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Bankerin mit ganzem Herzen

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Von: Nina Luttmer

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Eine, die gut zuhören kann und gerne viele Fragen stellt: Ingrid Hengster.
Eine, die gut zuhören kann und gerne viele Fragen stellt: Ingrid Hengster. © dpa

Ingrid Hengster, Vorständin der KfW, unterstützt mit viel Leidenschaft energieeffizientes Bauen und die Gründung von Unternehmen.

Ingrid Hengster hat sich zwei Gaben bewahrt, die viele Menschen in Führungspositionen verlieren: Die Vorständin der deutschen Förderbank KfW fragt gerne nach und sie hört gerne zu. Journalisten etwa löchert sie gerne zum Zustand der Medienbranche: „Wie entwickelt sich die Auflage Ihrer Zeitung? Wie ist die Stimmung in der Redaktion? Wie sieht die Zukunft der Medien aus?“ Da kann auch ein Pressevertreter, der eigentlich mehr fragen als reden sollte, mal ins erzählen kommen.

Gut möglich natürlich, dass Hengsters Interesse an der Welt des Journalismus besonders groß ist. „Medien haben mich immer sehr interessiert“, sagt die 55-Jährige über sich. Die Publizistin Marion Gräfin Dönhoff bezeichnet sie als eines ihrer großen Vorbilder, sie mag außerdem Bücher des österreichischen Star-Journalisten Hugo Portisch. „Aber auch wenn ich mal mit der Branche geliebäugelt habe: Ein Journalistik-Studium war mir zu unspezifisch“, erzählt sie. Doch Hengster nimmt man durchaus ab, dass sie sich grundsätzlich für ihr Gegenüber interessiert und es manchmal lieber interviewen würde, als selbst befragt zu werden.

Für Chefposten gehandelt

Um regelmäßige Interviews kommt Hengster aber nicht mehr herum. Denn das mediale Interesse an ihrer Person ist in den vergangenen zwei Jahren deutlich gewachsen. Seit April 2014 führt sie den wichtigsten Geschäftsbereich der staatlichen KfW in Frankfurt: Das inländische Fördergeschäft mit knapp 1000 Mitarbeitern. Dazu zählt etwa die Kreditvergabe für energieeffizientes Bauen und Sanieren an private und gewerbliche Häuslebauer, die Finanzierung der Energiewende, die Förderung von Gründern oder die finanzielle Unterstützung von Kommunen, zuletzt etwa bei dem Bau von Flüchtlingsunterkünften und beim sozialen Wohnungsbau. Und die KfW ist nicht irgendeine unbedeutende Bank: Nach Bilanzsumme ist sie inzwischen die Nummer drei der Branche, nach der Deutschen Bank und der Commerzbank.

Hinzu kommt: Hengster ist sozusagen eine Rarität. Denn Frauen sind in den Führungsetagen deutscher Kreditinstitute immer noch eine Ausnahme. Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung waren Ende 2015 in den 100 größten Banken und Sparkassen Deutschlands von insgesamt 394 Vorstandsmitgliedern nur 28 weiblich. Und da es sich zumindest offiziell alle Banken auf die Fahnen geschrieben haben, mehr Frauen in das Top-Management zu holen und der Kreis der prominenten Kandidatinnen nach wie vor klein ist, wird Hengster öffentlich quasi für jeden freien Führungsjob gehandelt. Zuletzt etwa für die Nachfolge von Commerzbank-Chef Martin Blessing. Und auch als mögliche Nachfolgerin von KfW-Chef Ulrich Schröder, wenn er irgendwann sein Amt aufgibt.

Fragen danach wischt Hengster, die sonst stets freundlich auftritt und viel lächelt, ein wenig unwirsch vom Tisch. Ob es sie nerve, dass sie immer wieder für diverse Chefposten gehandelt werde? Anfangs habe sie das schon sehr gestört, gibt sie unumwunden zu. „Aber inzwischen versuche ich es als Auszeichnung zu verstehen, dass man mich öffentlich in Betracht zieht.“ Braucht man als Frau besonderen Kampfgeist, um es so weit nach oben zu schaffen wie sie? „Das Wort Kampfgeist mag ich nicht, ich denke, der schreckt viele Frauen ab. Nennen wir es besser Sportsgeist. Man muss beharrlich sein“, sagt Hengster.

Ihr Berufsleben begann die studierte Juristin und gebürtige Linzerin – die zwar seit 1986 in Deutschland lebt, ihren österreichischen Akzent jedoch nie abgelegt hat – bei der staatlichen österreichischen Kontrollbank, die die Anleihen für die Republik Österreich begibt. Es folgten Jobs überwiegend in Frankfurt bei der Commerzbank, der UBS und der Credit Suisse First Boston, immer mit einem Schwerpunkt im Investmentbanking und im Firmenkundenbereich. Sie kümmerte sich beispielsweise um Unternehmensübernahmen oder beriet Firmen bei der Finanzierung von Projekten.

