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Untote, die sich schnell vermehren und die Leben „anstecken“: Der Zombie passt als Metapher ganz prima zum Finanzmarktkapitalismus.

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Der Aufstand der Untoten

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Die Zahl der Zombie-Firmen, die von den niedrigen Zinsen künstlich am Leben erhalten werden, nimmt weltweit zu. Das zeigt: Die Krise ist noch nicht vorbei.

Die Welt der Unternehmen wird zunehmend von Gruselgestalten bevölkert: den Zombies. Als lebende Tote machen sie den tatsächlich Lebenden die Existenz streitig. Auf den Unternehmenssektor übertragen heißt das: Sie treiben ihre Wettbewerber in ein ebenfalls untotes Dasein. Wer sind diese Zombies, wo kommen sie her?

Die mythische Gestalt des Zombie stammt aus Haiti, erfunden wurde sie von den dort gehaltenen und gehandelten Sklaven. Als bedrohlich gilt der Zombie, weil er sich schnell vermehrt und weil er die Lebenden „anstecken“ kann – er macht sie zu einem von ihnen. Als Metapher passt er zum Finanzmarktkapitalismus. Denn „im Zombie verkörpert sich die stets gegenwärtige, absolut unberechenbare Bedrohung, wie sie in einer Ökonomie, die im Kern auf nicht einlösbaren Versprechen beruht, gegeben ist“, so der Autor Thomas Steinfeld. Der Zombie sei deshalb die leibhaftige Finanzkrise. „Auch bei ihr weiß man nicht, wann, wo und in welcher Form sie auftritt.“

Laut Industrieländerclub OECD nimmt die Zahl der Unternehmens-Zombies weltweit zu. Im Jahr 1990 fielen in den Industrieländern noch zwei Prozent der Unternehmen in diese Kategorie, 2005 waren es neun Prozent, und derzeit wird ihr Anteil auf zwölf Prozent geschätzt. In Spanien sollen es sogar 20 Prozent sein.

Als „untot“ gelten diese Firmen, weil sie für ihr Geschäft Kredite aufgenommen haben, doch ihre Zinsen kaum oder nicht bedienen können. Dass sie nicht endgültig sterben, liegt erstens an den Zentralbanken, die die Zinsen drastisch gesenkt haben und so den Zombies eine vorläufige Existenz ermöglichen; zweitens am Staat, der wie in China Unternehmenspleiten verhindert; und drittens an den Geschäftsbanken, die fällige Zinsforderungen nicht einklagen und damit säumige Schuldner liquidieren, sondern stattdessen die faulen Kredite in ihren Büchern behalten. Dies tun die Banken nicht aus Gutherzigkeit, sondern um zu vermeiden, die faulen Kredite endgültig abzuschreiben und so latente Verluste zu realisieren.

Als Zombies gelten heutzutage also Unternehmen, die die Zinsansprüche des Finanzkapitals kaum oder nicht erfüllen können. Zur ihrer Verteidigung könnte man einwenden, dass sie ja Arbeitsplätze bieten, Löhne zahlen, Güter produzieren und insofern gesamtgesellschaftlich nützlich sind. Zum Problem werden Zombies aber für ihre Konkurrenten. Denn statt unterzugehen, bleiben sie am Markt, erhöhen das Angebot an Waren und verschärfen die Konkurrenz. Die Überproduktion drückt tendenziell die Preise und die Produktivität der Gesamtwirtschaft.

Die Ausbreitung der Unternehmens-Zombies sehen Ökonomen meist als Folge einer falschen Politik, die mit „künstlich“ niedrigen Zinsen Totes am Leben erhält. Doch so einfach ist es nicht. Denn die Zombies sind nicht nur ein Erbe der vergangenen Krise. Sie zeigen auch, dass diese Krise nicht vorüber ist. Noch werden schwache Firmen über Wasser gehalten. Die in der Krise eigentlich fällige Entwertung von Kapital wurde nicht vollzogen, sondern aufgeschoben. Das spüren die Unternehmen heute als immer enger werdenden Weltmarkt. Der daraus folgende Kampf um die Erträge dieses Weltmarkts – Stichwort Handelskrieg – ist der Kampf der Standorte darum, wer die finalen Kosten der Krise zu tragen hat.

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