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Bei List in Bürstadt beginnt Spargelsaison im Gewächshaus. Was fehlt, sind helfende Hände.

Spargelzeit

Bauer sucht Erntehelfer

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Die Grenzschließungen haben schwere Folgen für Deutschlands Landwirte: Saisonarbeiter aus Osteuropa gelangen nicht mehr ins Land. Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner bemüht sich jetzt um flexible – mitunter auch kreative – Lösungen.

Der Blick über seinen Spargelacker erfüllt Bauer Ralf Schulz mit Sorge. Es ist jetzt an der Zeit, Spargeldämme aufzuhäufen und sie mit Folie zu überziehen, ehe es in wenigen Wochen ans Stechen geht. Doch Spargelbauer Schulz weiß nicht, ob er im April, wenn erste Spargelköpfe aus der Erde ragen, die Ernte wird einfahren können. Zum Spargelstechen fehlen dem Landwirt aus Beelitz in Brandenburg die Arbeitskräfte.

„Wir bekommen keine Saisonarbeiter“, sagt Schulz. „Sie können nicht einreisen.“ Sein Hof sei auf 80 Arbeitskräfte angewiesen; in den zurückliegenden Jahren beschäftigte er Helfer aus Rumänien. „Sie kamen per Flugzeug oder mit dem Bus. Aber jetzt ist kein Durchkommen mehr“, sagt Schulz. Zehn Saisonarbeiter reisten bereits vor Wochen an, ehe Europas Regierungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie die Grenzen dichtmachten. Schulz fehlen jetzt 70 Arbeitskräfte.

Zu Wochenbeginn, als klar war, dass das Coronavirus auch durch Europa pflügen wird, schotteten sich die EU-Staaten voneinander ab. Die Folge waren kilometerlange Staus an den Grenzübergängen und ein Mangel an dringend benötigten Arbeitskräften. Im Gesundheitsbereich, und vor allem in der Landwirtschaft. Zwischen April und Oktober ist die deutsche Landwirtschaft, insbesondere der Obst-, Gemüse- und Weinanbau, auf rund 300 000 osteuropäische Saisonarbeiter und -arbeiterinnen angewiesen. Jetzt kommt ein über Jahrzehnte gewachsenes System europäischer Arbeitsteilung zum Erliegen.

Dienstagnachmittag, Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner tritt in Berlin mit Vertretern der Ernährungsbranche vor die Presse. Die CDU-Politikerin will der Bevölkerung die Angst vor einer Lebensmittelknappheit nehmen. „Es ist genug für alle da“, sagt Klöckner. Doch während sie beruhigt und beschwichtigt, wecken ihre Ausführungen neue Sorgen: Zwar sind jetzt keine Lebensmittel knapp, aber die Arbeitskräfte für die Produktion von Lebensmitteln werden knapp. Damit das nicht zu Engpässen in der Versorgung führt, braucht es kreative Lösungen.

„Verpasste Ernten können wir nicht nachholen – und was erst gar nicht in die Erde kommt, können wir nicht ernten“, sagt Klöckner dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Die Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung hat höchste Priorität. Die anstehende Gemüse- und Obsternte ist wichtig für die Vorräte in unserem Land.“ Viele sonst gern vernachlässigte Berufsgruppen erweisen sich dieser Tage als unabdingbar. So auch Erntehelfer.

Klöckner legte in den zurückliegenden Tagen einige Briefe auf. Am Mittwoch schreibt sie dem Chef des Bundeskanzleramtes, Helge Braun. Er hält im Krisenmanagement die Fäden in der Hand. Klöckner fordert von Braun, dafür zu sorgen, dass Saisonarbeitskräfte wieder nach Deutschland einreisen können. Die Kanzlerin, so Klöckner, sollte das Problem im direkten Gespräch mit den Regierungschefs osteuropäischer Staaten ansprechen.

Am Donnerstag schreibt Klöckner an Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. Zur Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung sei die Ankunft der erwarteten Saisonarbeitskräfte aus Rumänien wichtig. Doch sie hätten nun Schwierigkeiten, nach Deutschland zu gelangen. „Warum? Weil sie an der ungarischen Grenze abgewiesen werden, Ungarn möchte kein Transitland sein, obwohl die rumänischen Saisonarbeitskräfte einen Arbeitsvertrag und Unterkunft vorzuweisen haben“, schreibt Klöckner; der Brief liegt dem RND vor.

Und auch polnische Saisonarbeitskräfte fehlten. „Sie haben teilweise Hals über Kopf am Wochenende Deutschland verlassen – aus Angst sich zu infizieren. Oder weil sie befürchten, nicht mehr in ihr Heimatland kommen zu können“, schreibt die Ministerin an ihren Kollegen von der SPD. „Die meisten haben sich erst gar nicht auf den Weg gemacht, weil sie fürchten, bei ihrer Rückreise in Quarantäne zu müssen“, so Klöckner.

Sie bittet Heil um „eine gewisse Flexibilität“ bei den Arbeitsbedingungen für Saisonarbeitskräfte: Wer schon im Land ist, soll länger bleiben und mehr als zehn Stunden pro Tag arbeiten dürfen. Klöckner selbst zeigt eine gewisse Kreativität: Sie schlägt vor, einheimischen Arbeitskräften, die nun auf Kurzarbeitergeld angewiesen sind, Selbstständigen und auch Asylbewerbern ohne Arbeitserlaubnis kurzfristig eine Tätigkeit in der Landwirtschaft zu ermöglichen. „Der ein oder andere aus sicheren Herkunftsländern wie Albanien, Bosnien und Herzegowina, dem Kosovo, aus Nordmazedonien, Montenegro, Serbien oder auch dem Senegal könnte durchaus Interesse an der Arbeit in der Landwirtschaft haben“, schreibt Klöckner.

Doch das einheimische Potenzial vermag den Mangel an Arbeitskräften auf den Äckern nicht auszugleichen – auch nicht unter Berücksichtigung zahlreicher Freiwilliger, die sich auf Facebook zum Erdbeerpflücken bereiterklären.

Daher erwägt die Bundesregierung, Flüge anzubieten, die Saisonarbeitskräfte direkt aus Rumänien und Bulgarien nach Deutschland bringen könnten. Klöckner ist dazu mit Lufthansa-Chef Carsten Spohr im Gespräch. Angesichts des nahezu ganz eingestellten Passagierbetriebs hätte die Fluggesellschaft genug freie Kapazitäten. Von der polnischen Regierung erhofft sich die Bundesregierung das klare Signal an die Bevölkerung Polens, nicht vor Arbeitsaufenthalten in Deutschland zurückzuschrecken. Das Bundesinnenministerium betont die nach wie vor bestehende Reisefreiheit für Arbeitnehmer.

Neue Wege geht jetzt auch der Bauernverband. Auf der Internet-seite www.Saisonarbeit-in-Deutschland.de sollen Bauern und mögliche Erntehelfer zusammenfinden. „Es sind alle willkommen, die uns Bauern unterstützen wollen und können – egal aus welcher Branche sie kommen“, sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied dem RND. Jede Hand werde benötigt – und mitnichten nur für Saisonprodukte wie den Spargel.

Fehlende Mitarbeiter sind allerdings nicht die einzige Sorge von Spargelbauer Ralf Schulz aus Brandenburg. „Wir wissen ja nicht mal, ob wir den Spargel verkaufen können“, sagt er. Die Restaurants sind geschlossen. Hotels bleiben leer. Schulz steht, wie die gesamte deutsche Landwirtschaft, vor einer ungewissen Zukunft.

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