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(T)Raumschiff Surprise: Bayer-Chef Werner Baumann und die restliche Konzernführung auf der Hauptversammlung in Köln.

Bayer

„Mit Monsanto infiziert“

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Wutgeladene Aktionäre rechnen auf der Hauptversammlung von Bayer mit dem Management ab. 

Mit Zurückhaltung glänzen die Bayer-Aktionäre in ihren Wortmeldungen gegenüber Vorstandschef Werner Baumann am Freitag auf der Hauptversammlung in Bonn nicht: „Heute stehen wir vor einem Scherbenhaufen“, beginnt Ingo Speich seine Ausführungen. Speich ist für die Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka im World Conference Center am Mikrofon und Vertreter der Stimmrechte von rund 1,1 Prozent der Bayer-Aktien. Der Scherbenhaufen, von dem Speich spricht, ist der Börsenkurs des Leverkusener Pharma- und Agrochemiekonzerns – der Wert der Aktie ist seit der vergangenen Hauptversammlung um 39 Prozent gesunken. „Das ist eine Wertvernichtung historischen Ausmaßes“, führt Speich weiter aus. Mit einem Börsenwert von nur noch rund 57 Milliarden Euro laufe Bayer-Gefahr, zum Spielball der Märkte zu werden und riskiere, selbst übernommen oder sogar zerschlagen zu werden.

In diesem Jahr brachten Demonstranten tote Bienen mit.

Die Ursache dafür sieht Speich in der größten Übernahme der deutschen Wirtschaftsgeschichte: „Das Management hat eine kerngesunde Bayer mit dem Monsanto-Virus infiziert, doktert nun herum, hat aber auch kein heilendes Medikament zur Verfügung“, kritisiert der Aktionärsvertreter am Mikrofon.

Die schwächelnde Pharma-Forschung, der Verkauf von Unternehmensanteilen, der Abbau von weltweit 12 000 Stellen, davon 4500 in Deutschland – diese und weitere Bayer-Baustellen spielen am Freitag nur eine Nebenrolle. Protagonisten sind Glyphosat und der Erwerb von Monsanto, auch vor dem World Conference Center: Neben den regelmäßig bei Bayer-Aktionärstreffen demonstrierenden Aktivisten der „Cooperation gegen Bayer-Gefahren“ protestieren hier Imker mit toten Bienen gegen das Pflanzengift – die ankommenden Aktionäre müssen über einen Teppich lebloser Insekten schreiten, ein Sinnbild für das Artensterben. Die meisten der rund 700 Demonstranten sind indes Schüler: Die Klimaprotestler von Fridays for Future aus Bonn und Köln haben sich am Tag der Hauptversammlung zusammengeschlossen und fordern von Bayer eine landwirtschaftliche Zukunft ohne das Pflanzengift Glyphosat.

In der Halle muss sich Bayer-Chef Werner Baumann vor 3600 Aktionären gegen den Vorwurf wehren, den Erwerb von Monsanto nicht ausreichend geprüft sowie rechtliche und Reputationsrisiken unterschätzt zu haben. Die Vorteile der dem Kauf zugrundeliegenden Kombination von Agrochemie- und Saatgutgeschäft lägen zwar auf der Hand, sagt Janne Werning, der im Auftrag von Union Investment die Interessen von mehr als vier Millionen Anlegern vertritt: „Aber warum musste es ausgerechnet Monsanto sein, das umstrittenste Unternehmen der Branche?“

Monsanto

Die Übernahme von Monsanto erregt die Gemüter auf der Bayer-Hauptversammlung. Die Leverkusener haben sich dadurch viele Probleme ins Haus geholt. Monsanto wurde 1901 gegründet und hatte seinen Hauptsitz bei St. Louis im US-Bundesstaat Missouri. Das Unternehmen produzierte das Entlaubungsmittel Agent Orange, das von der US-Armee im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Seither hat Monsanto einen üblen Ruf. Dieser verfestigte sich durch die Produktion gentechnisch veränderter Pflanzen, des Herbizids Glyphosat und in vielerlei Hinsicht umstrittene Geschäftspraktiken, die anderen Schaden zufügten. (dpa)

