Tarifkonflikt

Die Bahn braucht mehr Zeit

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Mit ihren Verhandlungen gehen Eisenbahnergewerkschaft und Deutsche Bahn am Sonntag in die Verlängerung. Die Streikgefahr ist noch nicht gebannt.

Vor zwei Jahren waren Streiks bei der Bahn ein Dauerthema. Monatelang traten die Verhandlungen zwischen Bahn AG, der Eisenbahnergewerkschaft EVG und der Lokführergewerkschaft GDL auf der Stelle. Strittig war seinerzeit vor allem die Frage, ob beide Gewerkschaften Tarifverträge für gleiche Berufsgruppen abzuschließen befugt seien und wie es gelingen könnte, zu gleichartigen Abschlüssen zu gelangen. Dieser Konflikt ist seit dem Sommer 2015 gelöst – was nicht bedeutet, dass in diesem Jahr Warnstreiks vor Weihnachten ausgeschlossen wären.

In der Nacht zum Freitag nämlich haben EVG und Bahn in einer vierten Verhandlungsrunde am Ende fast 16 Stunden lang zusammengesessen, um sich auf einen neuen Lohntarifvertrag zu einigen, ohne dass es zum Abschluss gekommen wäre. Sollte auch die für Sonntag angesetzte Verlängerungsrunde ohne Ergebnis bleiben, sind Warnstreiks im weihnachtlichen Reiseverkehr wahrscheinlich. Ob es so kommt?

Einerseits stehen die Chancen, dass sich die Verhandlungsdelegationen mit Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber und EVG-Chef Alexander Kirchner in der Nacht zum Montag auf ein Tarifpaket verständigen, gar nicht schlecht. Man hat bereits einige Punkte abgeräumt und sich etwa darauf verständigt, älteren Beschäftigten künftig zwei zusätzliche Urlaubstage im Rahmen einer medizinisch begleiteten „Gesundheitswoche“ zuzubilligen. Bisher hatte es nur einen Tag Urlaub dafür gegeben. Eine Einigung wurde auch für vom Unternehmen finanzierte Weiterbildungsangebote erzielt, die mit der Digitalisierung der Arbeit einhergehende Veränderungen begleiten sollen.

Andererseits sind noch zentrale viele Punkte offen. Mit ihrer Hauptforderung, die ein Volumen von insgesamt plus sieben Prozent umfasst, betritt die EVG nämlich Neuland, dessen Erkundung Bahnvorstand Weber bisher nur zögerlich in Angriff nimmt: Die Gewerkschaft möchte es den Beschäftigten überlassen, ob sie einen Teil, der Lohnsteigerung lieber in Euro und Cent ausgezahlt bekommen oder ihre Wochenarbeitszeit reduzieren oder lieber mehr Urlaub in Anspruch nehmen möchten. Das hierfür geforderte Volumen entspricht einem Lohnplus von 2,5 Prozent. In Urlaub umgerechnet wären das sechs Tage zusätzlich, in „Arbeitszeitwährung“ eine Stunde weniger pro Woche.

Unter dem Strich fordert die EVG 4,5 Prozent mehr Lohn für alle, plus 2,5 Prozent in Form von Urlaub, Wochenarbeitszeit oder zusätzlichem Lohn. Die Bahn hat sich grundsätzlich dieser Forderung zwar nicht verschlossen, will die pauschale Umrechnung des 2,5-Prozent-Plus in Urlaubstage und Arbeitszeiten aber nicht akzeptieren, sondern differenziert nach Einkommen staffeln. Außerdem, das ist keine Überraschung, hält das Unternehmen die Gesamtforderung von sieben Prozent für deutlich überzogen. Bisher liegt das Angebot der Bahn bei 2,5 Prozent für die Wahlmöglichkeit Lohn-Urlaub-Arbeitszeit und zusätzlich 1,5 Prozent für alle bei einer Laufzeit bis Ende 2018.

Eine derart lange Geltungsdauer ist die EVG zwar zu akzeptieren bereit, schon weil die Wahlmöglichkeit mit zusätzlichem Urlaub erst vom 1. Januar 2018 an greifen soll, um Beschäftigten und Unternehmen ausreichend Planungsvorlauf einzuräumen. Allerdings hält die EVG das von der Bahn angebotene Gesamtplus von vier Prozent angesichts der Laufzeit für nicht angemessen.

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