Rupert Stadler, Audi-Chef, soll schon lange über Probleme mit der Abgasreinigung im Bilde gewesen sein.
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Rupert Stadler, Audi-Chef, soll schon lange über Probleme mit der Abgasreinigung im Bilde gewesen sein.

Diesel-Skandal

Ein Audi-Manager packt aus

  • vonStefan Sauer
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Der inhaftierte Giovanni P. belastet Audi-Chef Rupert Stadler und den ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn im Diesel-Skandal schwer.

Die Unternehmensführung hatte sich von den Entlassungen wohl Entlastung in eigener Sache erhofft. Vor elf Monaten setzte Audi seinem Entwicklungsvorstand Stefan Knirsch den Stuhl vor die Tür, weil der Spitzenmanager offenkundig seit Jahren von den Dieselabgas-Manipulationen gewusst hatte. Auch mehrere nachgeordnete Techniker aus Knirschs Abteilung mussten ihren Hut nehmen. Damit, so das Kalkül der Ingolstädter Chefetage, könnte es mit der Suche nach Urhebern und Mitwissern des Abgasskandals sein Bewenden haben. Das hat es aber nicht.

Im Gegenteil: Nach einem Bericht von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ vom Montag erhebt ein gefeuerter Audi-Motorenentwickler ebenso detaillierte wie schwerwiegende Vorwürfe gegen höchste Führungskräfte, allen voran gegen den aktuellen Audi-Vorstandsvorsitzenden Rupert Stadler sowie den einstigen VW-Konzernchef Martin Winterkorn. Beide hätten lange vor Bekanntwerden des Abgasskandals von den Manipulationen gewusst – was beide bis heute vehement bestreiten. Sollten sich die Vorwürfe des aussagenden Ingenieurs Giovanni P. bewahrheiten, „wäre Stadler an der Audi-Spitze kaum zu halten“, sagte Automobilwirtschaftsforscher Ferdinand Dudenhöffer der Frankfurter Rundschau am Montag.

Martin Winterkorn soll seit 2006 von Problemen gewusst haben

Dem Bericht zufolge hat P., der bis zu seinem Rauswurf Ende 2015 bei Audi für die Dieselmotorenentwicklung verantwortlich zeichnete und seit Anfang Juli in Stadelheim in Untersuchungshaft sitzt, der Staatsanwaltschaft München II ein 28 Seiten umfassendes Zeit-Tableau mit 44 brisanten Vorgängen übergeben. Demzufolge wusste der gesamte Audi-Vorstand einschließlich Stadler seit mehr als sieben Jahren vom Abgasproblem bei Dieselfahrzeugen des Konzerns.

Noch viel früher, nämlich am 9. Oktober 2006, soll der damalige Audi-Chef Winterkorn, der wenig später die VW-Führung übernahm, von grundlegenden Problemen mit der Dieselabgas-Reinigung unterrichtet worden sein. Ein Jahr darauf will P. selbst mehrere Führungskräfte der Ingolstädter Konzerntochter über Abgasreinigungsmängel des VW-Modells Touareg informiert haben. Von der Manipulation der Software, mit deren Hilfe die Abgasreinigung im realen Straßenverkehr abgeschaltet wurde, erlangte der gefeuerte Audi-Vorstand Knirsch laut P. am 11. Oktober 2013 Kenntnis. Und Stadler soll in Arbeitskreisen am 1. April 2010 und am 11. Juni 2012 erfahren haben, dass die Neutralisierung von Stickoxiden mit dem synthetischen Harnstoff Adblue nicht wie gewünscht funktioniert.

Zentraler Grund für die Schwierigkeiten war nicht das Reinigungsverfahren an sich, sondern die hohen benötigen Adblue-Mengen. Um die gesetzlichen Abgasgrenzwerte einzuhalten, hätten entweder die eingebauten Tanks für den Harnstoff viel größer ausgelegt werden müssen – was aus Platz- und Gewichtsproblemen unterblieb. Oder aber man hätte den Kunden zumuten müssen, in kürzeren Abständen selbst die Harnstoffflüssigkeit nachzufüllen, was gerade auf dem US-Markt kaum durchsetzbar gewesen wäre. Schließlich hatte der Konzern seine „Clean-Diesel“-Modelle auch damit beworben, es reiche aus, das Adblue im Rahmen der empfohlenen Inspektionen von den Werkstätten auffüllen zu lassen.

In welchem Umfang war Stadler informiert?

Die tatsächlich gefundene „Lösung“ sah dann ganz anders aus: Mit dem elektronischen Herunterregeln der Adblue-Zufuhr im Alltagsverkehr wurde die benötigte Menge dem Tankvolumen angepasst, um den Preis weit überhöhter Emissionen der gesundheitsschädlichen Stickoxide.

Dass zumindest Winterkorn früh von unterdimensionierten Adblue-Tanks und den daraus abgeleiteten Folgen wusste, steht für Dudenhöffer außer Frage. „Winterkorn hat doch jede Schraube nachgezählt, sich in jedes Detail eingemischt. Das war sein Markenzeichen. Deshalb halte ich es für absolut unwahrscheinlich, dass er so viele Jahre vom Adblue-Problem nichts gewusst haben soll“, betont der Wirtschaftsprofessor der Uni Duisburg Essen. Er habe nie an die Mär von den bösen Buben auf mittlerer Unternehmensebene geglaubt, die ohne Wissen des Vorstands eine Manipulationssoftware entwickelten und in Millionen Fahrzeuge des VW-Konzerns einbauen ließen, so Dudenhöffer weiter.

Wann und in welchem Umfang auch Stadler informiert war, wird die Münchner Staatsanwaltschaft auf Grundlage der detaillierten Angaben des inhaftierten Ingenieurs P. in den kommenden Wochen und Monaten ermitteln. Sollten sich die Anschuldigungen des inhaftierten Ingenieurs gegen Stadler nachweisen lassen, käme dies laut Dudenhöffer einem „Dammbruch“ gleich: Der Konzern sähe sich mit einer weiteren Klagewelle seitens geschädigter Aktionäre und Kunden konfrontiert.

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