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Neelima Tirkey kam als junge Frau nach Neu-Delhi, um als Hausangestellte zu arbeiten. Heute ist sie Aktivistin für die Rechte der Maids ? und: "stolz und glücklich".

Indien

Der Aufstand der Hausangestellten

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Viele junge Inderinnen vom Land arbeiten als Angestellte für reiche Familien - manche werden ausgebeutet und misshandelt. Ein Zusammenschluss ehemaliger Dienstmädchen und Gewerkschafter setzt sich für sie ein.

An ihren ersten Arbeitstag erinnert sich Neelima Tirkey noch ganz genau. Sie sollte für die Familie ihres Hausherren Chapati backen, indisches Brot. „Aber ich hatte keine Ahnung. Bei uns zu Hause essen wir nur Reis.“ Neelima Tirkey war damals 21 Jahre alt. Sie kam nach Neu-Delhi, um als Maid, als Dienstmädchen, zu arbeiten. Denn in ihrer Heimat im Bundesstaat Jharkhand, im Nordosten von Indien, lebte ihre Familie in extremer Armut – ohne Aussicht auf Besserung. „Eine Gruppe von Fremden sagte, es gäbe Arbeit in Delhi. Ich wusste nicht, was mich erwartet, aber die Situation zu Hause ließ mir keine andere Wahl als mich darauf einzulassen“, erzählt die heute 39-Jährige.

Was sie damals in Neu-Delhi erwartete, erinnert eher an die Arbeit eines Haussklaven: Sie musste jeden Tag vor allen anderen aufstehen und das Frühstück zubereiten, aufräumen, den Tisch decken und die Familie am Tisch bedienen. Danach dann: abräumen, abwaschen, das Mittagessen vorbereiten, die Wäsche mit der Hand waschen, das Abendessen vorbereiten und die Küche saubermachen. In den wenigen Stunden, die Neelima Tirkey blieben, um sich auszuruhen: keine Privatsphäre, keinen angemessenen Schlafplatz.

„Menschenhandel ist der normale Weg“

Völlig überfordert von den Eindrücken der Großstadt und ohne jegliche Ausbildung oder Vorbereitung auf ihre Arbeit, war sie viel zu ängstlich und eingeschüchtert, um sich gegen die Ausbeutung zu wehren und mit der Familie über bessere Arbeitszeiten geschweige denn ein höheres Gehalt zu verhandeln. Was sie damals nicht wusste: So wie ihr ergeht es vielen jungen Frauen aus den Bundesstaaten Jharkhand, Orissa, Chhattisgarh, Assam und West Bengal, wo der Bevölkerungsanteil der sozial benachteiligten niedrigeren Kasten und Ureinwohner besonders hoch ist – und die Zukunftsaussichten besonders düster.

„Nur zehn Prozent der Bediensteten aus diesen Staaten kommen durch sichere Migration in die großen Städte. Menschenhandel ist der normale Weg“, erzählt Prince Varghese, Projektkoordinator beim „Domestic Worker Forum“ (DWF). Das DWF ist ein Zusammenschluss ehemaliger Dienstmädchen und Gewerkschafter, die sich für die Rechte der Maids stark machen. Rund 95 Prozent der Angestellten in privaten Haushalten sind Frauen. Prince Varghese und die anderen Aktivisten sehen diese Arbeit nicht grundsätzlich als ausbeuterisch und schlecht, sondern auch als Chance an – solange die Bedingungen stimmen.

Gewerkschaften und Verbände behaupten gar, die gesamte indische Wirtschaft könnte profitieren, wenn dieser Dienstleistungssektor reguliert werden würde. Doch im Moment bedeutet dieses Vakuum für die Frauen vor allem: Unsicherheit. „Den Frauen werden falsche Versprechungen gemacht: viel Geld, ein Zimmer mit Klimaanlage und Sicherheit“, berichtet Vaghese.

So gesehen hatte Neelima Tirkey Glück – ihre Vermittlungsagentur stellte sich als integer und loyal heraus. Denn als sie eines Morgens früh aufstand, um zur Kirche zu gehen, sah sie, dass der Sohn ihrer Familie direkt neben ihr auf dem Sofa schlief. Aus Angst vor einem Übergriff vertraute sie sich der Agentur an, die ihr die Stelle vermittelt hatte. Die Agentur schaltete die Polizei ein und Neelima Tirkey wurde an eine neue Familie vermittelt.

Schlechte Bezahlung und kein freier Tag

Diese positive Erfahrung, Hilfe zu bekommen, ermutigte die junge Frau, sich für die Rechte der Hausangestellten einzusetzen. Nach zwei weiteren Jahren als Maid kündigte sie, gründete eine Familie – und machte ihr Engagement zum Beruf. Mittlerweile ist sie eine der zehn Anführerinnen beim „Domestic Worker Forum“, die den Arbeitskampf in Neu-Delhi organisieren. Die Gruppe trifft sich jeden Montag zum Austausch in den Räumen der Organisation, die von kirchlichen Trägern unterstützt wird.

