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Bau einer Unterführung in Hamburg: Der Bahnverkehr leidet unter dem Investitionsstau.

Geschäftszahlen

Bahn-Chef setzt auf Ausbau und Wachstum

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Bei der Bahn steigen die Fahrgastzahlen - und der Gewinn sinkt. DB-Chef Lutz will in diesem Jahr 5,5 Milliarden Euro in Infrastruktur investieren. 

Das ist bezeichnend: „Wir sind auf dem Weg zu einer besseren Bahn für unsere Kunden angekommen“, sagte DB-Chef Richard Lutz am Donnerstag bei der Präsentation der Geschäftszahlen des Schienenkonzerns für das erste Halbjahr. Dass noch eine ziemlich lange Strecke zu bewältigen ist, zeigt sich an der für Fahrgäste wichtigsten Kennziffer: Die Pünktlichkeit der IC- und ICE-Züge ist in den sechs Monaten im Vergleich zum Vorjahr noch einmal zurückgegangen auf 77,2 Prozent. Im Juni kamen sogar noch nicht einmal sieben von zehn Zügen pünktlich an ihrem Ziel an – als Gründe werden Hitze und Unwetter angeführt.

„Der Trend zur Schiene ist derweil ungebrochen“, so die Deutsche Bahn (DB) in ihrer aktuellen Pressemitteilung. 71,8 Millionen Menschen waren von Anfang Januar bis Ende Juni in den Intercity- und Intercity-Express-Zügen unterwegs. Das Plus von 1,8 Prozent bedeutet einen Rekordwert und eine Steigerung im fünften Jahr in Folge. „Damit wird die DB voraussichtlich erstmals in einem Jahr über 150 Millionen Reisende im Fernverkehr erreichen“, teilt der Konzern mit.

Der steigende Zuspruch liegt aber offenbar nicht an der Qualität der Beförderung, sondern vor allem an einer wachsenden Mobilität der Menschen. Und wer sich auf dem Weg zur Arbeit oder in der Freizeit mittels Eisenbahn bewegen will, der ist auf den Staatskonzern angewiesen. Der Marktanteil liegt im Fernverkehr bei 99 Prozent – lediglich einige grasgrüne Flixtrain-Züge sorgen für einen Hauch von Konkurrenz.

Mehr Fahrgäste bedeuten auch mehr Einnahmen. Der Umsatz ging um gut zwei Prozent auf rund 22 Milliarden Euro nach oben. Der Gewinn hingegen brach ein. Nur 205 Millionen Euro wurden unter dem Strich verdient. In der gleichen Zeit des Vorjahres waren es noch 562 Millionen gewesen.

Hierfür hat Lutz allerdings eine Erklärung: Maßnahmen zur Verbesserung von Qualität und Leistungsfähigkeit hätten zu dem Rückgang geführt. Man setze voll auf Ausbau und Wachstum. In der Vergangenheit ist einiges versäumt worden. So fehlt es massiv an Personal. Deshalb will Lutz 100 000 neue Mitarbeiter „in den nächsten Jahren“ einstellen, was gar nicht so einfach ist, denn es ist schwer, qualifizierte Leute zu finden.

Aber auch der Ausbau und die Instandsetzung von Schienensträngen, Brücken, Stellwerken und Bahnhöfen wurde forciert. Die Netto-Investitionen stiegen im ersten Halbjahr auf 2,35 Milliarden Euro. Das sind 425 Millionen mehr als im Vorjahr. Fürs Gesamtjahr sind 5,5 Milliarden eingeplant. Das wäre der höchste Wert in der Geschichte der Deutschen Bahn.

Das ist auch nötig in Anbetracht einer Politik, die vor noch gar nicht so langer Zeit auf Abbau setzte – etwa bei Überhol- und Ausweichstrecken, was ein wesentlicher Faktor für die Pünktlichkeit ist. Lutz macht den Fahrgästen indes nicht unbedingt große Hoffnung, dass sich die Dinge bald zum Besseren wenden: „Der massive Ausbau des deutschen Bahnsystems ist allerdings nicht kurzfristig zu bewältigen und erfordert in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gewaltige Investitionen.“

Auf einen langfristigen Rahmen dafür haben sich Bahn-Management und die Bundesregierung nun geeinigt: „Wir haben in den Kernpunkten Übereinkünfte erzielt und befinden und jetzt in der Phase der Finalisierung eines Vertragstextes“, sagte DB-Vorstand Ronald Pofalla über das Abkommen für Infrastruktur-Investitionen in den kommenden zehn Jahren. Der Text soll bis Ende August vorliegen.

Konkrete Zahlen nannte Pofalla nicht. Der Bahn zufolge aber beläuft sich die Gesamtsumme auf deutlich mehr als 60 Milliarden Euro. In dieser Höhe hatte die Eisenbahnergewerkschaft (EVG) den Investitionsrückstau aus ihrer Sicht beziffert. „Bleibt es beim jetzigen Verhandlungsstand, wird es die dringend notwendige Verjüngung der Infrastruktur nicht geben“, teilte EVG-Chef Alexander Kirchner mit.

Wie schnell es bei der Bahn vorangeht, ist vor allem eine politische Frage. Die Deutsche Bahn gehört zu 100 Prozent dem Staat und ist der wichtigste Faktor, um die bislang weit verfehlten Klimaziele im Verkehrssektor doch noch erreichen zu können. Dass die Potenziale bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind, ist unbestritten. Deshalb gibt es von vielen Seiten die Forderung, Bahntickets von der Mehrwertsteuer zu entlasten. Für Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, ist das auch unverzüglich umsetzbar. „Wer es ernst meint mit dem Klimaschutz, muss die Mehrwertsteuer im Fernverkehr von 19 auf sieben Prozent senken“, so Flege. Derzeit zahlen Bahnreisende nur im Nahverkehr den ermäßigten Satz von sieben Prozent. Bei Fahrten ab 50 Kilometern werden die 19 Prozent fällig.

Indes machen auch Wettbewerbs-experten der Monopolkommission, die die Regierung beraten, auf eklatante Defizite aufmerksam: „Qualitätsprobleme“ und „Pünktlichkeitsdefizite“ würden sich wegen eines schlechten Zustands der Infrastruktur und einer steigenden Anzahl von Baustellen noch verschärfen, heißt es in einem gerade vorgelegten Gutachten. Das politische Ziel mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen, rücke in weite Ferne.

Die Kommission schlägt deshalb vor, dass die für die Schienenstränge zuständige Sparte DB Netz künftig für Verspätungen haften muss, also Schadenersatz an die Verkehrsunternehmen zahlt – wobei der allergrößte Teil des Geldes im Konzern bliebe. Zugleich soll aber auch schärfer kontrolliert werden, ob das Steuergeld zur Verbesserung der Infrastruktur auch effizient eingesetzt wird. Zudem sind nach Einschätzung der Kommission die Trassenpreise – das ist eine Art Schienenmaut für Verkehrsbetriebe – deutlich zu hoch. Dies verhindere mehr Wettbewerb unter den Anbietern. Und generell sei es nötig, die Netzsparte vom Transportunternehmen zu trennen. Das würde die Zerschlagung des sogenannten integrierten Konzerns bedeuten, was die Deutsche Bahn vehement ablehnt und dafür Rückendeckung von der Regierung erhält.

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