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Barack Obama auf der Bühne von Bits&Pretzels. Eine Maß auf dem Oktoberfest konnte er nicht trinken - aus Sicherheitsgründen.

Rede in München

Barack Obama mahnt Klimaschutz an - sofort: „Wir brauchen jetzt alle Mann an Deck!“

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Der Kampf gegen die Erderwärmung dulde keinen Aufschub mehr, mahnt der frühere US-Präsident Barack Obama in München.

Mit einem Bier auf dem Oktoberfest wird es auch diesmal nichts. Dabei hatte Barack Obama zu seinen Zeiten als Präsident der Vereinigten Staaten noch die Hoffnung geäußert, dass er nach seiner Amtszeit mal auf eine Maß auf der Wiesn vorbeischauen könnte. Doch das bleibt schwierig. „Der Secret Service wird etwas nervös, wenn ich in ein Zelt mit 10 000 Leuten gehe“, sagte er am Sonntag auf der Gründerkonferenz Bits&Pretzels in München. Wenigstens im Hotelzimmer schlüpfte er aber offenbar mal in eine Krachlederne. Die prominentesten Redner des Festivals mit rund 8000 Besuchern aus aller Welt erhalten vom Veranstalter ein Wiesn-Outfit geschenkt. Und Obama war ohne Zweifel der Stargast.

Barack Obama: Zukunftshoffnung liegt in den Händen der Jugend

Bei seinem Auftritt auf der großen Bühne auf dem Münchner Messegelände äußerte sich Obama zu den dominierenden Themen der Zeit: Klimawandel, die Spaltung der Gesellschaft, die wirtschaftliche Ungleichheit. Dabei mahnte er, dass die Bekämpfung der Erderwärmung keinen Aufschub mehr dulde. Die Temperaturen steigen und die Regierungen weltweit handeln derzeit zu langsam, um zu verhindern, dass durch die Erwärmung sogenannte Kipppunkte ausgelöst werden, die dazu führen, dass sich der Temperaturanstieg noch verschärft. Etwa das Auftauen der Permafrostböden, wodurch große Mengen des Treibhausgases Methan freigesetzt würden.

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„Wir brauchen jetzt alle Mann an Deck“, so der 44. Präsident der USA, unter dessen Führung die Vereinigten Staaten dem Pariser Klimaschutzabkommen beigetreten sind – ein Schritt, den sein Nachfolger rückgängig machen will. „Sie sind ein sehr gebildetes Publikum, also muss ich Sie nicht davon überzeugen, dass es (der Klimawandel, d.R.) real ist.“

Barack Obama hatte Klimaaktivistin Greta Thunberg getroffen

Vor kurzem hat Obama die Klimaaktivistin Greta Thunberg getroffen, die mit ihren Schulstreiks fürs Klima eine weltweite Bewegung angestoßen hat. Sie habe ihn gefragt, ob die Regierungschefs eigentlich Bescheid wüssten über die Wissenschaft zum Klimawandel. Er habe ihr geantwortet, dass sie darüber vermutlich mehr wisse als 98 Prozent der Staatenlenker. „Die meisten Politiker führen nicht, sie folgen“, so Obama. Greta Thunberg trage eine schwere Bürde. „Eine 16-Jährige sollte das nicht tun müssen. (...) Diejenigen von uns, die von sich behaupten, erwachsen zu sein, haben diese Verpflichtung.“ Für ihn sei Thunberg eines von vielen Beispielen dafür, warum seine Zukunftshoffnungen auf der Jugend lägen, so Obama. Er treffe rund um die Welt „unglaublich motivierte und talentierte junge Menschen, die bereit sind loszulegen“, nur würden sie von der Gesellschaft noch zu oft ausgebremst.

Die Macher der erst vor fünf Jahren gegründeten Bits&Pretzels hatten nichts unversucht gelassen, den ehemaligen US-Präsidenten nach Deutschland zu holen. Unzählige Mails an sein Büro, Kontaktaufnahmen zu Leuten in seinem Umfeld und sogar ein eigens produziertes Einladungsvideo gehörten dazu. Schließlich sehen sich die Bits&Pretzels-Veranstalter als Verbündete des ehemaligen US-Präsidenten. Obama widmet sich seit dem Ende seiner Amtszeit der Aufgabe, junge Leute darin zu unterstützen, die Gesellschaft mit ihren Ideen zu verändern. Die Bits&Pretzels-Macher bringen Investoren, erfolgreiche Unternehmer, Politiker und Gründer zusammen, mit dem Ziel eines innovativeren Europas. Sie starteten am Sonntag die Initiative „Founders for Future“ und riefen dazu auf, dass sich die Gründer den 17 Entwicklungszielen der Vereinten Nationen verschreiben sollen.

