Durchsuchungen im Bilanzskandal um den Dax-Konzern Wirecard
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Durchsuchungen im Bilanzskandal um den Dax-Konzern Wirecard.

Wirecard

Nun auch noch Betrug

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
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Wegen dubioser Kreditgeschäfte und einem fragwürdigen Zukauf weitet die Staatsanwaltschaft München die Ermittlungen gegen den Zahlungsdienstleister Wirecard aus.

Als die Wirtschaftsprüfer von KPMG Ende April ein Sondergutachten zu Wirecard fertig hatten, sollte das eigentlich einen Befreiungsschlag für den misstrauisch beäugten Dax-Konzern bringen. Das Gegenteil war der Fall. KPMG konnte nicht verifizieren, ob das über Drittpartner beigesteuerte Geschäft in Asien wirklich existiert oder erfunden ist. Heute verdichten sich die Anzeichen für Letzteres. KPMG hatte aber auch anrüchige Kreditgeschäfte und einen dubiosen Zukauf von Wirecard unter die Lupe genommen. Im veröffentlichten Prüfbericht wurden Namen dabei geschwärzt oder durch nichtssagende Kürzel ersetzt. Zudem ist der Originalbericht mit 232 Seiten weit länger als das 74-seitige Dokument, das publik wurde. Im bislang Unbekannten liegt einige Brisanz.

Das geht aus Recherchen von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“ (SZ) hervor, die Einblick in den vollständigen Bericht nehmen und Kürzel durch Klarnamen ersetzen konnten. In Kenntnis dessen muss befürchtet werden, dass Wirecard Hunderte von Millionen Euro an unbekannte Empfänger transferiert hat und sich nicht nur KPMG fragt, ob hochrangige Wirecard-Manager die Nutznießer gewesen sind.

Die Prüfer liefen mit ihren Fragen immer wieder gegen eine Wand. „KPMG konnte nicht feststellen, welche Gesellschaften oder Personen in welchem Umfang (…) wirtschaftlich partizipiert haben.“ So oder ähnlich heißt es im Bericht immer wieder, wenn es um den Verbleib dreistelliger Millionensummen geht. Ein besonders fragwürdiger Vorgang ist der Zukauf eines indischen Unternehmens 2015, der Zugang zu diesem großen Markt bescheren sollte.

Folgeschäden

Fünf Tochtergesellschaften von Wirecard haben nach dem Skandal bei dem Dax-Konzern nun Folgeinsolvenz anmelden müssen. Das meldet das Amtsgericht München. Die fünf Firmen sind für das Aufrechterhalten von Geschäften aber nicht entscheidend, sagt ein Insider.

Gravierender für die Rettungsversuche von Wirecard ist der Verlust von Aldi Süd als prominenten Kunden für Wirecard-Zahlungsdienste. Aldi will nun die Dienste des Konkurrenten Payone nutzen. Eine weitere Hiobsbotschaft ist zudem die Beendigung einer Kooperation mit der japanischen Softbank, von der das US-Blatt „Wall Street Journal“ berichtet. tma

Dafür schloss Wirecard im Oktober 2015 einen Kaufvertrag über 315 Millionen Euro, zahlbar an einen offenbar zur Verschleierung dienenden Fonds namens EMIF 1A mit 88 Euro Stammkapital in der Steueroase Mauritius. Dieser hatte die indische Firma einen Monat zuvor erworben – für 35 Millionen Euro. Derart wundersame Geldvermehrung, in diesem Fall auf Kosten von Wirecard, macht jeden Prüfer hellhörig, zumal KPMG trotz aufwendiger Recherche nicht ermitteln konnte, wer hinter EMIF 1A steht und an wen die 280 Millionen Euro Gewinn geflossen sind.

„Gesprächspartner der Wirecard AG haben angegeben, dass sie keine Anteile am Fund halten“, schreiben die Prüfer im Report. Verdächtigt wurde laut WDR, NDR und SZ vor allem der damalige Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, der jüngst fristlos gefeuert wurde, als flüchtig gilt und mutmaßlich per internationalem Haftbefehl gesucht wird.

Wenn ein Geschäft binnen Monatsfrist zum fast zehnfachen Preis weiterverkauft wird, ist der Käufer entweder dumm, will um jeden Preis kaufen oder es gibt Absprachen. Letzteres könnte so ausgesehen haben, dass Wirecard überteuert kaufte und Teile des Kaufpreises an diejenigen zurückflossen, die den Kauf genehmigt hatten. Illegales Kreislaufgeschäft nennen Forensiker das. Nachweisen konnte KPMG das aber nicht.

Auch per Kreditvergabe wurde der tief gefallene Dax-Konzern geschröpft. Dazu muss man wissen, dass er in Asien nicht über alle nötigen Geschäftslizenzen verfügt und dort mit Dritten kooperiert hat. An der Existenz von drei dieser Partner sind mittlerweile große Zweifel aufgetaucht. Zwei von ihnen räumte Wirecard nach KPMG-Erkenntnissen Kreditlinien über insgesamt 250 Millionen Euro ein – und zwar unbesichert. Noch heute warten Prüfer auf eine Liste der Kunden, die die Partnerfirmen angeblich an Wirecard vermittelt haben. Die Chance ist groß, dass hier Scheingeschäfte vorgegaukelt wurden, um die Wirecard-Bilanzen künstlich aufzublähen, aber auch um Geld aus dem Dax-Konzern abzuzweigen.

Ein weiterer unbesicherter Kredit über 115 Millionen, den das Recherche-Trio identifizieren konnte, floss an eine Ölhandelsfirma in Singapur, deren Manager ein hochrangiger Wirecard-Manager gewesen sei. Interessenskonflikte drängen sich auf. Wirecard hatte sie ignoriert und nach eigenem Bekunden nie nach Hintermännern des Fonds auf Mauritius gefragt. Vielmehr seien die fragwürdigen Kredite noch 2019 vom Wirecard-Vorstand verlängert worden, obwohl Kreditzinsen in Millionenhöhe nicht bezahlt worden waren. Auch die in Sachen Wirecard ermittelnde Staatsanwaltschaft München zieht nun zusätzlich zu Manipulationsvorwürfen auch Betrug in Betracht.

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