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Die Bucht von Saint Brieuc: In einigen Jahren sollen hier 62 Windräder stehen.
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Die Bucht von Saint Brieuc: In einigen Jahren sollen hier 62 Windräder stehen.

Widerstand gegen Windpark in Frankreich

Aufstand der Fischer

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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In der Bretagne soll ein riesiger Windpark im Meer entstehen. Die Einheimischen laufen Sturm. Und nicht nur dort gibt es Widerstand gegen den Ausbau der Erneuerbaren Energien.

Bisher waren wir nett“, sagt Alain Coudray und dreht an den drei imposanten Totenkopfringen an seinen Fingern. Der schwarz gekleidete Mann mit Kahlschädel und Tätowierungen bis über den Hals ist kein Rocker, sondern Fischer. Zumindest war er das 28 Jahre lang. Heute ist er pensioniert und leitet das Fischereikomitee des nordbretonischen Département Côtes d’Armor.

Vor ein paar Wochen hat Coudray Präsident Emmanuel Macron einen Brief geschrieben. „Das Maß ist voll, die Seeleute fühlen sich verraten“, schrieb er, um drohend anzufügen: „Wir werden alle Mittel anwenden, um das Projekt zu stoppen.“

Das Projekt: ein riesiger Windpark in der ausladenden Meeresbucht. Er lässt die Wogen höher gehen als jede Flut des gezeitenstarken Ärmelkanals. Coudray präzisiert zwar, er denke nur an „legale“ Mittel. Allerdings rechnet er sich dann wie einst Admiral Nelson vor Trafalgar aus: „Wir haben 300 Schiffe, und wir haben 800 Fischer.“ Das sei genug, um alle Bauarbeiten in der Bucht zu stoppen.

Dann erzählt der massige Fischer, hinter dessen Bürosessel die schwarz-weiße Flagge der Bretagne prangt, die Bucht von Saint-Brieuc sei ein anerkanntes Naturschutzgebiet voller Fische, Vögel und Seefrüchte. Sehr windig sei es hier nicht. „Und dennoch sollen hier 62 Windräder entstehen, allesamt 214 Meter hoch, vom Ufer aus sichtbar. Nicht mit uns!“

Doch hat die Landesregierung in Paris nicht versprochen, die Fischer an dem Projekt zu beteiligen, als sie es dem spanischen Stromkonzern Iberdrola zuschlug? „Eine glatte Lüge“, ereifert sich Coudray.

Fakt ist: Die französische Regierung hatte 2011 ein ehrgeiziges Programm für maritime Windparks lanciert, um den Rückstand auf Großbritannien und Deutschland aufzuholen. Neun riesige Offshoreparks sollten bis 2023 zusammen 2,4 Gigawatt Strom produzieren. Bisher ist kein einziger am Netz. Überall gibt es lokale Einwände, Petitionen und Klagen wegen der Zerstörung des Ökosystems oder anderer, auch visueller Umweltschäden.

Im Hafen von Saint-Quay-Portrieux legt gerade die „Fury Breizh“ an. Kapitän Jonathan Thomas hat nicht viel Zeit, er entlädt Jakobsmuscheln. Der Fang der Fischer wird hier in der Bucht genauestens geregelt, um die Bestände zu erhalten: „Wir dürfen die Muscheln nur zweimal in der Woche fischen, und jeweils nur 45 Minuten lang“, sagt Käpt’n Jo.

Die Coquilles Saint-Jacques (die Jakobsmuscheln) bleiben nicht lange im Hafen. Schon am späten Nachmittag verkauft Jonathans Frau Aurélie die taufrische Delikatesse im Ortszentrum, wegen Covid-19 allerdings nur im Straßenverkauf. Jo muss sich deshalb beeilen. „Nur noch eins“, sagt er: „Mein Boot ist genau ein Jahr alt, es kostete ein Heidengeld. Wenn der Windpark kommt, können wir hier einpacken. Dann verschwinden die Muscheln, die Krabben, die Kalmare, die Rotbarben, der Glattbutt. Als Folge müssten wir Hundert Kilometer Richtung Südbretagne fischen gehen. Das lassen wir nicht zu.“

Iberdrola kontert, der Windpark vor Saint-Brieuc werde 835 000 Haushalte mit Strom versorgen; das entspreche einem Viertel der Bretagne. Die dreißig Kilometer Stromkabel würden größtenteils im Meeresboden vergraben, so dass die Laich- und Nährplätze verschont blieben. Aus Rücksicht auf die Fischer werde der Lärm der Bauarbeiten zudem stark eingeschränkt.

