Angst vor Jobverlust

"Aufbegehren ist gesünder"

Laut Wirtschaftspsychologe Peter Richter reagieren viele Arbeitnehmer mit übermäßiger Anpassung auf Angst um den Job und werden krank.

Herr Richter, täglich häufen sich die Nachrichten von Entlassungen, Kurzarbeit, Firmenpleiten. Wie reagieren die Menschen darauf, die ihren Arbeitsplatz noch haben?

Die allermeisten sind grundlegend verunsichert, was sich oft in einer verstärkten Anpassung äußert. Diese Anpassung führt dazu, dass sich kaum noch jemand traut, krank zu sein. Und sie führt zu einer fast bedingungslosen Bereitschaft, jeder Lohnsenkung, jeder Stellenkürzung, jedem noch so prekären Arbeitsverhältnis zuzustimmen.

Gehen die Menschen auch anders mit ihren Kollegen um?

Ja, wir beobachten, dass Mobbing zunimmt. Diese Reaktion wiegt psychologisch sogar schwerer. Dabei ist es nicht allein eine Frage des persönlichen Charakters, wer mobbt, sondern das liegt häufig auch an der Arbeitsorganisation. Bei großem Zeitdruck, wenig Handlungsspielräumen, schlecht ausgeprägter Teamarbeit steigt das Mobbingrisiko. Und das wird durch eine allgemeine Arbeitsplatzbedrohung noch verstärkt.

Es gibt Studien, wonach psychische Probleme, wie wir sie von Langzeitarbeitslosen kennen, bereits vor dem Jobverlust auftreten.

Ja, die Symptome werden bereits durch die Angst vor der Arbeitslosigkeit ausgelöst. Das Ganze beginnt meistens mit Zeichen emotionaler Verunsicherung wie Schlafstörungen, mit psychosomatischen Beschwerden im Magen-Darm- und Herzbereich, mit Rückenschmerzen. Das sind die typischen Projektionszonen einer gekränkten Seele, aus der Krankheit werden kann.

Warum ist die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust so groß?

Wir Deutschen definieren unseren Selbstwert im Vergleich zu anderen Nationen außergewöhnlich stark über die anerkannte Erwerbsarbeit. Im bezahlten Erwerbsleben zu stehen ist einer der stabilisierendsten Faktoren der Selbstachtung. Das betrifft Männer noch stärker als Frauen. Diese Fixierung ist besonders dramatisch, weil von Leiharbeit und Prekarisierung ja mittlerweile nicht nur unqualifizierte Menschen betroffen sind, sondern das geht weit in die Mittelschicht und in die Managerebene.

Aber gerade diese qualifizierten Arbeitnehmer müssten doch jetzt offensiv die Systemfrage stellen, statt zum Beispiel noch mehr Überstunden für noch weniger Geld zu machen?

Auch Akademiker sind immer stärker sehr instabilen Arbeitsverhältnissen ausgesetzt, in der Medienbranche zum Beispiel, aber auch Softwareentwickler, Kreative, Projektmanager - all diese modernen Berufe. Ihre Auftragslage schwankt, und wenn sie Arbeit haben, ist die mit großem Stress, extrem langen Arbeitszeiten und Druck verbunden. Das macht auch der Körper junger Menschen nur eine begrenzte Zeit mit. Deshalb fehlt diesen Menschen häufig die Kraft, sich solidarisch zusammenzuschließen und zu kämpfen.

Zumal in der modernen Arbeitswelt, wie Sie sie beschreiben, die Menschen allein zu Hause am Rechner schuften und nicht mit hundert anderen in der Fabrikhalle.

Richtig, und das sehe ich als ganz großes Problem. Wir haben Studien durchgeführt über virtuelle Arbeitsgemeinschaften, wo die Kommunikationen nur noch über Telefon und E-Mail läuft. Und festgestellt, dass Unsicherheit und Vertrauensverlust viel größer sind, als in einer normalen Belegschaft - eben weil man sich gar nicht persönlich kennenlernt. All diese wunderbaren Vorteile moderner Kommunikationstechnik werden erkauft mit größerem seelischem Druck.

Aber wäre es für den Einzelnen nicht besser, sich gegen den zunehmenden Druck zu wehren, statt eine defensive Anpassungsstrategie zu verfolgen?

Natürlich ist Aufbegehren gesünder. Menschen, die sich stark engagieren, über Streiks, Betriebsbesetzungen, kollektiven Widerstand, leiden selbst unter Stress seltener an Burn-out und Erschöpfung. Gerade die Gewerkschaften versuchen ja auch, eine betriebliche Solidarität aufzubauen. Diese Solidarisierung ist allerdings häufig in den letzten Jahrzehnten durch Deregulierungspolitik zerstört worden.

Wie sollten die Leute mit dem wachsenden Druck umgehen, um eben nicht krank zu werden?

Das Wichtigste ist, soziale Netzwerke aufrechtzuerhalten. Denn gerade in der Krise neigen alle Menschen dazu, zuerst an sich selbst zu denken und sich zurückzuziehen. Stattdessen sollten sie sich gewerkschaftlich organisieren. Sie müssen die Möglichkeit haben, über die Art der Arbeit, Gehalt und Bedingungen auf Augenhöhe verhandeln zu können. Deswegen halte ich auch das Mitbestimmungsgesetz für so unerhört wichtig. Die Arbeitgeber wiederum müssten gerade in der jetzigen Situation dafür sorgen, dass ihre Leute genügend soziale und inhaltliche Handlungsspielräume haben. Dass man zum Beispiel Arbeit umverteilt oder für flexible Arbeitszeiten sorgt, damit die Leute dem Druck ausweichen können.

Das Mitbestimmungsgesetz ist ein Punkt. Wo ist die Politik noch gefragt?

Was wir vor allem brauchen, ist für jeden eine sichere Erwerbsarbeit, mit der sich der Lebensunterhalt komplett bestreiten lässt. Andere Länder wie Frankreich oder die Niederlande sind uns da voraus, was die Rahmenbedingungen angeht. In Frankreich zum Beispiel gibt es für Leiharbeiter einen sogenannten Prekaritätszuschlag, die verdienen z. B. mehr Geld als die Dauerbeschäftigten, weil sie unter Risikobedingungen arbeiten müssen. In Deutschland würde so ein Vorschlag wie kommunistische Konterrevolution verstanden. Hier ist es völlig normal, dass Leiharbeiter 20 bis 30 Prozent weniger Gehalt bekommen. Genau das sind aber die Faktoren, die psychische Probleme durch gesellschaftlichen Ausschluss und Kränkungen auslösen, lange bevor die Arbeitslosigkeit tatsächlich eintritt.

Interview: Nadja Erb

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