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Ein Lehrling der Berliner Bäder-Betriebe zeigt sein Können.

Fachkräftemangel

Ausbilder setzen auf Flüchtlinge

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Eine Umfrage zeigt: Immer mehr Unternehmen wollen mit Migranten ihren Fachkräftebedarf decken.

Junge Migranten werden für Unternehmen zunehmend wichtig, um offene Ausbildungsplätze zu besetzen. Die Zahl der Firmen, die Geflüchtete ausbilden, steigt kontinuierlich. Aktuell sind es 16 Prozent der Betriebe, vor zwei Jahren waren es nur sieben Prozent. Dies geht aus einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) hervor.

Die Experten rechnen hoch, dass es sich in Industrie, Handel, Gewerbe und Handwerk um insgesamt rund 44.000 junge Frauen und Männer handelt. Vielfach lernen und arbeiten sie in den Firmen, die besonders große Probleme haben, Azubis zu finden. Vor allem in der Gastronomie mit ihren kleinen und mittleren Betrieben sowie im Bau- und Verkehrsgewerbe hätten Arbeitgeber ihr Ausbildungsengagement „überproportional stark fortgesetzt“, sagte Achim Dercks, Vize-Geschäftsführer des DIHK.

Wobei die Autoren der aktuellen DIHK-Ausbildungsumfrage betonen, dass die Integration der Geflüchteten viel Geduld und Aufmerksamkeit beanspruche. Es handele sich um eine langjährige, anspruchsvolle Aufgabe, bei der die Unternehmen Hilfe benötigten. Es zeige sich zunehmend, dass es wenig sinnvoll sei, die Migranten „zu schnell in Ausbildung zu bringen“. So brauche es fundierte Deutschkenntnisse und unter anderem eine gute Wohn- und Betreuungssituation. Dass Personalabteilungen sich dennoch die Mühe machen, hat laut DIHK auch mit einer „gesellschaftlichen Verpflichtung“ zu tun. Hauptmotiv sei aber ein akuter oder drohender Mangel an Fachkräften in vielen Betrieben.

Das ergibt sich allein schon aus der demografischen Entwicklung. Die Baby-Boomer-Generation steuert auf die Rente zu. Die Zahl der Frauen und Männer im arbeitsfähigen Alter wird in den nächsten 20 Jahren stetig sinken. Deshalb suchen viele Unternehmer händeringend nach Azubis. Das sind in sehr vielen Fällen Beschäftigte, die nach der Ausbildung mit ganz speziellen Kenntnissen und Fertigkeiten enorm wichtig für die Produktion, aber zunehmend auch für Dienstleistungen sind. Sechs von zehn Firmen geben an, dass Fachkräftemangel derzeit schon ein zentrales Geschäftsrisiko darstelle.

Am Ausbildungsmarkt ist die Lage aus Sicht der Unternehmen zuletzt besser geworden. Gleichwohl gibt laut der DIHK-Umfrage nach wie vor knapp ein Drittel aller befragten Betriebe an, dass nicht alle von ihnen angebotenen Ausbildungsplätze besetzt werden konnten. Schon im vorigen Jahr sei es aber trotz rückläufiger Schülerzahlen gelungen, mehr Ausbildungsverträge zu schließen, so Dercks. Dies setze sich in diesem Jahr auf vergleichbarem Niveau fort. Auch weil es gelinge, zunehmend mehr Abiturienten und Studienabbrecher in das duale System aus Betrieb und Berufsschule zu bringen, was sich auch am steigenden Alter der Azubis bemerkbar macht. Wer heute eine Ausbildung startet, ist im Schnitt 20 Jahre alt. Darunter befinden sich auch Leute, die nach der Schule lange gejobbt haben, die einem unrealistischen Berufsziel hinterhergelaufen sind oder „keinen Einstieg“ fanden, wie es in der DIHK-Studie heißt.

Dies deutet auf ein tiefliegendes Problem hin, das immer gravierender wird. Aus einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) geht hervor, dass im vorigen Jahr mit 574 185 betrieblichen Ausbildungsplätzen eine Höchstmarke erreicht wurde. Damit verringerte sich auch der Abstand zur Gesamtnachfrage, die das BIBB mit 610 032 beziffert. Dennoch schrumpfte die Zahl der vergeblich nach einem Ausbildungsplatz Suchenden nur relativ gering: auf 78 619. Als Ursache für diese Entwicklung weisen die Experten des Instituts „auf erneut zunehmende Passungsprobleme“ hin. Die Vorstellungen der Jugendlichen und der Betriebe würden immer stärker voneinander abweichen. Angebot und Nachfrage fänden nicht mehr im selben Maß wie früher zusammen.

Der Grund: In den vergangenen zehn Jahren seien die Schulabschlüsse stark nach „oben verschoben“ worden, so die Experten – mit deutlich mehr Abiturienten und weniger Hauptschulabschlüssen. Deshalb fällt es auch immer schwerer, in vielen klassischen Berufsfeldern für Hauptschüler Azubis zu finden – als da sind beispielsweise Bäcker/in oder Verkäufer/in in der Lebensmittelbranche oder Berufe in der besagten Gastronomie wie Restaurantfachmann/-frau. Deshalb sind dort Geflüchtete höchst willkommen.

Diese Entwicklung hat eine Kehrseite, die zeigt, dass aus Sicht der Bewerber auf dem Ausbildungsmarkt keineswegs alles golden glänzt. So ist es enorm schwer, in vielen Berufen, die für Abiturienten typisch sind, einen Azubi-Platz zu bekommen: Etwa wenn junge Leute Fotograf/in oder Mediengestalter/in werden wollen. Der DIHK fordert denn auch von der Politik „mehr Engagement in der Berufsorientierung“. Fast jeder zweite Betrieb habe in der Befragung angegeben, dass „realistische Berufsvorstellungen der Jugendlichen das Ausbilden erleichtern würden“.

Wie die Bundesagentur für Arbeit kürzlich mitteilte, waren im Juli noch rund 207 200 unbesetzte Ausbildungsstellen zu vermitteln. Das Ausbildungsjahr hat am 1. August begonnen.

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