Es gebe nichts zu beschönigen, sagt Baumann gleich zum Auftakt der Hauptversammlung: „Die Klagen und die ersten Urteile zu Glyphosat lasten schwer auf unserem Unternehmen und verunsichern viele Menschen.“ 13 400 Personen klagen in den USA inzwischen wegen möglicher Krebsrisiken durch die Nutzung von Monsantos Glyphosat-haltigem Unkrautvernichter Roundup gegen den Bayer-Konzern. Die ersten zwei Verurteilungen zu jeweils rund 80 Millionen Dollar Schadensersatz sind zwar noch nicht rechtskräftig, haben aber den Aktienkurs zum Einsturz gebracht. Ein dritter Prozess läuft aktuell. Die finanziellen Risiken, die von den weiteren Klagen ausgehen, bewegen sich nach Meinung zahlreicher Analysten mindestens im mittleren einstelligen Milliardenbereich, einzelne Börsenkenner beziffern sie gar mit 35 Milliarden Euro. Werner Baumann gibt unumwunden zu, dass die Glyphosat-Klagen Bayer noch jahrelang begleiten werden.

Dem Vorstand um Baumann die Entlastung für das Geschäftsjahr 2018 zu verweigern, haben denn auch zahlreiche Aktionäre im Vorfeld der Hauptversammlung angekündigt. Der Bayer-Chef aber verteidigt die Übernahme: „Aufgrund der hervorragenden Aufstellung unserer Geschäfte, dem großen Potenzial für unsere Kunden, den Möglichkeiten für eine nachhaltigere Landwirtschaft sowie auch im Hinblick auf die wirtschaftliche Logik war und ist der Erwerb von Monsanto der richtige Schritt.“ Die Risiken seien ausführlich geprüft und als „überschaubar“ bewertet worden, die Kursreaktionen auf die Prozessniederlagen „übertrieben“, der wahre Wert des Unternehmens nicht im aktuellen Börsenwert widergespiegelt.

Als Bayer 2016 öffentlich die Absicht bekundete, Monsanto kaufen zu wollen, gab es laut Baumann lediglich 120 Glyphosat-Klagen. Die Behauptung der Klägeranwälte, Monsanto habe seine Kunden wissentlich einem Krebsrisiko ausgesetzt, weist der Vorstandsvorsitzende als „unglaubliche Vorwürfe“ zurück. Bayer werde Glyphosat „weiterhin entschieden verteidigen“, sagt Baumann.

Unterdessen führt er vergangene Geschäftszahlen und Prognosen an, um die unternehmerische Logik des Monsanto-Kaufs zu belegen: Der Umsatz mit Pflanzenschutzmitteln und Saatgut sei 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 49 Prozent gestiegen – der Großteil davon sei auf das akquirierte Geschäft zurückzuführen. „Wir werden aus der Übernahme von Monsanto ab 2022 Synergien in Höhe von jährlich einer Milliarde Euro realisieren“, sagt Baumann.

„Bei einer solch großen Vernichtung des Börsenwerts können wir nicht mit gutem Gewissen entlasten“, sagt Deka-Vertreter Speich vor den Aktionären. Auch Union-Investment-Vertreter Werning spricht sich gegen die Entlastung aus, ebenso der Vertreter der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Alle drei Redner erhalten dafür Applaus. Marc Tüngler, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), hätte lieber eine Vertagung der Entlastung auf eine folgende Hauptversammlung gesehen und enthält sich daher – ebenso die Fondsgesellschaft DWS.

Das Abstimmungsergebnis über die Entlastung lag bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht vor – insgesamt 64 Redner haben Wortbeiträge angemeldet, die Hauptversammlung zog sich bis in die Abendstunden. Werner Baumann und der gesamten Bayer-Führungsriege droht jedoch bereits eine erhebliche Niederlage, wenn weniger als 90 Prozent der Aktionäre der Entlastung zustimmen. Denn bei dem Pharma- und Agrarkonzern sind traditionell deutlich höhere Werte üblich – vergangenes Jahr waren es 97,19 Prozent.

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