SUV-Gucken mit Kanzlerin: Autolobbyst Bernhard Mattes (links) und der neue BMW-Chef Oliver Zipse. Uwe Anspach/dpa

Frankfurt

Automesse IAA wird zum PR-Flop

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Verbandspräsident Mattes tritt zurück. Merkel mahnt Kraftakt an. Proteste zur Eröffnung.

Bilder mit der Kanzlerin, strahlende Autobosse und die volle Aufmerksamkeit für die Innovationen aus der Fahrzeugbranche: Das war einmal. Die Eröffnung der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt geriet am Donnerstag für die Autohersteller zum Desaster. Sie wurde nicht nur von der scharfen Kritik der Klimaschützer an spritfressenden Fahrzeugen überlagert, sondern auch von einem Streit mit dem Frankfurter Bürgermeister Peter Feldmann (SPD), Spekulationen über die Zukunft der Messe und schließlich auch noch dem angekündigten Rücktritt des wichtigsten deutschen Autolobbyisten, Bernhard Mattes. Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) verabschiedet sich zum Jahresende nach nicht einmal zweijähriger Amtszeit.

Mattes werde sich neuen Aufgaben zuwenden, teilte der VDA knapp mit. Zu den Gründen für den Rücktritt wurde zunächst nichts bekannt. Der frühere Ford-Manager ist erst seit März 2018 VDA-Präsident, seine Amtszeit lief eigentlich bis Ende 2020. Der Verband gilt als einer der einflussreichsten Lobbyverbände in Deutschland, die Autobranche mit mehr als 800 000 direkt Beschäftigten als Schlüsselindustrie.

Eklat um Eröffnung

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), der anders als bisher nicht sprechen durfte, bekräftigte am Donnerstag, der Verband der Automobilindustrie (VDA) habe ihn von der Rednerliste gestrichen. Das habe wohl an seiner Rede von vor zwei Jahren gelegen, als er ebenfalls autokritische Töne angeschlagen habe, sagte Feldmann dem HR. Er veröffentlichte seinen Text online.

Der VDA behauptete dagegen, der Oberbürgermeister sei als Redner nie eingeladen gewesen. Es sei „völliger Unsinn“, dass Feldmann wegen kritischer Aussagen nicht habe reden dürfen, so ein Sprecher.

Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch solidarisierte sich mit seinem Frankfurter Amtskollegen. Er sagte seine Teilnahme an einem „Bürgerdialog“ auf der IAA ab: Er wolle „nicht das grüne Feigenblatt“ sein. Die Entscheidung, Feldmann nicht reden zu lassen, sei ein „Affront“ gegenüber allen Städten, die wegen der Versäumnisse der Automobilindustrie unter Umwelt- und Verkehrsproblemen sowie Diesel-Fahrverboten zu leiden hätten.

Zuletzt hatte der „Spiegel“ über Kritik an Mattes berichtet. Es gebe „Defizite in der politischen Unterstützung“ für die Industrie, hatte das Magazin unter Berufung auf einen hochrangigen Automanager berichtet. Der VDA verkaufe sich unter Wert. Kritiker hielten Mattes vor, er sei nicht eng genug mit den Entscheidungsträgern in Berlin und Brüssel vernetzt. Gerade jetzt, wo die Politik die Klimaziele verschärfe, brauche die Autoindustrie eine stärkere Stimme.

Welchen Einfluss der miserable Start in die IAA, deren Veranstalter der VDA ist, für den Rücktritt von Mattes spielte, blieb am Donnerstag offen. Die Autobauer investieren jeweils Millionen in ihre Auftritte – natürlich verbunden mit der Hoffnung, dass sich diese positiv auf Image und Verkäufe auswirken. Der Branchenverband hat sich im aufgeheizten Umfeld rund um die IAA in den vergangenen Tagen jedoch schwergetan. Es gelang ihm nicht, zu verhindern, dass ausgerechnet zum Beginn der IAA bekannt wurde, dass die Messe in Teilen der Autobranche infrage gestellt wird. Der Rücktritt des Präsidenten lieferte die nächste Negativschlagzeile. Und auch die massiven Konflikte mit Umweltschützern sind letztlich darauf zurückzuführen, dass sich die Autoindustrie jahrzehntelang weigerte, die Herausforderungen des Klimawandels anzunehmen und nun keine adäquaten Antworten auf die Kritik besitzt.

Aktivisten von Greenpeace kletterten am Stand von Volkswagen am Donnerstag auf Autos und hielten Plakate mit der Aufschrift „Klimakiller“ hoch. „Trotz der unübersehbaren Auswirkungen der Klimakrise präsentieren Hersteller auf der IAA weiter mehrheitlich Autos, die Benzin oder Diesel verbrennen“, so Greenpeace.

Autolobbyist Mattes kündigte während der Eröffnungsfeier mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und noch bevor er seinen Rückritt bekannt machte, an, dass in der Branche „kein Stein auf dem anderen“ bleiben werde. Perspektivisch würden Autos gebaut, die weniger oder kein CO2 ausstießen. Die Herausforderung durch die Digitalisierung und den Wertewandel vom Besitzen hin zum Nutzen bezeichnete er als „Mammutaufgabe“. Er warb für eine „nachhaltige, individuelle Mobilität“, für „Innovation und Ingenieurskunst“ und eine „intelligente Förderkulisse“.

Kanzlerin Merkel mahnte an, dass die Autoindustrie sich verändern müsse, hielt sich in Ton und Wortwahl aber zurück. „Es bedarf zusätzlicher Anstrengungen, damit die deutsche Automobilindustrie weltweit wieder führend wird“, sagte sie. So solle die Branche sich in einem Konsortium an der Entwicklung von Batterien für E-Fahrzeugen beteiligen. Bislang stammten die Batterien vor allem von Herstellern aus dem Ausland. Auch die vorhandenen 20 000 Ladesäulen für Elektrofahrzeuge in Deutschland reichten noch lange nicht aus, sagte Merkel. Den Ausbau wolle sie gesetzgeberisch unterstützen. Bis Jahresende werde die Bundesregierung zudem eine Wasserstoffstrategie vorlegen. Die Bepreisung von CO2 bleibe der richtige Weg. „Wir müssen weniger CO2 emittieren.“

Grünen-Co-Chef Robert Habeck mahnte in einem Talk mit Daimler-Boss Ola Källenius ebenfalls Veränderung an. Deutschland sei hinter der Welle, sagt der Grünen-Politiker. Vier bis fünf Jahre zu spät. An der politischen Richtungsentscheidung habe es gemangelt. Jetzt müssten die Autobauer unter immensen Druck die Elektromobilität forcieren. Im Klartext: Die Untätigkeit der Bundesregierung macht der PS-Branche das Leben schwer.

In der Debatte über den Standort der IAA sprach sich der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) für einen Verbleib der Auto-Show in Frankfurt aus. „Wir wollen, dass sich diese Tradition fortsetzt.“ Die IAA soll sich seiner Meinung nach zur „Innovations- und Mobilitätsmesse“ wandeln. Die IAA hat am Donnerstag mit den Fachbesuchertagen begonnen. Am Wochenende ist die Messe fürs Publikum geöffnet. Für das Wochenende haben verschiedene Gruppen Proteste angekündigt, die schon an diesem Freitag beginnen sollen.

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