen in Vietnam mancherorts wie in Science-Filmen „seltsame Riesenpflanzen“, wie Tran To Nga erzählt. In Vietnam nenne man sie „die amerikanischen Gewächse“. (Stefan Brändle)

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