Barack Obama mit einem Plädoyer für kollektives Handeln

Im Gespräch mit Moderatorin Britta Weddeling hielt Obama auch ein Plädoyer für kollektives Handeln und einen handlungsfähigen Staat. „Es gibt Leute im Silicon Valley, die sehr erfolgreich sind, und die sehr reserviert sind bei dem Gedanken, Steuern zahlen zu müssen“, so Obama. Er frage sich, was diese Leute glaubten, wo neue Ideen entstehen sollten, wenn Schulen und Universitäten unterfinanziert seien. Auch könnten neue Branchen, wie etwa die Erneuerbaren, nur entstehen, wenn der Staat dies durch Grundlagenforschung, Regulierung und auch Subventionierung ermögliche. Zudem seien Unternehmen auf Patentschutz, Vertragsgarantie und eine effektive Wettbewerbskontrolle angewiesen.

Er griff namentlich die Libertären an – zu deren prominentesten Vertretern der in Frankfurt geborene Silicon-Valley-Investor Peter Thiel (Facebook, Paypal) gehört –, die für eine teilweise bis vollständige Abschaffung des Staates sind. „Wenn Sie wissen wollen, wie es sich anfühlt, libertär zu sein, gehen Sie in einen gescheiterten Staat wie Liberia oder Somalia – und sie werden sehen, dass das nicht so gut funktioniert.“

Die Tech-Konzerne hält Obama inzwischen für zu mächtig. Für Start-ups sei es deshalb schwierig geworden, sich am Markt zu etablieren. Die Tech-Riesen seien gut beraten, von sich aus den Dialog mit der Politik zu suchen, wie man den Markt fairer gestalten könne. „Was ich die Tech-Leader ermahne nicht zu tun, ist Regulierung als Gegner zu sehen.“ Der Aufstieg der Wissens- und Technikindustrie habe zudem dazu beigetragen, dass die Erträge des Wirtschaftens immer ungleicher verteilt würden. „Dieses System ist nicht nachhaltig.“ Es brauche stärkere Bemühungen, die Digitalisierung und Globalisierung gerechter zu gestalten. Wenn der Online-Handel dazu führe, dass in den USA die Einnahmen der Kommunen zurückgingen, um gemeinschaftliche Aufgaben zu finanzieren, dann müssten neue Finanzierungsmodelle gefunden werden.

Barack Obama plädiert für Diversität

Schnelle Veränderung führe zu Angst, sozialer Abstieg zu Wut. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten hätten das lange nicht ernst genug genommen. „Ich nenne das die Davos-, Brüssel-, Washington-Arroganz“, sagte der Ex-Präsident unter anderem mit Blick auf das jährliche Treffen des Weltwirtschaftsforums im Schweizer Kurort Davos. Es gebe derzeit einen Backlash, also Gegenreaktionen auf Globalisierung und wirtschaftliche Umbrüche. Es sei allerdings keine Lösung, wieder Mensch gegen Mensch, Gruppe gegen Gruppe, Nationen gegen Nationen auszuspielen. „Wenn wir zurückkehren zum Stammesdenken, wird das Ergebnis Krieg und Konflikt sein.“

Gesellschaften, Unternehmen und Organisationen entwickelten dann Kraft, wenn Menschen unterschiedlichster Kulturen, Erfahrungen und Wissens zusammenarbeiteten. „Diversität macht man nicht, um politisch korrekt zu sein, sondern weil alle Menschen ihre blinden Flecken haben.“ Wer bestimmtes Wissen nicht habe, bestimmte Erfahrungen nicht gemacht habe, lasse immer wichtige Aspekte eines Problems außer acht. Gemischte Teams erzielen deshalb – wie auch Studien zeigen – bessere Ergebnisse.

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Diversität müsse aktiv ermöglicht werden. In seinem zweiten Jahr als Präsident habe er festgestellt, dass es im Weißen Haus zwar viel mehr Frauen gebe als zuvor, dass in den Meetings aber meistens nur die Männer geredet hätten. „Männer denken irgendwie, sie wüssten, wovon sie reden, selbst wenn sie es nicht tun.“ Die Frauen hätten sie höflich reden lassen, selbst wenn sie die eigentlichen Expertinnen gewesen seien. Er habe das auf ganz einfache Weise beendet. „Ich sagte den Männern, dass sie ruhig sein sollten.“ Und Obama hielt einen praktischen Tipp bereit: „Nutzen Sie ihre Ohren, nicht nur ihren Mund, Sie könnten was lernen.“

Für die Zukunft zeigte er sich optimistisch. Einerseits gezwungenermaßen: „Wenn dein Name Barack Hussein Obama ist, und du bist im Weißen Haus, dann musst du optimistisch sein.“ Andererseits lebten die Menschen – trotz aller Probleme – in der besten Phase der Menschheitsgeschichte: mit viel Wohlstand und wenig Gewalt. Er appellierte an die Jugend, die gegenwärtigen Probleme zu lösen. „Wir haben Fortschritt gemacht und jede Generation muss auf diesen Fortschritt aufbauen.“

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