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Wohin mit dem Atommüll?

Atommüll

Bald Castoren auf dem Neckar?

An diesem Dienstag entscheidet das Berliner Verwaltungsgericht über die bevorstehenden Atommülltransporte von Obrigheim nach Neckarwestheim.

Von VON Joachim Wille

Riesige gelbe Gummi-Enten prägten die Anti-Castor-Premiere. Rund 100 Atomkraft-Gegner paddelten Ende Mai in Booten auf dem Neckar, um auf die bevorstehenden Atommüll-Transporte auf dem Rhein-Nebenfluss hinzuweisen. Sie protestierten nicht nur mit den klassischen Anti-AKW-Fahnen, sondern eben auch mit den Enten, die sie mit Piraten-Augenklappen versehen hatten – um auf das ihrer Meinung nach zwielichtige Vorhaben des baden-württembergischen Stromkonzerns EnBW hinzuweisen. Es ist eine umstrittene Premiere: Erstmals in Deutschland sollen nämlich Castoren, die mit hoch radioaktivem Material beladen sind, über einen Fluss transportiert werden – von einem AKW-Standort zum anderen. Und dann wollen die AKW-Gegner die Castor-Schiffe auf dem Wasser blockieren.

Nun könnte es bald ernst werden. Denn am heutigen Dienstag soll vor dem Berliner Verwaltungsgericht über einen Eilantrag der baden-württembergischen Stadt Neckarwestheim gegen Transporte entschieden werden, die vom Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE, Sitz Berlin) Mitte Mai genehmigt wurden. EnBW hätte die erste von voraussichtlich fünf Fuhren zwar schon starten können, da die Genehmigung mit einen „Sofortvollzug“ ausgestattet ist. Doch der Konzern wollte wohl vorab keine Fakten schaffen. Öffentlich angekündigt werden die Transporte nicht.

Die Castor-Fuhren, mit denen Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague per Schiene und Straße nach Deutschland gebracht wurden, sind derzeit gestoppt. Erst 2019 steht der nächste dieser Transporte an. Bei der EnBW-Aktion geht es um etwas anderes. Der Konzern will 342 abgebrannte Brennelemente aus dem bereits seit 2005 stillgelegten AKW Obrigheim in das Zwischenlager bringen, das am noch betriebenen AKW Neckarwestheim steht. Dort ist auch noch genügend Platz, um die insgesamt 15 Castor-Behälter unterzubringen, die der AKW-Betreiber mit dem stark strahlenden Atommaterial beladen und in fünf Fuhren herankarren will. Der Vorteil laut EnBW: Die Wege zur Beladung sind kurz, da beide AKW-Gelände direkt am Fluss liegen, und es müssen keine Straßen gesperrt und Züge umgeleitet werden, wie bei einem Transport an Land üblich.

„Unkalkulierbare Risiken“

Der Stromkonzern sieht keine Sicherheitsprobleme auf der rund 50 Kilometer langen Tour auf dem Fluss, bei der jeweils drei Castoren von einen Last- und zwei Schubschiffen aufgenommen werden. Die Strecke ist laut EnBW-Angaben vom zuständigen Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt zugelassen. Auch die Schleusen-Passagen sind angeblich kein Problem, obwohl der Schubverband 1,5 Meter länger ist als die normalerweise zugelassene Schiffslänge in den Neckar-Schleusen. Die Sicherheit vor dem Austritt von Radioaktivität werde „im Wesentlichen durch die verwendeten Castor-Behälter gewährleistet“, zudem sei ein Sinken des Transportverbandes „praktisch unmöglich“. Auch der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) hält den Transport für sinnvoll. Das Zwischenlager in Neckarwestheim sei deutlich sicherer als die bisherige Aufbewahrung der Brennelemente in einem Nasslager im AKW Obrigheim.

Die Castor-Gegner besänftigt das nicht. Das „Bündnis Neckar castorfrei“ wirft EnBW vor, vor allem die Millionen für den Bau eines robusten Lagers in Obrigheim sparen zu wollen und dafür unkalkulierbare Risiken in Kauf zu nehmen. Im Extremfall könne der Neckar verseucht werden.

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