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Das machte Spaß: Verkehrsminister Scheuer (CSU, l.) und Bahnchef Lutz im November vor einer Sonderfahrt im neuen ICE 4.

Deutsche Bahn

Bahn-Chef zum Rapport

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Unpünktliche Züge, schlechtes Netz, Probleme im Güterverkehr: Am Dienstag muss die DB-Führung dem Verkehrsminister erklären, wie sie die Probleme lösen will.

Endlich pünktlich, endlich genug Personal. Das ist das Ziel. Bahn-Chef Richard Lutz plant einen großen Umbau des Konzerns, um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. Doch es gilt hohe Hürden zu nehmen. Am Dienstag muss er zum Rapport zu Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Probleme bereiten dem Unternehmen nicht nur die vielen Verspätungen, sondern auch das kriselnde Gütergeschäft. Andererseits erzielt das Staatsunternehmen seit Jahren Rekorde bei den Fahrgastzahlen.

Wenn Lutz am Dienstag ins Verkehrsministerium unweit des Berliner Hauptbahnhofs kommt, hat er das Strategiepapier „Agenda für eine bessere Bahn“ in seiner Tasche. Im Bahnvorstand haben sie eine schonungslose Analyse ihres Unternehmens vorgenommen – und einen Plan entwickelt, um die größten Missstände zu beseitigen. Dazu gehört auch der Verkauf einer großen Auslandstochter, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet.

Im Vergleich zu 1994, dem Jahr der letzten großen Reform, hat die Bahn viele Kunden dazugewonnen: Die Passagiere legten 2018 mehr als 1,3 Milliarden Kilometer zurück – 40 Prozent mehr als 1994. Allerdings tun sie das auf einem notdürftig in Stand gehaltenen Schienennetz, das auch noch um 16 Prozent geschrumpft ist. Es fehlt an Zügen. Und es fehlt an Personal. Über Jahre plante die Bahn nicht nach Bedarf, sondern nach dem angepeilten Gewinn. Dazu kommen „zu viele Unternehmenseinheiten mit Silodenken und einem zu großen Wasserkopf“, wie Aufsichtsratsvize Alexander Kirchner sagte. „Das System ist an seinen Grenzen angekommen. In seiner heutigen Form ist das Unternehmen nicht überlebensfähig.“ Kirchner, der auch Chef der größten Eisenbahngewerkschaft EVG ist, mahnte, die Fehlentwicklungen müssten angepackt werden. „Nur Vorstände auszutauschen, reicht nicht.“

Der Gewerkschafter fordert eine ehrliche Analyse der Gesamtsituation: „Es muss klar werden, was in den zurückliegenden 25 Jahren seit der Bahnreform falsch gelaufen ist.“ Alle müssten bereit sein, Fehler einzugestehen. Nur so gelinge die Trendwende.

Aber woher soll das Geld kommen, um in neue Strukturen zu investieren? Bereits im Jahr 2014 hatte die Regierung der Bahn eine einmalige Finanzspritze von 2,4 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, um die Probleme zu lösen. Laut Kirchner reicht das bei weitem nicht: „Wir brauchen mehr Geld vom Bund, damit die Schiene ihren Beitrag zu einer ökologischen Verkehrswende leisten kann.“ Die bisher im Bundeshaushalt bewilligten Summen reichten nicht einmal, um die vorhandene Infrastruktur zu erhalten, so der EVG-Chef. Der Investitionsstau betrage rund 50 Milliarden Euro. Um eine Trendwende zu erreichen, müssten im Bundeshaushalt jedes Jahr mindestens 2,5 Milliarden Euro zusätzlich bereitgestellt werden. Die Passagierzahlen bis 2030 verdoppeln zu wollen, sei ein hehres Ziel. Es reiche aber nicht, das im Koalitionsvertrag festzuschreiben: „Es muss auch Geld da sein, all das zu bezahlen, was an Voraussetzungen notwendig ist.“

Auch die Bahn selbst will nun offenbar für einen dicken Batzen Geld sorgen: Der Verkauf der Bahn-Tochter „Arriva“, in der das Geschäft mit Bussen und Nahverkehrszügen im Ausland gebündelt ist, könnte bis zu vier Milliarden Euro in die Kasse spülen. Doch der Plan von Lutz, dessen Eltern bereits für das Unternehmen arbeiteten, ist nicht ohne Risiko. Denn „Arriva“ ist eine der wenigen Töchter, die Gewinn erwirtschaften. Und womöglich noch schlimmer für die Bahn: Sollte beispielsweise die französische Staatsbahn SNCF den Zuschlag für das Unternehmen erhalten, könnte sie auch auf dem deutschen Markt aktiver und damit zur Konkurrenz werden.

Spekuliert wird auch immer wieder über den Verkauf der international tätigen Logistiktochter DB Schenker. Rund ein Drittel der 330.000 DB-Mitarbeiter ist inzwischen im Ausland tätig.

Im Berliner Verkehrsministerium wartet man gespannt auf die Umbau-Pläne des Bahnvorstands. Bis Sommer hat Minister Scheuer dem Bahnchef und seinen Vorstandskollegen intern noch eine Schonfrist zugestanden. Bis dahin, so heißt es an der Invalidenstraße 44, müsse die Bahn bessere Zahlen liefern. Es gehe vor allem um Pünktlichkeit und darum, dass ICE-Züge zu häufig in Wartungshallen seien. „Es muss sich also insgesamt für die Kunden spürbar etwas verbessern, und zwar zügig“, Sonst werde es personelle Konsequenzen geben.

Bahn-Chef Lutz zeigte sich zuversichtlich, „dass wir im ersten Halbjahr dieses Jahres Schritt für Schritt besser werden“. Mit dem Aufsichtsrat sei für 2019 ein Pünktlichkeitsziel im Fernverkehr von 76,5 Prozent vereinbart worden, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Dies wäre allerdings nur eine leichte Verbesserung. Im vergangenen Jahr war jeder vierte Fernzug verspätet. Im Jahresdurchschnitt erreichten nur 74,9 Prozent der ICE, Intercitys und Eurocitys ihre Ziele pünktlich.

Nach Informationen der „Bild am Sonntag“ soll Infrastruktur-Vorstand Ronald Pofalla als konzernübergreifender Krisenmanager bis zum Sommer die Probleme bei der Bahn in den Griff bekommen. Darauf hätten sich Lutz und der ehemalige Kanzleramtschef Pofalla geeinigt.

Auch SPD-Fraktions-Vize Sören Bartol verlangt von der Bahn mehr Service und größere Pünktlichkeit. Diese Voraussetzungen müssten erfüllt sein: „Dann ist die SPD bereit, der Deutschen Bahn mehr Mittel für den Erhalt und die Digitalisierung der Schienenwege zur Verfügung zu stellen“, so Bartol.

Die Umbaupläne sind also womöglich die letzte Chance für Lutz. Doch Kirchner glaubt nicht an eine rasche Wende zum Guten: „Der Zustand der Bahn ist katastrophal. Das Problem lässt sich nicht schnell lösen.“

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