Alain Coudray lacht nur: „Iberdrola behauptet, die Bohrungen seien unter Wasser nicht lauter als ein Jetski. Ein solches Ding lärmt aber im Vorbeifahren nur ein paar Sekunden – die Bauarbeiten dauern dagegen drei Jahre. Danach wären die Fische und Muscheln längst verschwunden.“

Die nordbretonischen Fischer mobilisieren nicht allein gegen die Offshoreparks. Widerstand gibt es auch in Tréport (Normandie), Dunkerque (Nordfrankreich) oder auf den Inseln Belle-Ile-sur-Mer (Südbretagne) und Oléron (Atlantik). Das zeigt auch, wie sehr sich die üblichen umweltpolitischen Fronten vermischen. Naturschützer:innen und Fischer, die häufig unterschiedliche Vorstellungen vom Schutz der maritimen Fauna und Flora haben, machen gemeinsame Sache gegen die Windenergie; die Grünen sind gespalten.

Obwohl Macron alles daransetzt, sich vor der Präsidentschaftswahl 2022 als ökologischer Pionier der Erneuerbaren zu präsentieren, beißt er lokal auf Granit. Erst an drei Orten, in Courseulles, Fécamp und Saint-Nazaire, haben Bauarbeiten für Meeres-Windparks begonnen, ein Termin für die Inbetriebnahme ist allerdings nicht in Sicht.

Macron musste 2020 einräumen, der „Konsens für die Windenergie in unserem Land“ werde „schwächer“. Der Windkraftverband „France Énergie Éolienne“ (FEE) äußerte daraufhin seine „Enttäuschung“ über die Staatsführung. Sie habe versprochen, dass die erneuerbaren Energien bis zum Ende des laufenden Jahrzehnts 40 Prozent der nationalen Stromproduktion ausmachen würden. Davon sei Frankreich weit entfernt. Es stimmt, heute entfallen in Frankreich fast drei Viertel der nationalen Stromproduktion auf die Atomkraft. Langfristig soll der Energiemix noch zu 60 Prozent aus Atomkraft bestehen. Allein, der politische Wille dazu fehlt.

Denn der längst amortisierte AKW-Park Frankreichs liefert günstigen Strom für 50 Euro pro Kilowattstunde. Beim Offshore-Windpark von Saint-Brieuc musste die Regierung einen Abnehmerpreis von 155 Euro je Kilowattstunde garantieren, um Betreiber wie Iberdrola anzuziehen. Solange Frankreich auf Atomkraft setzt, werden Windparks also nie wettbewerbsfähig sein.

Katherine Pujol von der lokalen Anti-Windpark-Organisation „Gardez le cap“ hat ausgerechnet, dass der französische Staat Iberdrola in den nächsten zwanzig Jahren für den Park von Saint-Brieuc 4,7 Milliarden Euro an Subventionen zahlen muss, um unter anderem den hohen Abnahmepreis zu garantieren. „Das ist ein Skandal“, schimpft die Umweltschützerin. „Die Windenergie ist in Wahrheit weder ökologisch noch ökonomisch.“ Ein Argument, das man in Frankreich landesweit hört.

Pujol plädiert zusammen mit den Fischern von Saint-Brieuc für eine Alternative: Ein Dünungskraftwerk soll mit Hilfe des archimedischen Prinzips auch aus dem geringen Wellenschlag der Bucht Energie produzieren. Fischer Coudray unterstützt das sogenannte Hace-Verfahren des Start-up-Unternehmers Jean-Luc Stanek ebenfalls: „Es schützt die maritime Biosphäre, ist CO2-neutral und mit 20 Euro pro Kilowattstunde siebenmal billiger als Windkraft. Ich kenne mich zwar eher mit Fischernetzen aus, aber dass dieses Verfahren Hand und Fuß hat, sehe ich auch.“

Bloß hat die Regierung in Paris Mitte April angekündigt, die Bauarbeiten für den Windpark vor Saint-Brieuc begännen im Mai. Coudray seufzt tief. „Dann werden wir eben sehen, wer stärker ist“, sagt der lokale Fischerboss und massiert die silbernen Totenköpfe an seinen Fingern.

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