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Steile Karriere, tiefer Fall: Rupert Stadler steht seit elf Jahren an der Spitze der VW-Tochter Audi.

Dieselaffäre

Audi-Chef Stadler in Haft

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Wegen Vedunklungsgefahr wurde der Topmanager im Zuge des VW-Dieselskandals vorübergehend festgenommen. Bram Schot soll Interimschef werden.

Seit mehr als einem Jahr ermitteln Fahnder der Staatsanwaltschaft München 2 in Sachen Diesel-Skandal gegen die VW-Tochter Audi. Nun hat die Justiz bei dessen Aufklärung zum bislang schärfsten Mittel gegriffen und den Audi-Chef Rupert Stadler am Montag in Untersuchungshaft nehmen lassen. In Wolfsburg trat daraufhin der VW-Aufsichtsrat zusammen. Nach Informationen mehrerer Medien sollte Stadler beurlaubt und Audi-Vertriebschef Bram Schot interimsmäßig zum neuen Audi-Chef bestellt werden, um die Handlungsfähigkeit des Audi-Managements zu gewähren. Der Niederländer ist erst seit Herbst 2017 im Audi-Vorstand, gilt damit als unbelastet und hatte zuvor bei VW und Daimler gemanagt.

Früher am Tag hatte eine Ermittlungsrichterin für Stadler wegen Verdunkelungsgefahr U-Haft angeordnet, sagte Staatsanwalt Stephan Necknig. Er begründete die U-Haft mit konkreten Hinweisen, Stadler habe entweder geplant, Beweismittel verschwinden zu lassen, oder sich mit Zeugen oder anderen Beschuldigten absprechen wollen. Über seinen Anwalt habe der 55-jährige Audi-Chef mitteilen lassen, dass er zu einer Aussage noch in dieser Woche bereit sei.

Spätestens diesen Mittwoch soll Stadlers Vernehmung beginnen. Falls er dabei kooperiere und sachdienliche Hinweise zur Aufklärung der Diesel-Affäre mache sowie eine Verdunkelungsgefahr entkräften könne, könne er danach wieder freigelassen werden, erklärte Necknig. Andernfalls könne die U-Haft auch über mehrere Monate hinweg aufrechterhalten werden. So sitzt der ehemalige Porsche-Vorstand und frühere Chef der Audi-Motorenentwicklung Wolfgang Hatz wegen der Diesel-Affäre bereits seit vorigen September in U-Haft.

Stadler ist in seiner Ingolstädter Privatwohnung festgenommen worden. Sein Anwalt wollte vorerst keine Stellungnahme abgeben. Konzernmutter VW und Audi reagierten auf die Verhaftung des Topmanagers mit einem Verweis auf die Unschuldsvermutung, wollten sich wegen der laufenden Ermittlungen aber inhaltlich nicht weiter äußern. Der am Montag turnusmäßig bei VW in Wolfsburg tagende Aufsichtsrat musste sich zwangsweise mit der Causa Stadler befassen. Das Treffen war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet. Es sei dem Aufsichtsgremium klar, dass eine U-Haft lange dauern und ein Manager in dieser Zeit seine Geschäfte nicht ausüben könne, hieß es zuvor im Umfeld der Aufseher.

Oppositionspolitiker fanden klarere Worte. „Heute ist die Mär der Autoindustrie endgültig in sich zusammengefallen, beim Abgasskandal handle es sich nur um die Verfehlung einzelner Ingenieure“, sagte Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer. Es werde immer klarer, dass das Tricksen und Betrügen in den Konzernen von ganz oben mindestens toleriert, wenn nicht sogar angeordnet worden sei.

Zumindest Letzteres werfen die Münchner Ermittler Stadler dem Vernehmen nach allerdings nicht zur Last. Gegen ihn und einen weiteren amtierenden Audi-Vorstand wird seit Ende Mai wegen Betrugs und mittelbarer Falschbeurkundung ermittelt. Stadler soll nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft und entgegen seiner bisherigen Beteuerungen schon vor gut zwei Jahren von der Abgasmanipulation gewusst, aber den Verkauf von Audi-Dieselmodellen mit Betrugssoftware in Europa dennoch nicht unterbunden haben. Dafür will die Justiz eine Mail als Beweismittel gefunden haben, nachdem interne Untersuchungen bei Audi nichts Belastendes gegen Stadler zutage gefördert hatten.

