1. Startseite
  2. Wirtschaft

Azubis im Stress

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Sauer

Kommentare

Lehrling in einer Großkantine.
Lehrling in einer Großkantine. © imago/Olaf Döring

Die Zufriedenheit mit Berufsausbildungen nimmt weiter ab. Was sind die Gründe für den Frust der Azubis?

Mit der Mischung aus praktischem Lernen im Betrieb und schulischer Unterweisung gilt die Berufsausbildung in Deutschland als vorbildlich. Die Nachfrage der Betriebe nach Fachkräften ist hoch, die nach Auszubildenden ebenfalls: Im vergangenen Jahr konnten bundesweit 41 000 Lehrstellen nicht besetzt werden. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt mit 7,2 Prozent niedriger als in allen anderen EU-Staaten – mit Ausnahme Maltas. Dem aktuellen Ausbildungsreport des DGB zufolge sind fast drei Viertel der Befragten mit ihrer Lehre zufrieden. Das ist die Sonnenseite.

Auf der Schattenseite des deutschen Berufsausbildungswesens befinden sich 270 000 Jugendliche und junge Erwachsene, die in allerlei Übergangsmaßnahmen zwischen Schule und Ausbildung feststecken. Insgesamt 282 000 junge Leute, die bei der Bundesagentur für Arbeit Interesse an einer Lehrstelle angemeldet hatten, gingen 2015 leer aus.

Kritik am Unterricht

Doch das ist nicht die einzige Bruchstelle des hiesigen Ausbildungsmarkts. Auch unter den Azubis selbst scheint sich eine Zweiklassengesellschaft zu etablieren: Mit insgesamt zufriedenen Nachwuchskräften auf der einen und frustrierten, stark belasteten Lehrlingen auf der anderen Seite.

Dieses Auseinanderdriften dokumentieren die Ergebnisse des DGB-Ausbildungsreports 2016, für den bundesweit 13 600 Lehrlinge in den 25 häufigsten Ausbildungsberufen befragt wurden. Einesteils sind die Anteile der Azubis, die unter schlechten Arbeitsbedingungen leiden, in den vergangenen sieben Jahren deutlich zurückgegangen: Hatten 2009 noch 42,2 Prozent über regelmäßige Überstunden geklagt, waren es 2016 nur mehr 34,8 Prozent. Ausbildungsfremde Tätigkeiten wurden 2009 von 13,4 Prozent angegeben, 2016 von 10,6 Prozent. Noch stärker ging der Anteil minderjähriger Azubis zurück, die länger als 40 Stunden pro Woche zur Arbeit angehalten wurden: von 17,4 auf 11,2 Prozent.

Andernteils nahm die Zufriedenheit mit der Ausbildung insgesamt ab: Vor sieben Jahren hatten sich noch drei Viertel als zufrieden oder sehr zufrieden geäußert, in diesem Frühjahr waren es 71,7 Prozent. Auch die fachliche Qualität des Berufsschulunterrichts wird mittlerweile deutlich schlechter bewertet: Nur noch 56,7 Prozent stellen der Berufsschule gute Noten aus, 2009 waren es 66,5 Prozent gewesen.

Tatsächlich passen allgemein sinkende Belastung und statistisch wachsender Verdruss durchaus zusammen und dokumentieren lediglich extreme Gegenpole. So schlägt die hohe Unzufriedenheit in einzelnen Bereichen im Durchschnittswert stark durch, während sich die Ausbildungssituation für die meisten Azubis eher verbessert hat. „Belastung und Stress konzentrieren sich ganz besonders auf einige Branchen“, erläutert Oliver Dick vom Institut für sozialpädagogische Forschung in Mainz, das die Datenanalyse für den DGB-Ausbildungsreport übernommen hat.

Hohe Abbrecherquoten

Zu den Ausbildungsberufen, die von den Befragten in der Bewertung der Arbeitszeiten, der Ausbildungsvergütung und der fachlichen Qualifikation der Ausbilder die besten Noten erhielten, zählen etwa Mechatroniker, Industriemechaniker und Bankkaufleute. In solchen Berufsfeldern finden sich vergleichsweise wenige Auszubildende, die sich (zu) stark belastet fühlen. Von Konzentrationsschwierigkeiten und hoher Krankheitsanfälligkeit berichten gut 13 Prozent der Befragten, ein ebenso großer Anteil hat schon mal an den Abbruch der Ausbildung gedacht.

Weitaus höhere Zahlen ergeben sich in Ausbildungsberufen, die in Punkto Arbeitszeiten, Vergütung und Ausbildungsqualität die schlechtesten Noten erhalten, darunter Köche, Maler und Lackierer, zahnmedizinische Fachkräfte, Hotelkaufleute und Fachverkäufer im Einzelhandel. In diesen Bereichen gaben 31 Prozent der Lehrlinge Konzentrationsschwächen, 34,4 Prozent häufige Erschöpfungszustände und 36,5 Prozent wiederkehrende Gedanken an den Abbruch der Ausbildung an.

Wie sehr die Belastungen letztlich auch den Betrieben schaden, zeigt die extrem hohe Abbrecher-Quote in manchen Berufen: Rund die Hälfte der Koch- und Restaurantfachkraft-Azubis schmeißt laut Berufsbildungsbericht der Bundesregierung vorzeitig hin. Zugleich zählt die Gastronomie zu jenen Branchen, in denen immer mehr Lehrstellen unbesetzt bleiben.

Auch interessant

Kommentare