Im DWF sind rund 4000 Arbeiterinnen organisiert. Neelima Tirkeys Aufgabe ist es, in ihrem Gebiet – Nord- und Nord-West-Delhi – für die Hausangestellten da zu sein. Sie nimmt Beschwerden entgegen, ermutigt sie, erklärt, was sie sich nicht gefallen lassen müssen und begleitet sie bei Bedarf zum Arbeitsplatz. „Die häufigsten Probleme“, erklärt Tirkey, „sind schlechte Bezahlung, fehlender Kündigungsschutz, kein freier Tag und des Diebstahls beschuldigt zu werden.“ Und Frauen, die selbst Kinder haben, sehen sie in der Regel nur selten, weil ihnen die langen Arbeitszeiten in Verbindung mit meist unbezahltem Urlaub keine andere Wahl lassen.

Die besondere Herausforderung im Kampf für die Rechte der Maids: Hausarbeit findet an einem arbeitsrechtlich gesehen ungewöhnlichen Ort statt – in privaten Haushalten. Das macht eine Kontrolle der Arbeitgeber fast unmöglich. Hinzu kommt, dass Hausarbeit immer noch nicht als offizielle Arbeit anerkannt ist. Dabei unterscheidet sich das Arbeitsverhältnis der Hausangestellten stark von anderen. Dienstmädchen werden als „Helferinnen“ und als „Teil der Familie“ angesehen.

Durch diese Sicht werden die Maids weder von Arbeitgeberseite noch von der Politik als offizielle Arbeitnehmerinnen mit Rechten wahrgenommen. Diese ungewöhnliche Situation macht den Arbeitskampf besonders komplex. Traditionelle Arbeitsrechte wie Mindestlohn und geregelte Arbeitszeiten einzuführen, ist daher besonders schwierig.

Hinzu kommt das extreme Machtgefälle. Die reiche indische Mittelschicht – gepaart mit dem Selbstbewusstsein der oberen Kasten – trifft auf ungebildete Frauen vom untersten Rand der indischen Gesellschaft. „Die Arbeiterinnen müssen ihre Rechte kennen und selbstbewusst auftreten. Nur so können wir überhaupt gewinnen“, sagt Tirkey und fügt mit fester Stimme hinzu: „Wir müssen stark sein und mehr Macht gewinnen. Deshalb wollen wir eine Gewerkschaft gründen. Nur organisiert und mit Anerkennung der Regierung haben wir eine Chance.“

Ohne Gesetz kaum Hoffnung auf Gerechtigkeit

Das Erstaunliche: Bereits 2011 haben Hausangestellte bei der International Labour Conference einen ersten großen Sieg errungen. Die Konvention für die Rechte von Hausangestellten der „International Labour Organization“ (ILO) wurde von einer Mehrheit der Mitgliedsstaaten verabschiedet. Auch Indien hat die Konvention für mehr Rechte der Hausangestellten unterschrieben – aber noch nicht umgesetzt. Ohne ein nationales Gesetz hätten Hausangestellte aber nach wie vor kaum Hoffnung auf Gerechtigkeit, so die „National Platform for Domestic Workers“, ein Zusammenschluss von Organisationen, die für die Rechte Hausangestellter eintritt.

Aktivistin Tirkey sagt, Gesetze seien gut und wichtig und die ILO-Konvention sei hilfreich für ihre Arbeit. Es gebe bereits einen Entwurf, der vieles enthält, um das Leben der Maids zum Besseren zu wenden: Die Forderung nach sozialer Absicherung, einer 48-Stunden-Woche, Mindestlohn, Lohnausgleich für Überstunden, einen freien Tag pro Woche und 15 Urlaubstage im Jahr. Auch eine angemessene private Unterbringung im Haus soll den Maids per Gesetz zugesichert werden. Über den Gesetzentwurf soll demnächst im Parlament debattiert werden. Sollte tatsächlich ein Beschluss fallen, bleibt auch für Neelima Tirkey die traurige Gewissheit, dass Gesetze in Indien nicht immer eingehalten werden.

So habe ihre Gruppe in den vergangenen drei Jahren bei 150 Rettungsaktionen Frauen aus Haushalten befreit, in denen sie diskriminiert oder gar verbal oder körperlich misshandelt wurden. Im gleichen Zeitraum wurden aber nur fünf Arbeitgeber angezeigt. „Die Reichen und Mächtigen wissen sich zu helfen“, erklärt Projektkoordinator Prince Varghese. „Genau deshalb braucht es Initiativen wie unsere, in der sich Hausangestellte organisieren können. Das Ziel ist, den Maids eine Stimme zu geben und ihnen das Selbstbewusstsein zu vermitteln, sich gegenüber ihren Arbeitgebern zu behaupten.“

Die wichtigste Errungenschaft des „Domestic Worker Forums“ sieht Neelima Tirkey darin, dass die Frauen und ihre Arbeit überhaupt sichtbar gemacht werden und ihnen eine Stimme gegeben wird: „Das Kollektiv macht die einzelnen Frauen stärker. Den Arbeiterinnen helfen zu können, das macht mich stolz und glücklich.“

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