2005 dann ging es karrieremäßig steil aufwärts. Die Chefin des Investmentbankings der niederländischen ABN Amro Bank, Alexandra Cook, holte Hengster zu ihrem Institut – als Deutschland- und Österreichchefin in Frankfurt. „Zu sehen, dass es eine Frau mit vier Kindern so weit bringen kann, hat mir einen Kick gegeben“, sagt Hengster. Sie selbst hat mit ihrem Mann – der ebenfalls Österreicher und ebenfalls in der Finanzbranche tätig ist – ein zehnjähriges Kind. Dass sie Karriere und Nachwuchs so gut unter einen Hut kriegt, liege nicht nur an der fairen Aufgabenteilung mit ihrem Mann, sondern auch mit den Großeltern, sagt Hengster. In ihrem Zuhause im Frankfurter Stadtteil Bockenheim stehen ein Zimmer und ein Bad für diese bereit – die auch mal mehrere Wochen lang aus Österreich vorbeischauen, um auszuhelfen.

Als „schöne, aber herausfordernde Phase“ ihrer Karriere bezeichnet sie selbst ihre Zeit bei der Royal Bank of Scotland (RBS). Nachdem die RBS Teile der ABN Amro gekauft hatte, übernahm Hengster 2008 – mitten in der Finanzkrise – die Führung der Geschäfte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Etwa 500 Mitarbeiter gab es damals in Deutschland, momentan schrumpft die RBS Deutschland auf nur noch etwa 20 Angestellte. Schon Hengster musste viele Mitarbeiter entlassen und unangenehme Fragen von Kunden beantworten – schließlich musste die RBS vom britischen Staat vor dem Kollaps gerettet werden und viele Geschäfte einstellen. „Da habe ich erfahren, dass es eben auch mal nicht gut läuft; dass es nicht immer nur nach oben gehen kann“, sagt sie.

Ob sie in der Finanzkrise manchmal bedauert habe, Bankerin geworden zu sein? „Nein, ich würde immer wieder Bankerin werden. Es ist ein wahnsinnig spannender Beruf“, antwortet sie.

Irgendwann aber hatte sie genug davon, immer nur Investmentbanking zu machen. Da kam der Ruf der KfW gerade recht. „Die KfW ist eine Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie ist so breit aufgestellt. Und ich kann immer gleich die gesellschaftlichen Auswirkungen unseres Tuns sehen – etwa wenn wir Unternehmen beim Bau einer energieeffizienten Produktionsanlage unterstützen oder die Kommunen beim Aufbau von Flüchtlingsunterkünften“, schwärmt sie.

Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, wird schnell deutlich, dass ihre größte Leidenschaft nach wie vor dem Firmenkundengeschäft gilt. „Ich kann hier Unternehmertum und Innovation fördern, das macht mir riesigen Spaß“, sagt sie dann etwa. In ihren ersten beiden Jahren bei der KfW hat sie sich stark für junge Unternehmen engagiert: Die KfW unterstützt nach einer jahrelangen Pause wieder Fonds, die junge Firmen finanzieren und sie investiert auch direkt in Unternehmensgründungen. Unter ihrer Ägide wurde auch die Hilfe für das gewerbliche energieeffiziente Bauen neu aufgestellt: Auch Großunternehmen können nun von günstigen KfW-Krediten profitieren.

An Karneval als Conchita Wurst

An Projekten für die kommenden Jahre fehlt es Hengster ebenfalls nicht. So würde sie die Bundesregierung beispielsweise gerne noch stärker beim Ausbau der digitalen Infrastruktur unterstützen und Unternehmen auf ihrem Weg in die Industrie 4.0.

Wer sich im Bankenmarkt über Hengster umhorcht, merkt schnell, dass sie sich einen ziemlich tadellosen Ruf erarbeitet hat. Normalerweise wird in der Branche gerne hinter vorgehaltener Hand über die Top-Manager geätzt. Über Hengster dagegen mag kaum jemand etwas Schlechtes sagen.

In der KfW ist inzwischen auch bekannt, dass die Vorständin Humor hat. An ihrem Standort in Bonn feiert die Bank traditionell mit den Mitarbeitern den rheinischen Karneval – und jedes Jahr muss ein Vorstandsmitglied dann mit seinen Führungskräften einen Auftritt hinlegen. In diesem Jahr war Hengster mit ihrem Team an der Reihe. Die Vorständin trat dabei – zur großen Erheiterung der KfW-Mitarbeiter – verkleidet als Conchita Wurst, dem österreichischen Sänger und Travestiekünstler, auf die Bühne. Selbst verraten mag sie davon allerdings nichts. Auf die Frage, was ihr Team denn Karneval aufgeführt habe, sagt sie: „Das bleibt ein Geheimnis in der KfW“. Aber wie es bei Prominenten – auch bekannten Top-Managerinnen – nun einmal so ist, sobald sie sich vor größere Menschengruppen wagen: Geheim bleibt da nur selten etwas.

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