Audi ist im März vergangenen Jahres in den Fokus der Ermittler gerückt, die zeitgleich mit der vorjährigen Audi-Bilanzvorlage zu einer Razzia am Firmensitz in Ingolstadt anrückten. Diesen Februar ist es zu weiteren Durchsuchungen in der Audi-Zentrale und im Werk Neckarsulm gekommen. Vorige Woche wurden dann die Privatwohnungen von Stadler und eines Vorstandskollegen gefilzt.

Dieser Vorstandskollege ist nicht U-Haft genommen worden. Bei ihm bestehe im Gegensatz zum Audi-Chef keine Gefahr, dass er Beweise verschwinden lassen oder sich mit Zeugen absprechen wolle, erklärte die Staatsanwaltschaft München. Dieser Vorstand und Stadler sind mittlerweile die einzigen beiden Mitglieder des siebenköpfigen Audi-Vorstands, die nicht voriges Jahr im Zug eines großen Managementumbaus im Nachgang der Dieselaffäre ausgewechselt wurden.

Auch um Stadler hatte es schon öfter Spekulationen zu einer nahenden Ablösung gegeben. Die bei der Konzernmutter VW dominierenden Eignerfamilien Porsche und Piëch haben sich jedoch bis zuletzt hinter den gebürtigen Bayern gestellt und seinen Rauswurf verhindert. Stadler steht seit elf Jahren an der Spitze von Audi. Für den neuen VW-Boss Herbert Diess ist er nun endgültig zur Belastung geworden. Diess will VW in eine neue und elektrifizierte Zukunft führen sowie die Altlasten des Diesel-Skandals endlich hinter sich lassen.

Die Verhaftung Stadlers macht ihm da einen Strich durch die Rechnung. Das brachte am Montag auch den VW-Aktienkurs unter Druck. „Das hat jetzt nochmal ein ganz neu Qualität und vor allem ausländische Anleger werden davon wachgerüttelt, dass die Sache noch nicht ausgestanden ist“, sagte ein Aktienhändler zur Verhaftung Stadlers.

Den Skandal am Leben hält auch der Umstand, dass Audi die Überprüfung der eigenen Palette an Diesel-Motoren auf illegale Abschaltvorrichtungen immer noch nicht beendet hat. Das soll nun im nächsten Monat so weit sein. Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) hatte zuletzt zudem Rückrufe für mehrere Audi-Dieselmodelle verordnet. Weitere Rückrufe drohen dem Vernehmen nach.

Die Ingolstädter VW-Tochter gilt als eine wesentliche technologische Keimzelle für den konzernweiten Abgasskandal. Audi hat Diesel-Motoren mit Schummelsoftware nicht nur für den eigenen Bedarf entwickelt. Die anrüchigen Aggregate wurden auch in VW- oder Porsche-Modellen verbaut. Audi allein soll in den USA und Europa rund 220 000 Dieselautos mit illegaler Abschaltvorrichtung in den Verkehr gebracht haben.

Fast drei Jahre nach Bekanntwerden des Abgasskandals, der mittlerweile auch auf den Stuttgarter Daimler-Konzern überzugreifen droht, habe es weder VW noch die Branche insgesamt geschafft, einen klaren Schnitt zu ziehen, kritisierte Grünen-Politiker Krischer. Die Festnahme Stadlers zeige, wie wenig der Skandal und seine Folgen von VW und den anderen Autobauern offensichtlich ernst genommen werden. „Es ist gut, dass nun wenigstens Staatsanwälte versuchen, den größten Industrieskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte strafrechtlich aufzuarbeiten, wo die Bundesregierung kläglich versagt hat“, betonte Krischer.

Allein die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt in Sachen Audi mittlerweile gegen 20 Personen. Dazu kommen weitere verdächtige Spitzenmanager aus dem VW-Konzern, die von Ermittlungen der Staatsanwaltschaften Braunschweig und Stuttgart betroffen sind.

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